ir^'l 'k S-A Xl^O '^ OF COMPARATIYE ZOÖLOGY, AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS. JJ'ouutrc'ö bi) jjifbatc suliscrfptfon, fn 1861. (i) CrLXX:^^^\X No.l'l^L'l ^jTo. lO.jY-jCi. Allgemeine deutsche ]\aturM8tori8che Zeituag. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden und unter Mitwirkung der Herren A. E. Brehm, E. Kluge, L. Rabenhorst, R. Brehm, F. Küchenmeister, L. Reichenbach, G. Carus, B. Matthes, Th. Reibisch, A. Dehne, C. Müller, H. Reinhard, B. Dehne, M. Müller, Tr. Sachse, C. F. Hennig, E. V. Otto, 0. SchlöTTiilch, 0. Klocke, H. Petersen, J. Sussdorf, 0. V. Welck, E. Zschau u. herausgegeben A. von - Dr. Adolph Drechs 1er. Neue Folge: Erster Band. Nebst drei Kupfertafeln. HAMBURG: Rudolf Kuntze. 1855. iv • iJU yiU ¥ r w r t. Von der , ,311^61116111611 deutschen naturhistorisclien Zeitung-" sind bereits die Jahrgänge 1846 und 1847 bei Arnold (Dresden und Leipzig) erschienen. Die ung-ünstigen Zeitverhältnisse verur- sachten bei dem Tode des Verlegers eine Unterbrechung in dem Erscheinen der Zeitung-, Im Verlag-e von Herrn Rudolf Kuntze (Hamburg-) hat mit dem Januarheft 1S55 eine neue Folge dieser Zeitung- beg-onnen. Die in den einzelnen Heften enthaltenen Original- Artikel, deren Verfasser grösstentheils in der Gelehrtenwelt bereits rühmlichst bekannt sind, in einem Bande zu erhalten, wird sowohl Fach- gelehrten, als auch aUgemein wissenschaftlich Gebildeten will- kommen sein. Die von mir abg-efassten kürzeren Mittheilungen aus wissenschafthchen Berichten, namentlich der Akademien zu Paris , W^ien und Berlin , welchen ich, wenn es mir erforderlich schien , einleitende oder ergänzende Bemerkung-en beigegeben habe, enthalten vorzugsweise die allgemeines Interesse erregen- den Resultate der neuesten Forschungen im Gebiete der Natur- wissenschaften. Die im angefügten Literaturblatte der Isis ver- öffentlichten Besprechungen der neueren naturwissenschafthchen Bücher sind zwar allerdings im Sinne der Zeitung, welcher gegen die materiahstische Auffassung und Erklärung der Natur gerichtet ist, klar und bestimmt, aber ohne leidenschaftliche Bitterkeit und mit voller Anerkennung der einzelnen Vorzüge in auch mit unseren Grundansichten nicht übereinstimmenden Werken geformt. IV Die Bücherschau beabsichtigt die Leser auf die bemerkens- wertheil neuen Erscheinungen im hterarischen Gebiete der Na- turwissenschaften aufmerksam zu machen. Für die Hefte des nun foig-enden Jahrganges sind Artikel von Fachgelehrten theils bereits eingesendet, theils zugesagt worden. Die Mittheilungen aus den wissenschafthchen Berichten der genannten Akademien werde ich in der bisherigen Weise fortsetzen. Die zahlreich für die Besprechung in unserem Blatte uns zugesendeten Bücher, die Vervollständigung unserer Bücher- schau durch Anführung von neu erschienenen Werken des Aus- landes, und die Beifügung von Mittheilungen über naturwissen- schaftliche Vereine werden wiederholt Veranlassung geben, das für jedes Heft bestimmte Maass von drei Bogen zu überschreiten. Die veranschauhchenden Zeichnungen sollen, wie es zweck- mässig und thunhch ist, entweder in den Text gedruckt oder auf Tafeln beigegeben werden. Die wohlwollende Anerkennung, welche unserem Streben bereits vielseitig zu Theil geworden ist, werden wir uns zu erhalten bemüht sein. Dresden, den 2. Januar 1S56. Dr. Adolph Drechsler. 3 II fj n f t. Seite A. E. Brehm: Die tropischen Wälder und ihre Fauna 209 Ueber egyptis^he Brütofen und österreichische Brütniaschinen 473 R Brehm: Einiges über das Pflegeelternwcsen der Vögel 404 A. Lehne: Psanimomys obesus Rüppel 163 Mus decuraauus Pallas. Mus Musculus L. Hypudaeus: Arvicola subterraneiis de SeUjs. Myoxus speciosus Dehne. Mus sylvaticris L 169 Zu Micromys agilis. Talpa europaea L. Vespertilio Noctula Schrb. Sorex chrysothorax 237 Zu Psammouiys obesus Rüppel, feiste llenninaus. Vespertilio discolor iialicrer. Vesperugo Alcythoe Bonaparle. Vesperngo Savii Bonaparle. Loxia leucoptera Gmelin und Loxia bifasciata Brehm. Halieus Carbo Rliger Musculus mollissimus Dehne 432 Crocydura aranea W. Crossopus fodiens W 476 B. Dehne: Naturhistorisclies aus Mexico 313 Ilennig : Oestrus Equi Linnc. Die Magenbremse. Oestrus Ovis Linnc. Ceplialemyia ovis Laif. Oestrus Cervi Capreoli 297 Klocke : Excursiou nach der kleinen Insel Jordsand an der dänischen Westküste . . . 319 Kluge : Ueber Erhebungskratete und die Bedeutuug des Wortes „Erhebung" im All- gemeinen 337 Das Erdljeben vom 25. bis 2G. Juli Iböj in der .Schweiz und den angrenzenden Ländern 345 Küchcnmcislcr : Freie Uebersetzuug und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Hainie „la pisci- culture" in der Eevue des deux mondes vom Juni 1S54 nebst Zusätzen 129 Experimenteller Nachweis, dass Cysticercus cellulosae innerhalb des menschlichen Darmkanals sich in Tacuia Solium umwandelt 1S6 Ueber eine Abart der Taenia Coenurus, d. h. des Bandwurmes, von der die Quese des Schaafes und des Rindes herstammen 191 VI ßcite MalÜics : Excurgiou von New-Orleans nach dem Urwald am Rio Colorado in Texas . . . 152 Die Hemibatrachier im Allgemeinen und die Homibatracliier von Nord- Amerika im SpecielU'H 249 C. Müller: Beobachtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten Staaten . . . 82 M. Müller: Ueber die Porpliyre der Umgegend von Leisnig • 70 V. Ollo: Cycadeen- Blatt im Rothliegenden 1G2 Hypothetische Ansicht über Erhebung des Spitzenbergs bei Possendorf und über die Folgen derselben 183 Fossile Würmer im Quadersandstein 307 Geologische Controversen 149 Rabenhorsi : Mikroskopische Analyse der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande 116 Beitrag zur Kryptogamen-Flora Süd-Afrikas. Pilze und Algen 280 Die tödtliche Krankheit der Stubenfliege und einiger anderer Dipteren .... 377 Bemerkungen zu: Observation des etres microscopiques de l'atmosphere terrestre 475 Reibisch : Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Helix hortensis Müller . . . 283 Die Mollusken, welche bis jetzt im Königreiche Sachsen aufgefunden wurden, nebst Angabe ihres Vorkommens und ihrer Fundorte 409 Reichenbach : Eirnnerung an die Stunden der Muse Sr. Maj. des höchstseeligen Königs Friedrich August 1 Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im Laufe der Zeit .... 29 Nachschrift zu „Beobachtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten Staaten von C. Müller" 90 Das Schwärmen der Bienen vom polizeilichen Standpunkte betrachtet .... 194 Nachschrift zu „Micromys agilis etc. von A. Belobe" 212 Nachschrift zu ,,Loxia leucoptera etc. von A. Dehne" 440 Sussdorf: Ueber die Wirkung gewisser technischer Etablissements auf die Atmosphäre, wie auf das Leben des Pflanzen- und Thierreichs 97 V. Welch: Ausflug in den Norden Scandinaviens 355 Ausflug in den Norden Scandinaviens (Schluss) . . . . , 380 Kleinere Mittheilungen von ./. Drechsler: Anatomisch -photographische Bilder ^^^ Barometrische Maxima und Minima -^^2 Bcehe, de lu, Sir Henry Thomas 242 Bernerde 123 Bernerde, Nachtrag 445 Blitze ohne Donner 332 Breulel's Rückkehr aus Afrika "'" Chemische Harmonika • • 207 Chlorammonium 333 Chloris Andina ^'^^ Chytridium 334 Yü. _• Seite Dana's Mineralogie 166 Diamant-Krystall : etoile du Sud 205 Eichenstamm als Hammerstock , 248 Eier vom Kiesen vogel von Madagaskar 325 Fortleben in sehr lebeusfeindlicben Verhältnissen 246 Foucaultsches Pendel 118 Fucoidee des süssen Wassers . . ... 335 Gasbeleuchtung ' '. 202 Gasflammcnregulirung , . . . 248 Geologische Aufnahme des österreichischen Kaiserreichs 376 Geologische Keichsanstalt zu Wien 484 Getreide- Aufbewahren 448 Grünsand im Zeuglodon-Kalke Alabama's 204 Haarrauch 485 Hausmaus von den Abruzzen. Nachtrag 448 Käfer aus der Familie Curculiones 201 Käfer aus den Familien der Longicornia 245 Klimatische Verschiedenheit 482 Kurzsichtigkeit und AVeitsichtigkeit heilbar 326 Krystallmodelle aus Glas 375 Meeresgrund, Proben 243 Meermilch 206 Meerwasser, Dichtigkeit und Temperatur 206 Meteor- Eisen 328 Mineral -Heilquelle von Szliacs 487 Naturdruck 375 Orkane 479 Phosphoresceuz durch mechanische Mittel 44" Photographische Bilder 296 Plitvica - Seen 486 Ponor 486 Preiszuertheilung 483 Preisfrage der K. L.-C. Akademie der Naturforscher 407 Protuberanzen 207 Quecksilber, gediegenes 487 Reflexionstöne 125 Regen -Vertheilung in den gemässigten Zonen 127 Schlammvulkan von Poorwadadi 446 Schlangen Nordamerikas 123 Skelett des Irischen Riesenhirsches 295 Thierkreislicht 408 Traubenkrankheit 448 Trevelyau - Instrument 1 99 Unterirdischer Verlauf von Bächen und Flüssen 335 Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien 296 Verwilderung der Hausthiere 481 Vibrirende Bewegungen der Körper sichtbar zu machen 327 Vierhundertgradige Thermometerscala 330 No. 1. Januar. Allgemeine deutsche BfatnrhiM8che Zeitang. Im Auttrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verbindung mit den auf dein llauyttitel des Jaliri!:aug's geiiaHiiteii Herren h e r a u s g e g e b e ii von Dr. Adolph Drechsler. Neue Folge: erster Jahrgang. ^lit eingedruckten Holzschnitten und Abbildungen. HAMBURG & LEIPZIG, ! V e r 1 a g V o n II u d o 1 f K v; n t z e. 1 boo. 4^ --■- - 3^''^ Erinnerung an die Stunden der Muse Sr. Majestät des hüchstseligen Königs FRIEDRICH AUGUST bei Auslegüug von Reliquien Im Namen der Gresellschaft Isis gesprochen von Dr. Ludwig E-eichenbach. Die hier folg'enden Erinnerungsworte wurden am 4. November in Geg-enwart Sr. Kcenigl. Hoheit des Kronprinzen ALBERT und Ihro Kcenigl. Hoheit der Frau Kronprinzessin CAROLA und vor einem durch die naturwissenschafüiche GeseUschaft Isis einge- ladenem zahh-eichen Zuhörerkreise im Saale der Herren Stadt- verordneten gesprochen und nach öffenthch wie privatim aus- gesprochenem Wunsche am 18. November in demselben Saale vor einem zweiten Zuhörerkreise noch einmal wiederholt. Die Rednerbühne war von einer durch den botanischen Gärtner, Garteninspector Krause ausgeführten Pflanzendecoration umgeben, über derselben befand sich zwischen Palmen die umflorte Büste des höchstseligen Kcenigs und vor der Rednerbühne waren die erwähnten Rehquien ausgelegt worden, Handschriften der drei verewigten Könige FRIEDRICH AUGUST L, ANTON THEODOR und FRIEDRICH AUGUST IL, dann der erste und letzte Band des grossen aus Handgemälden der Hofmaler Friedrich, Moritz Tettelbach und Andern bestehenden Prachtwerkes Plantae seJec- tae horti Pilnitziensis, getrocknete Pflanzenexemplare aus den Her- barien von FRIEDRICH AUGUST I. und FRIEDRICH AUGUST IL, Allg-. deutsche naturhist. Zeituno-. 1 sowie die Handzeichimngen , welche FRIEDRICH AUGUST IL auf der Reise in Dalmatien eigenhändig" gefertigt, endheh das Seite 7 erwähnte aus Gemälden von Pflanzen und Insecten be- stehende Werk von Joseph Lehitsch und das Exemplar dei* Flora germanica excursoria, welches seit deren Erscheinen auf allen Reisen bis in die letzten Stunden seines Lebens König FRIEDRICH AUGUST IL bei sich geführt hat. Wenn auch das Lesen einer dergleichen Rede niemals den Eindruck hervorzurufen vermag, welchen der Einzelne in einem in feierlicher Stunde versammelten Zuhörerkreise und in einem entsprechend decorirten Saale empfindet, so wird es doch mög- lich, hier noch eine Nachricht hinzufügen zu können, welche ein seitdem stattgefundenes Ereigniss, die Begründung eines für die Wissenschaft der Botanik lebendig fortwirkenden Denk- males dankbar verkündet. Ihro Majestät die Kcenigin MARIA als Universalerbin haben geruhet, die vouSr. Majestät demKcenig FRIEDRICH AUGUST IL hinterlassenen und von Sr. Majestät dem Kcenig FRIEDRICH AUGUST I. I)ereits begonnenen botanischen und überhaupt naturhistorischen Sammlungen nebst Bibliothek an die zum Königl. Hausfideicommiss gehörige öffenthche Naturaliensamm- lung, in Allerhöchster Erwägung, dass nur auf diesem Wege der mögliche und wünschenswerthe Nutzen für die Wissen- schaft daraus hervorgehen könne, als ein von derselben unzer- trennbares Ganze zu überlassen. Nach der durch Ihro Majestät Bevollmächtigten, Sr. Excell. Herrn Staatsminister von Könneritz, an das Ministerium des Königl. Hauses stattgefundenen Er- öffnung hierüber, hat die Residenzstadt Dresden an die Stelle der vormals im Königl. Naturalicn-Cabinet aufgestellten und in den Maitagen 1849 verbrannten Sammlungen weit vollständig-ere und in sofern doppelt werthvoUe und in ihrer Art einzige Samm- lungen erhalten, als an jeden einzelnen Theil derselben die Erinnerung an zwei von der reinsten und edelsten Begeisterung für die Wissenschaft durchdrungene KCENIGE Sachsens, eben so an die so innig mitempfundene Theilnahme der Kcenigin MARIA für diese Wissenschaft und für die Förderung dersel- ben, in unvergesslicher Weise geknüpft ist. Nothwendig sind noch einige erläuternde Notizen, vorzüg- lich in Beziehung auf Schriften, welche die Erinnerung an den verewigten König aus andern Gesichtspunkten erfassen. Die Seite 5 genannte Schrift führt den Titel: Friedrich Ängust II., König von Sachsen. Biographische Skizze von Dr. Wilhelm Schäfer. Dresden und Leip- zig. 1854. Von den erwähnten beiden Biographieen wird die von Herrn Regierungsrath Hä2)e noch erwartet, die andere ist aber erschienen unter dem Titel: Friedrich August IL, König von Sachsen. Ein Denkmal für alle seine Verehrer, herausgegeben von Dr. / Schladehach. Dresden 1855. Seite 16 wird hingewiesen auf: Viaggio di S. M. Federico Ängiisto, Re di Sassonia per ITstria, Dalmazia e Montenegro descritto dal Dr. Bar- tolomeo Biasoletto con alcune tavole lithografia. Trieste 1841. Reise Sr. Majestät des Königs Friedrich August von Sach- sen durch Istrien, Dalmatien und Montenegro im Frühjahr 1838. Aus dem Italienischen des Dr. B. Biasoletto im Auszug- übersetzt und mit Anmerk- ungen versehen von Eugen Freiherr von Gutschmid. Dresden 1842. Seite 21 ist ang-ezeig-t: König- Friedrich August als Kunstfreund und Kunstkenner, dargestellt von / G. A. Frenzel, Director des K. Cabinets der Kupferstiche und Handzeichnungen. Dresden 1854. Ferner erschien früher: Ueber königlichen Sinn. Rede zur Feier des Geburts- festes Sr. Maj. des Königs Friedrich August, gehal- ten von Dr. Philipp Wagner. Dresden 1853. und später: Gedächtnissrede auf Seine Majestät Friedrich August, König von Sachsen, in der öffenthchen Sitzung der Königl. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften, am 27. October 1854, gehalten von E. v. Wietershei?n. Leipzig 1854. Bei dem Abdruck der hier folgenden Rede ist alles, was sich auf die Erläuterung der ausgelegten Gegenstände bezog, weggelassen worden, sowie einige Theile derselben überhaupt nur im Auszuge gegeben. Auch die Angabe der beiden Hauptmomente für die Begründung der Naturkunde in Sachsen durch Agricola und Heucher, soll keine historische Darstellung sein, da zu derselben auch die Erläuterung der Leistungen jener Männer gehört haben würde, welche auf dem Diplome der Ge- sellschaft Isis noch mit genannt sind. Verelirungswürdige Anwesende, Allerseits Iioclizuverelirende Versammlung! Wenn ich heute die hohe Aufgabe zu lösen versuche, über den ver- ewigten König vor Ihnen zu sprechen, so furchte ich nicht den Vorwurf, es sei dies zu spät, nachdem schon alle jene dankbaren Nachrufe von öffentlicher Stätte erklungen, denn der Schmerz über sein Scheiden aus dem Reiche derer, die ihn liebten, wird Generationen überdauern und in banger Wehmuth werden noch die Enkel der spätesten Zeit einander erzählen, wie Friedrich August die Seinen und die ganze Menschheit, und wie diese ihn wieder geliebt hat. Die Nothwendigkeit der Verzögerung meiner Worte zu Ihnen, wurde theils dadurch jbedungen, dass ich wünschte, aus dem jetzt erst vollständig entsiegeltem Nachlasse des Verewigten, Vorlagen bieten zu können, welche als heilige Reliquien aus seinem Leben den Eindruck zu machen vermöchten, den meine schwachen Worte nicht hoffen durften, machen zu können, und theils eben darin, dass ich selbst nur zu sehr fühle, wie wenig mir selbst die Kraft ge- geben ist, nach so ausgezeichneten Vorgängern ein des erhabenen Königs würdiges Bild entwerfen zu können. Nehmen Sie darum, hoch- zuverehrende Anwesende, die aus dankbar treuer Seele fliessenden Worte, nehmen Sie den aufrichtigen Willen für das, was des Gegenstandes, wie Ihrer Anwesenheit würdiger ausgesprochen werden sollte, mit Nachsicht entgegen. Aber nur in sehr engen Grenzen kann ich das Thema erfassen, welches nach vielen Richtungen hin eine reiche und ergiebige Quelle darbieten Avürde. Sollte ich den Verklärten schildern als König, so würde ich unpassendes wagen, denn der Segen seines Königthums liegt in unserer frischen Erinnerung, wie in den überall hin verbreiteten Archiven des Landes, die biographische Skizze von Dr. W. Schäfer hat fleissig die Facta zusammengestellt, zwei ausführlichere Biographien zu- nächst, von sachkundigen Männern, erwarten wir bald zu erhalten und ein end- und vollgültiges Urtheil über Fürsten kann doch nur den Fürsten gebühren, welche wissen, was es heisst, Fürsten zu sein, wäh- rend die Völker von ihrem subjectiven Standpunkte aus ihr Urtheil gestalten. Aber auch die Könige haben eine menschliche Seite und diese ist es, in welcher sie jedem Einzelnen ihrer Völker so nahe stehen, dass jeder Einzelne diese Seite als die ihm bekannte begrüsst und sich be- rechtigt glaubt, diese menschliche Seite seines Königs näher betrachten zu dürfen. Und Heil allen Königen, welche den Einzelnen ihrer Völker so nahe stehen, als unser Friedrich August seinen Sachsen wirklich ge- standen. Wenn aber in ihm seine angeborne Neigung für alles Gute, Schöne und Edle, wenn seine theilnehmende Liebe für alle Richtungen mensch- licher Thätigkeit, wenn insbesondere dann auch sein reiner Sinn und seine Hingebung für und an die Natur, so oft zum Mittel geworden, ihn denen, die ihn lieben lernten, zu nähern, so wird es nicht unpas- send sein, insbesondere diese zuletzt angedeutete Bestrebung seines Lebens näher ins Auge zu fassen. Fassen wir aber diese seine eigne Bestrebung für die Erforschung der lebendigen Natur auf, in der Harmonie seiner Ehrerbielung für das Wort und für die Weiche Gottes, so haben wir wahrscheinlich ein Thema, welches dieses feierlichen Tages nicht unwürdig erscheint. Wollen wir aber irgend ein Factum in der Geschichte, wollen Avir irgend einen Vorgang im Leben des Individuum klar und deutlich er- fassen, so müssen wir, wie bei der Erforschung der organischen Wesen, auf den Ursprung zurückgehen und so dürfen wir auch hier fragen: 1) ivie und unter welchen Bedingungen entstand jene Harmonie? 2) wie und in welcher Weise nmrde dieselbe geübt und 3) welchen Erfolg von ihr für die Zukunft dürfen wir hoß'en? Wir wenden uns zuerst einem flüchtigen liückblicke zu, um die Bedingungen kennen zu lernen, welche im vormaligen Sachsen das Studium der Naturkunde erweckten. Georg Bauer, im Jahre 1491 in Glauchau geboren, bildete sich in Italien, lebte dann als Arzt in Joachimsthal und Chemnitz und wurde der erste wissenschaftliche Kenner des Bergbaues. In seinen lateini- schen Werken musste er, der Sitte der damaligen Zeit gemäss, seinen Namen latinisiren, und als Georg Ägricola erlangte er seinen Ruhm als Mineralog. Johann Heinrich Heucher in Wien, geboren am 1. Januar 1677, Prof. Med. in Wittenberg, wurde unter August IIL, König von Polen, Leibarzt und starb am 22. Februar 1746. Derselbe gab die Ver- anlassung zur Schöpfung aller hiesigen Museen und ein schönes gros- ses Oelgemälde, sein Portrait, hing im Königl. Naturalicncabinet, wo der ruchlose Brand am 6. Mai 1849 auch diese kostbare Reliquie der Vorzeit mit so vielen anderen verzehrte. Die Gelehrsamkeit seiner Zeit war jene unerquickliche Wohlredenheit über sogenannte Raritäten, Dinge, die man ihrem wahren Wesen nach nicht kannte, in möglichst weit- läufiger Exposition aller Ideen, Avelche über dieselben irgend Jemand jemals gehabt hatte, in schönem Latein, wodurch auch Heucher zu hohem Ruhme gelangte. Aber sein Eifer, für die Sammlungen zu wirken, ist mit der dankbarsten Anerkennung zu rühmen, Sachsens Regenten för- derten dieselben in theilnehmender Liebe und schon damals sprach der König von Preussen bei der Beschauung derselben: Er finde alle Schätze der Natur und der Kunst hier vereinigt und alles was das Meer • und die Erde und der Geist der Menschen zu schaffen vermöge, sei hier in solcher Weise zusammengestellt, dass es unnüthig sei, Reisen ins ferne Ausland zu machen. Während unter dem Churfürst Friedrich Christian die Museen sich einer Erweiterung und treuen Pflege erfreuten, war für das Königliche Naturalien-Cabinet Prof. Titius aus Wittenberg an Heuchers Stelle beru- fen und zum churfürstlichen Leibarzt ernannt worden. Aber eine grosse Zeit für eine neue Begründung und Förderung der Naturkunde in Sachsen erblühte durch Churfürst Friedrich August. Am 23. December 1750 geboren, regierte derselbe vom 15. September 1768 bis 5. Mai 1827 und zwar vom 11. December 1806 als erster König von Sachsen. Friedrich August der Gerechte lebte fast alle Hauptabschnitte der wissenschaftlichen Entwickelung der Naturkunde hindurch. Linnee selbst lebte noch zehn Jahre, nachdem Friedrich August zur Regierung gelangt war, und starb am 8. Januar im Jahre 1778. Die Begeisterung für Linnee, welcher sich der ganze Erdkreis erfreute, hatte ausser dem König von Schweden vielleicht keinen zweiten Monarchen so leben- dig als den Churfürsten Friedrich August in Sachsen ergriffen. Derselbe scheint wie so viele Naturforscher von der Entomologie ausgehend, spä- ter zur Botanik übergegangen zu sein. Der Maler August Johann Rösel in Augsburg erweckte damals durch seine von 1746 bis 1761 heraus- gegebenen höchst sorgfältigen Beobachtungen und durch die trefflichen Abbildungen seiner monatlich erscheinenden „Insectenbelusiigungen" die Bewunderung der gesitteten Welt in ganz Deutschland und in dieser An- erkennung wurde er als Rösel von Rosenhof in den Adel erhoben. In derselben Richtung spannten von Regensburg aus Jacob Christian Schaef- fers Schriften über Insecten die Auftnerksamkeit tiefer Gemüther und alle derartigen Erscheinungen aus dem Leben der organisirten Natur wurden in jener frommen Zeit von ihrer religiös belehrenden Seite als Erläuterung der Allmacht Gottes betrachtet und in wahrer Weihe em- pfangen. Churfürst Friedrich August hielt einen Hofmaler Namens Mül- ler, welcher während des Sommers die Beobachtung der Insecten mit ihm betrieb und wie man sagt, die Verwandlungen derselben gemalt hat. Eine ähnliche Sammlung von Handgemälden, welche Pflanzen und Schmetterlinge darstellen, vom Prof Joseph Lebitsch im Baumgarten- bergschen Cisterzienserkloster zu Wien bis zum Jahre 1791 gemalt, befin- det sich noch in der hinterlassenen Bibliothek und während die Pflan- zennamen durch den Maler beigeschrieben sind, so hat der Churfürst Friedrich August mit eigner Hand die Namen der Schmetterlinge, in so- 8 weit sie ihm bekannt waren, bezeichnet. Neben der Entomologie war es die Botanik, für welche im Churfürst Friedrich August ein lebhaftes Interesse erwachte. Durch ein emsiges Selbststudium vorzüglich der Linneeschen Werke, aber auch der damaligen Schriften über Pflanzen- Anatomie und ganz besonders der Floren, wurde diese Kenntniss bald und gründlich erlangt. Alle die zahlreichen Prachtwerke der Vorzeit wur- den angeschafft und studirt und insbesondere bei der Benutzung des Gartens gebraucht. Die Anlage des Schlossgarten in Pillnitz hinter dem Bergpalais wurde im Jahre 1769 sogleich nach dem Regierungsantritte begründet, der Garten im Jahre 1776 mit seiner hohen Mauer umgeben, im Jahre 1782, nach dem vom Churfürsten selbst entworfenem Plane, durch den englischen Garten vermehrt und im Jahre 1804 sehr bedeutend erwei- tert. Jene edle und hohe Menschenwürde des verewigten Königs war fern von aller Prunksucht und ging auch in der Anlage dieses Garten nur von dem Gesichtspunkte aus, eine unmittelbar veredelte Natur hier wiederzugeben. Daher fehlen ihm alle jene pomphaften Zier- rathen, wir vermissen jene Eremitagen und Mausoleen, jene Moscheen und Thürme, jene Grotten und Obelisken und Säulen mit phantastischen Inschriften, wie solche so häufig andere dergleichen Anlagen zieren oder verunzieren mögen. Nicht mehr als zwei Werke der plastischen Kunst zieren bis jetzt in ernster Weise den Park. Nicht weit von dem Schwanenteiche, im düstern Haine, unter dem Schatten majestätischer Bäume, trägt ein einsamer Rasenplatz im Mittelpunkte seines Ovals die edle Statue der Vesta, von Trippel in Rom aus kararischem Marmor gefertigt. Sie hütet das heilige Feuer und hebt den reinen Blick empor zum östlichen Himmel. Friedrich August der Erste hat diesen Platz ihr geweiht. Im Rasen an der grossen Lindenallee, da, wo eine der Kasta- nienalleen gegen sie mündet, steht nahe am Eingange zu dem botani- schen Garten auf hohem Obelisk eine colossale eherne Büste der Alles durchdringenden Gaea von Rlelschel. Ihr Ehrfurcht gebietender Blick richtet sich, wie einst der der Isis im Tempel zu Sais, zurück in die Zeit die da war, hinein in die Zeit, die da ist und hinaus in die Zeit, welche noch kommen wird. Friedrich August der Zweite hat sie in tiefem Sinne hierher gesetzt. Eine anmuthige Natur gestaltete sich hier überall, als ein treues Abbild jenes reinen und festen, über alle Spielerei mit den Genüssen des Lebens und mit der Phantasie erhabenen Characters Friedrich August des Gerechten. In jener Zeit der stillen Beschauung der Werke der Gottheit und seiner selbst, war es, wo bei dem ange- borenen häuslichen Sinne für eine ernste Bethätigung in Wissenschaf- ten und Künsten die hingebende Liebe für diese in dem Hohen Hause der Sachsen eine bleibende Stätte gefunden. Für die damalige Zeit sehr geräumige Gewächshäuser wurden der Cultur der Gewächse der wär- meren Zonen, ein entsprechendes Terrain der Pflege anderer im freien 9 Lande geweiht und von besonderem Interesse ist ein Winterhaus, wel- ches grosse Exemplare von Salisburia^ Edwardsia, von Lorbeerbäumen, Magnolien, Campferbäumen und Myrten, eine prächtige Korkeiche und eine mehr als achtzigjährige ursprüngliche japanische Camellie, von 17 Fuss Höhe und 48 Fuss im Umfange mit 9 Zoll dicken Stamme enthält. Die Erscheinung aller dieser schönen Bäume ist Avährend des Sommers, wo sie von ihrer schützenden Decke enthüllt sind, wahrhaft über- raschend. Am 20. Mai 1820 wurde der Vortragende selbst von der Universität Leipzig, wo er als ausserordentlicher Professor der Medicin und Naturwissenschaften gelehrt hatte, berufen und hier angestellt, hatte das Grlück, durch den damaligen Oberkammerherrn von Friesen Sr. Majestät dem König vorgestellt zu werden, und erhielt dann bald Be- fehl nach Pillnitz zu kommen, um an den botanischen Arbeiten des Königs theilnehmen zu sollen. Sehr bald überzeugte derselbe sich hier, dass der König die Botanik nicht, wie so manche derselben zugeneigte, hochgestellte Personen, als Liebhaberei betrieben, sondern vom Linnee- ischen Standpunkte ausgehend, mit derjenigen Gründlichkeit, welche dem hohen Königshause so eigenthümlich geblieben und welche freilich einen so grossartigen Apparat literarischer Hilfsmittel, als er hier vorfand, er- heischte. Der König war unermüdet in seinem Bestreben, die richtige Bestimmung seiner Pflanzen zu finden und unbestimmbare Gewächse er- regten eine gewisse Unruhe in ihm, die ihn antrieb, immer weiter nach- zusuchen und noch andere Werke zu vergleichen, bis er so glücklich war, die Auflösung der vorliegenden Räthsel zu finden. Mehrere der- gleichen, durch lange Zeit aufgesammelt, legte derselbe mir vor und nachdem es möglich geworden, fast alle zu lösen, war ich so glücklich, der Gnade seines Vertrauens bis an sein Ende mich erfreuen zu dürfen. Die Untersuchungen der in jeder Woche aufgeblühten Pflanzen in Pill- nitz, wurden jeden Sonntag nach Rückkehr des Königs aus Dresden sorgfältig betrieben. Der König nahm seinen Sitz in dem ersten klei- nen warmen Gewächshause, wo der Hofgärtner die zu untersuchenden Topfpflanzen in lange Reihen gestellt und die aus dem freien Lande in abgeschnittenen Exemplaren dazugelegt hatte. Die zur Untersuch- ung nothwendigen Bücher brachten Lakaien in Körben herbei und der dienstthuende Geheime Kämmerier blieb in der Nähe, zum Dienste des Königs. Der König war in diesen Stunden überaus heiter und freute sich innig über alles Neue, was irgend ihm vorkam. Er hielt sein in jedem Jahre durch seinen Kalligraphen Schreiner neu geschriebenes und um die neuen Ankömmlinge vermehrtes Gartenbuch in der Hand und zeichnete mit einem Bleistift alle Bestimmungen und Berichtigungen darin auf. Da so Wenige seiner Zeitgenossen Gelegenheit gehabt haben, die gemüthliche Seite dieses grossen Königs kennen zu lernen, so kann ich dem Drange meines Gefühls nicht wiederstehen, einen Zug davon zu berichten. Im Jahre 1824 waren aus dem von dem Reisenden Sieber aus Neu- holland mitgebrachten Saamen schon viele Gewächse zur ßlüthe gelangt, unter andern eine überaus zierliche Veiichenart mit epheugestaltigen Blättern und reinweissen Blüthen, welche nur in der Mitte das gewöhn- liche schöne Violet der Veilchen trugen. Ich äusserte meine Freude über diese hübsche neue Form, die auch dem König ausnehmend ge- fiel. Sogleich fragte er den dabeistehenden Hofgärtner John, wie viele Töpfe von dieser Art er erzogen, und dieser antwortete: „zwei, Ihre Majestät!" Augenblicklich gab ihm der König den Befehl, das zweite Exemplar mir mit nach Dresden zu geben, wo ich die Pflanze in einem meiner damaligen Werke abbildete und die Freude genoss, dass der König diese Abbildung eine gelungene nannte. Von einer guten bota- nischen Abbildung verlangte er strenge Naturtreue und vollständige Analyse bei künstlerischer Vollendung. Seinen Hofmaler Friedrich und später dessen Sohn hatte der König auf die nothwendige Analyse der Blüthen aufmerksam gemacht, und die kostbarste Zierde der Bibliothek ist bis auf den heutigen Tag eine Sammlung jener Gemälde in neun grossen Foliobänden, den der König den Titel ,,Plantae selectae vivis coloribus depiciae horti Pillnitziensis" gegeben. Im Jahre 1788 begonnen, war die erste Centurie im Jahre 1795 vollendet und bei dem Hinscheiden des Königs war bereits die neunte Centurie begonnen. — Bei dem an- gelegentlichen Wunsche des Königs, dass die Kenntniss der Natur in den Gemüthern der Jugend Platz greifen möchte, fragte er öfters nach den dahin einschlagenden Anstalten und die Emancipation des Natura- lien-Cabinets aus dem Zustande einer verschlossenen Raritätenkammer in den eines Instituts zur Belehrung des Volkes, war ganz in seinem Sinne. Der König besass eine sehr kostbare Sammlung von Wachs- präparaten durch einen Florentiner Künstler in Wien, unter Aufsicht des berühmten Tratlinick mit höchster Treue nach der Natur gefertigter Pilze, 200 Arten zum Theil Gruppen mehrer Exemplare, welche in 4 Lieferungen jede a 95 Thaler angekauft wurden. Zu dieser schönen Sammlung führte er mich im Jahre 1824 als er die grosse Frequenz der botanischen Vorlesungen erfahren hatte und sagte in höchstem Wohlwollen: „Stelleu Sie diese Sammlung zur Aufmunterung der jungen Leute in Ihrem Hiirsaale auf, die Kenntniss der Pilze ist schwer." Bis 1849 wurde sie nun treulich in den Vorlesungen der Bo- tanik benutzt, bis am 6. Mai dieses Jahres die republikanischen Flam- men auch dieses Kleinod mit so vielen anderen in den von allem Schutz gänzlich entblössten Galerien des Z^vingers verzehrten. Zu wei- terer Aufmunterung der Zuhörer sah es der König sehr gern, wenn ich mit meinen Zuhörern alljährlich einmal den herrlichen Schlossgarten in Pillnitz besuchte und Ihm dann ])erichtete, wie die jungen Mäiiner von der Grossartigkeit der dortigen Tropenflora ergriffen, Seiner Gnade sich auf das dankbarste verbunden gefühlt. 11 Eine Sorge in der letzten Lebenszeit des edlen Königs war noch die, Seine Sammlungen in eine Hand übergehen zn lassen, welche sie in ihrem vollen Werthe zu schätzen verstände und dieselben in einem vollkommenen geordneten Zustande hinterlassen zu können. So geschah es, dass ich im letzten Winter seines Lebens öfter befehligt wurde, die- ses Oi'dnen mit ihm zu vollenden. Drei Schränke, inwendig wie Acten- repositorien gebaut, enthalten die prunklose aber höchst schätzbare Sammlung. Sein letzter Wunsch im Leben, den der Hohe Verewigte gegen mich aussprach, war der: es möge mir gelingen, wie Er hoffe, in dem Prinzen Friedrich die Liebe für die Katur lebendig zu machen. Die tiefe Trauer um diesen grossen Monarchen, in welchem alle da- mals lebende Generationen aufgewachsen waren und die Ueberzeugung in sich hineingelebt hatten, ein anderes Verhältniss könne gar nicht gedacht werden, musste sich erst durch die Zeit mildern, um irgend einen Entschluss fassen, irgend ein neues Unternehmen begründen können. Möge aber das bisher gesagte als Einleitung dienen für den zweiten und Haupttheil einer Betrachtung: wie und in welcher Weise von König Friedrich August II. die Harmonie Seiner Nalurstudien geübt worden ist. Mag es mir hierbei erlaubt sein, zuerst den Eindruck zu schildern, den das erste Beisammensein mit dem Prinzen Friedrich im Monat Mai 1827 im botanischen Garteil und im botanischen Cabinet in Pillnitz auf mich gemacht hat. Ich darf diesen Eindruck zusammenfassen in den einzigen Satz: ich sähe in ihm den verewigten Friedrich August wieder verjüngt! — Dieselbe Humanität war hier wieder erblüht, dieselbe reine Hingabe an die Erforschung der Werke der Allmacht sprach sich aus, aber Beides im Jugendeifer erglühend. Auch der Prinz hatte bereits in frühester Jugend Insecten und Mineralien gesammelt und das In- teresse für dieselben belebte ihn noch. Für das Sammeln hat indessen von dieser Zeit an das Studium der Botanik allein das Vorrecht be- halten. Auch hier bewährte sich sogleich, dass nicht ein oberflächlicher Dilletantismus, sondern das gründlichste Studium erstrebt werden sollte, der Prinz begann mit dem Ernste, mit der Festigkeit und seltenen Be- harrlichkeit seines grossen Oheims die Einübung der Terminologie, ging zur Physiologie über und zur Classification und für specielle Kenntniss wurde mit dem Vaterlande der Anfang gemacht. Nach der ersten Ex- cursion in den Plauenschen Grund schlössen die in die übrigen Theile der nahen Umgegend sich an und später wurden fast alle Richtungen des Landes betreten, vorzüglich sorgfältig die sächsische Schweiz und das Erzgebirge durchwandert. Auf diesen Excursionen war es, wo seine reine Humanität sich in so vielseitiger Richtung entfaltete. Er war von vorzüglich heitrem Ge- müth, alles was die Natur bot, ergriff ihn innig und tief, und mit ge- spanntester Aufmerksamkeit nahm er alles auf, was ihm neu war, oft 12 schon durch Vorstudien im Stande, sich zu erklären, was er nicht früher gesehen. Sein Gang war überaus leicht. In kleinen aber in schnellem und gleichem Tempo wohlabgemessenen Schritten durchwanderte er weite Strecken in kurzer Zeit. Im Ersteigen der Berge hatte er ebenso wie in dem schwierigeren Absteigen ohne Pfad, bald eine grosse Uebung erlangt. Fast immer hielt er sich dabei aufrecht und nur in den äusser- sten Fällen bog er den Körper und wusste durch abwechselndes Er- fassen der Zweige oder der festen Grasbüschel an steilen Felsen sich zu erhalten. Die Schärfe seiner Sinne befand sich in vollständiger Harmonie mit der Klarheit seines Geistes und mit der Tiefe seines Gemüthes. Schwächen und Launen kannte er nicht, er ermüdete nie- mals, dieExcursionen in das Gebirge begannen wir zu Wagen, gewöhnlich um oder bald nach Mitternacht und waren oft noch vor Tages Anbruch am Ziele von wo wir ausgehen wollten, so dass wir dann bis Abends, im verschiedenartigsten Terrain botanisirend, uns heiter bewegten. Ueberall fand der Prinz auf den unwegsamen Pfaden das richtige Ziel. Als wir einmal Mittags in der Gegend von Altenberg oben zur Försterei vom Zaunhaus gelangt wareü, zeigte der Förster einige Verlegenheit, als er hörte, dass der Prinz da Mittag machen wollte, aber dieser tröstete ihn mit den Worten: „lassen Sie uns einen Tisch hier auf den grünen Ab- hang heraus setzen und eine Schüssel Milch bringen, mit etwas Brod, das wird uns vortrefflich schmecken." Dies bewährte sich wirklich und nachdem wir gegessen, erbot sich der Förster zur Begleitung durch die Buchen, um uns den richtigen Weg von dort aus zu zeigen. Der Prinz lehnte dies ab, mit den Worten: „Ich danke lieber Förster, wir suchen uns unsern Weg immer gern selbst." Hitze und Kälte nahm er eben so gern hin, er klagte nie über das Wetter, auch nicht über Regen und Schlössen, nichts der Art konnte seine Heiterkeit trüben. Nebenbei interessirte er sich lebhaft für Zoologie und die Spuren des oft so verborgenen Lebens der Thierwelt machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als er die ersten Infusionsthierchen in ihrem freu- digen Gewimmel selbst im Mikroskope gesehen, erklärte er seine Er- wartung für übertroffen und wiederholte sich öfter den Anblick. Die schönen Beobachtungen des Geh. Med.-Rath Carus in Pillnitz, sähe er oft mit höchstem Interesse. Es bleibt ewig wahr: „ein sinniges Ge- müth steht bei dem Wurme still, ein gcAvöhnliches geht bei einer Welt von Wundern gleichgiltig vorüber." Seine letzten Freuden für Zoologie in Dresden waren der zweimalige Besuch der Kreuzbergschen Menagerie, wo die vier Giraffen ihm die schönen Thiergärtcn in und bei London wieder zur lebendigen Erinnerung brachten und dann der Besuch des Colibri-Cabinets im botanischen Garten. Er kam unverhofft am Sonn- tag den 9. Juji gegen Abend, als er die Königin in das Theater geführt, und war von der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Colibris wie von ihren treu der Natur nachgeahmten Lieblings-Blüthcn, zwischen den sie IS sich scheinbar; wie unter dem Himmel der Tropen bewegten, so entzückt, dass er an einem andern Tage mit der Königin zurückkehrte und auch •ändere Glieder des hohen Hauses veranlasste, diese schöne und merk- würdige aus mehr als tausend Exemplaren bestehende Sammlung zu sehen. In den ersten Jahren seiner botanischen Studien ging seine Ab- sicht dahin die Gewächse der Flora von Dresden möglichst vollständig zu sammeln. Seine grosse Thätigkeit erfasste von allen Seiten diesen Vorsatz. Im ersten Anfange machte er sich von den Arten, die er ge- funden, Conture mit der Feder und schrieb die Namen dazu. Er fer- tigte dann Verzeichnisse nach den Lokalitäten, Verzeichnisse nach den Verschiedenheiten des Boden, Verzeichnisse nach der Zeit der Blüthe, Verzeichnisse der Arten, die er gefunden, und Verzeichnisse derjenigen, welche ihm noch fehlten, endlich ein reiches Verzeichniss derjenigen, welche in der Flora von Flcinus und Schubert sich noch nicht aufgeführt fanden, dennoch von ihm selbst bereits aufgefunden waren. Nach und nach bildete sich aus allen diesen Arbeiten ein Manuscript über die Flora von Dresden, dessen Einleitung eine Schilderung der Gegend unter dem Titel: „Gemälde der Gegend um Dresden" enthält. Auch eine Aufzählung der „Plantae Florae Bresdensis rariores^' mit ihren Stand- orten liegt diesem Manuscripte bei. Mit der Erscheinung meiner Flora germanica excursoria im Jahre 1830 und 1831 erweiterte sich sein Plan und er besti'ebte sich von den aus dem mittleren Europa darin beschriebenen gegen 5800 Ge- wächsen, mit eigner Hand möglichst viele zu finden. Sein Verzeichniss der Gewächse von Marienbad hat Dr. Heidler in seiner Schrift über Marienbad zur Veröffentlichung vom Prinzen erhalten und weil daselbst ein nachgelassenes Verzeichniss der dortigen Gebirgsarten von Göthe dar- auf folgt, so ist in mehreren Anzeigen später Gutlie als Mitverfasser des Verzeichnisses der erst nach seinem Tode gesammelten Pflanzen irrig aufgeführt worden. Von der Erscheinung meiner Flora an, bis zu seinem Hinscheiden Avurde diese Flora sein steter Begleiter auf allen seinen zahlreichen Reisen. Aus dieser Flora besonders bereitete er sich vor auf jede einzelne Reise und verglich vorher die darin citirten Ab- bildungen, deren Eindruck er so treulich bewahrte, dass er dann die gefundenen Gewächse gewöhnlich sogleich in der freien Natur richtig erkannte. Sein ausgezeichneter Scharfblick und sein seltener Takt im Labyrinth der Lokalitäten sicher zu gehen, setzte ihn in den Stand im Auffinden schwer zu entdeckter Gewächse Vorzügliches zu leisten und keine Hindernisse dabei konnten ihn heminen. Höchst auffallend war dies auf seiner Reise in Ungarn, wo er in den sehr eigenthümlichen Karpathen unter stetem Regen und täglich leidend von Nässe, dennoch die dort vorkommenden, zum Theil sehr beschränkten und schwer zu- gänglichen Standorten gehörigen Pflanzen glücklich gefunden. Einen Anderen interessanten Beleg hierzu verdanke ich Herrn Geh. Med.-Rath 14 Carus in folgenden Worten : „Wer das Glück gehabt hat König Friedrich August auf grösseren Reisen zu begleiten wird hundertfältig Gelegenheit gefunden haben, nicht nur seine tief begründete Liebe für die Natur, son. dern auch die Leichtigkeit zu bewundern, in ihr sich zu orientiren und ihre Schätze sich zugänglich zu machen. Ich erinnere mich, dass als wir im Juli 1844 in England kaum die schönen Gegenden der Cumber- landLakes betreten hatten, so waren dem Geiste des Königlichen Herren sogleich die botanischen Seltenheiten gegenwärtig, welche diese Seen und Gebirge einschliessen. Kaum sahen Avir bei einer reizenden Abend- Kahnfahrt auf dem Windermere-See von Weitem die Wasserfläche wie mit zarten weissen Blüthen bestreut, so Hess der König darauf zu rudern im Voraus gewiss, dass wir hier die niedliche, maiblumenähnlich aus der spiegelnden Fläche heraiisragende Lobelia Dortmanna sammeln würden, und kaum traten wir ebendaselbst am andern Morgen einen Fussweg an, so fehlte es nicht, dass der erhabene Forscher bald einen grünen Hügel erstieg, ihn als geeignet erkennend, dass wohl an seinen Rändern der schöne seltene, bisher nur in Cumberland und Wales ge- fundene gelbe Mohn, die Meconopsis cambrica oder Papaver cambricum Lin., da wachsen möchte, und richtig trafen wir in Kurzem schön blü- hende Exemplare des hübschen Gewächses von dem ich noch selbst eins zur Erinnerung bewahre. Gelang es doch dem kenntnissvollen Naturfreunde, als ich denselben zwei Jahre nach einander zur Herstell- ung seiner Gesundheit zum Besuche von Marienbad begleitete, während der dort verlebten Wochen, sogar in so bekannter Gegend manche sel- tene Pflanze aufzufinden, die von früheren Sammlern dort nicht aufge- funden worden war. Mit eben der Liebe und mit demselben Streben nach weiterer Kenntniss sah ich übrigens denselben früher schon in Italien und in der Schweiz sammeln. Nie verfehlte er, wenn auf den Stationen umgespannt wurde, wenn irgend Wetter und Oertlichkeit es erlaubten, sogleich abzusteigen und vorauszugehen, wobei dann neben der Umsicht in der Gegend, mit scharfem Auge an Wegen und Zäunen die irgend blühenden Pflanzen beobachtet wurden und mancher gute Fund wanderte dann in die Mappen. Kurz! ist je einem edeln Geiste das zeitweise sich Versenken in den Reichthum der ewig forttreibenden und blühenden Natur ein unerlässliches reines und schönes Bedürfniss gewesen und hat irgend Einer die aus diesem Versenken hervorgehende Freudigkeit auf eine würdige Weise empfunden, so darf man vor Allen König Friedrich August als einen solchen bezeichnen." So weit Carus. Vom Jahr 1833 wuchs sein Glück und sein Eifer für Excursionen in der Nähe, dadurch dass seine zweite hohe Gemahlin Maria, die gleiche Neigung für die Natur mit ihm theilte und ihn ebenso auf diesen Excursionen begleitete, wie sie mit hohem Interesse, ja mit eigner Sachkenntniss, seinen Beschäftigungen zu Hause, mit der Pflanzenwelt folgte. 15 Vorzüglich glücklich machte ihn das Reisen und mit der ganzen Macht seines Zaubers wirkte der Aufenthalt auf den Alpen auf ihn ein. Von ihm galt recht eigentlich was Reineck sagte : „sei JMann im Leben, Kind in der Natur!" — Die ersten Reisen seines Lebens in dem Jahre 1809 nach Leipzig, im Jahre 1813 nach Regensburg und zweimal nach Prag, im Jahre 1815 nach Pressburg und Wien, endlich nach Paris, waren nicht der Erhei- terung sondern theils unwillkührlich während der Kriegszeiten, theils und zuletzt der militärischen Ausbildung gewidmet. Die erste wissenschaftliche Reise des Prinzen Friedrich nebst sei- nen hohen Brüdern nach Italien gegen Ende des Jahres 1821 wurde auf den Wimsch des Königs gemacht, aber leider ergriff dieselben in Pisa ein hitziges Fieber, welches für den Prinzen Clemens am 12. Januar 1822 einen tödtlichen Ausgang genommen. Ln Jahre 1824 wurde Belgien und Holland bereist. Anfangs 1825 traf der Prinz in Paris ein und überall fand er reiche Gelegenheit seine Kenntnisse daselbst zu erweitern. Im Jahre 1828 am 1. April begann die Reise mit dem Leibarzt des Königs, Geh. Med. -Rath Carus, nach Italien. Ein junger Mann, der gegenwärtig als praktischer Arzt in New -York berühmte Dr. Gescheid, nahm als Botaniker und Sammler der naturhistorischen Gegenstände Theil an der Reise und hier begannen die ersten Studien des Prinzen in der aussergermanischen Flora. Die Reise ging über Wien, über Bruk an der Murr, Judenburg, Leoben, wo die erste Zusammenkunft mit dem hocherfahrenen Alpenbotaniker, dem Erzherzog Johann statt fand, über Villach, Udine, Treviso, Venedig, Vicenza, Verona und Parma zur Kaiserin Maria Louise, dann über Modeua, Bologna nach Florenz, von da nach Rom und Neapel, auf der Rückkehr durch die Schweiz und im August wieder nach Dresden zurück. Am 13. September 1830 Mitregent geworden, Avar der Prinz durch mannigfaltige Arbeiten der neuen Organisation des Landes so dringend beschäftigt, dass ihm nur die Erholung durch Excursionen im Lande möglich geblieben, aber eine weitere Entfernung durch Reisen nicht zu- lässig war. Ein anderes Hinderniss bot hierbei die Kränklichkeit sei- ner ersten Gemahlin Caroline, welche am 22. Mai 1832 mit deren Hin- scheiden endigte. Am 24. April des folgenden Jahres mit Prinzessin Maria Anna Leopoldine, Tochter des grossen Königs Maximilian von Bayern vermählt, empfand er in der Harmonie mit seiner hohen Gemahlin bald wie- der die Neigung, die Alpen zu sehen und nächst Marienbad, wurde dess- halb in Salzburg und in Tirol botanisirt. An einem jähen Felsen hatte sich der Prinz Mitregent hier verstiegen und ein Jäger hatte das Glück ihm zu Hilfe zu kommen. 16 Des Königs Anton Hinsclieiden erfolgte am 6. Juni 1 836 und der Prinz Mitregent übernahm von da an die Königlichen Pflichten allein. Erst im folgenden Jahre 1837 wurde es wieder möglich an das Rei- sen zu denken, und Oestreich; insbesondere das schöne Kärnthen und Krain *) wurden das Ziel. Aber die Nachricht von einer ernsten Erkran- kung in Laibach; nach einer Erkältung bei dem Besuch der Adelsberger Höhle, beflügelte die Reise der Königin in Begleitung des Geh. Med.- Rath Carus dahin, doch sahen sich dieselben durch baldige Genesung des Königs beglückt, welcher am 23. August wieder in Pirna vom gan- zen hohen Hause freudig empfangen wurde. Im Jahre 1838 wurde der König durch den am 3. Januar erfolgten Tod Seines Herrn Vaters, des Prinzen Maximilian, auf das Tiefste er- schüttert. Am 7. Mai begann die denkwürdige Reise in Begleitung des Geh. Med. -Rath von Ammon als Leibarzt über Triest nach Dal- matien und Montenegro, welche sein Begleiter von Triest aus Dr. Bia- soletto , in italienischer Sprache beschrieben und Eugen Freiherr von Gutschmid deutsch übersetzt hat. Sie war die bedeutendeste von allen Reisen des Königs in Bezug auf ihre wissenschaftliche Ausbeute. Am 21. Juni nach Pillnitz zurückgekehrt, begab er sich mit der Königin vom 7. bis 28. September an über Leipzig in das Erzgebirge, haupt- sächlich um daselbst den Nothstand zu mildern und durch Abhilfe man- cher Mängel die Bewohner zu trösten. Im Jahre 1840 begann er am 22. Juli eine Reise in das Riesenge- birge, wo er in Gesellschaft einiger jungen Botaniker in der Wiesen- baute einen fröhlichen Abend verlebte, und als ihn dieselben nach sei- nem Namen fragten, sich Friedrich nannte und eine gute Nacht wünschte, da er noch einen Brief an seine Fravi schreiben müsse. Die Herren begnügten sich damit nicht, sondern suchten den Boten auf, welcher den Brief vom Gebirge hinabtragen sollte. Sie lasen hier zu ihrem Erstaunen: „an die Königin von Sachsen." **) Er kam am 12. August wieder mit einer schönen Sammlung von Pflanzen zurück. Am 9. Sep- tember reiste er nach München und kehrte am 8. October zurück. Im Jahr 1841 folgte mit der Königin eine Reise nach Baiern und in die Alpen, von wo er am 22. August wieder zurückkehrte. Im Jahr 1842 reiste er am 4. August wieder nach Böhmen. Im Jahr 1843 besuchte er über Leipzig Thüringen und war abwe- send vom 23. bis 27. Juli. Am 3. September begann er einen Ausflug in den Harz und lan^-tc am 1 6. December wieder an. *) Die Reise in Krain ist beschrieben in der Allg. deutsch, naturhist. Zeitung 1847, S. 431 — 440. **) Dieser durchaus so und nicht anders statt gefundene Vorgang, wird in einigen säch- sischen Wochenblättern durch eine Aeusserung verunstaltet, deren Unmöglichkeit Jeder- mann einsieht, wer jemals das Glück gehabt hat, den König in seinen heitersten Momenten y.u sehen. Niemals entschlüpfte ihm eine Aeusserung gegen die Würde seiner Stellung, Vnd jeder Zoll seiner Ersclicinung war und blieb immer unverkennbar der König. 17 Im Jahr 1844 trat er die grössre Reise nach England an und reiste am 22. Mai ab, von wo er erst am Q.August unter feierlichstem Em- pfang wieder eintraf Vom 14. bis 22. September machte er einen Aus- flug nach Leipzig. Im Jahre 1845, dem Jahre des Regens und der grossen Ueber- schwemmung in Dresden, unternahm der König die schwierige Reise nach Ungarn, um die Karpathen aus eigner Ansicht kennen zu lernen. Auf keiner Reise hat derselbe so viel von nachtheiliger Witterung als auf dieser gelitten, dennoch übertraf seine Ausbeute alle Erwartung. Im Jahr 1846 wurde in Gesellschaft der Königin am 24. Juni ein Ausflug nach Potsdam gemacht, dann eine längere Reise nach Tirol, von welcher er heiter und gesund am 2. September wieder anlangte. Die Jahre 1847, 1848 und der Anfang von 1849 waren nicht ge- eignet an eine heitere Reise denken zu lassen, und erst am 14. October 1849 wurde in Gesellschaft der Prinzen Johann und Albert eine Reise in das Voigtland gemacht. Im Jahr 1851 folgte am 1. Juli über Wien und Triest eine Reise nach Oberitalien, von welcher die Rückkehr am 11. August in Pillnitz statt fand. Im Jahre 1852 besuchte er über München abermals sein geliebtes Tirol, Kärnthen, Steiermark und Oberitalien, und ging am 15. Juli wie- der über Tirol nach der Lombardei und über Modena und Toscana nach Sardinien. Auf jeder dieser beiden Reisen wendete die Vorsehung die Folgen von wirklich eingetretenen Unfällen glücklich wieder ab. Das laufende Jahr 1854 führte dagegen jenes furchtbare Ereigniss herbei, welches vielseitig berichtet und näher beschrieben, in die tiefste Trauer Alle, die den erhabenen Verklärten kannten und liebten, so schmerzlich versetzt hat. Die schriftlichen • Aufzeichnungen , auf allen diesen Reisen gesam- melt, die er die Gnade hatte, mich bisweilen lesen zu lassen, sind von höchstem Interesse. Möge noch auf andere Zeugen der Thätigkeit in den Stunden der Muse des Königs geübt, ein Blick zu werfen erlaubt sein: auf sein Herbarhmi und seine Bibliothek und dann auf die unter Seinen Befehlen gediehene Fortbildung des Weinbergs in Wachwitz und des Schlossgartens in Pillnitz. Denkt man sich alle die schönen Ergebnisse seiner eigenen Reisen Und Excursionen, mit den zahlreichen Zusendungen, die er immer aus den Händen der Botaniker, die ihn verehrten, oder Reisender, die er unterstützte, erhalten, denkt man an die Production des Gartens in Pill- nitz und an die Sammlungen getrockneter Pflanzen, die er von Zeit zu Zeit kaufte, so ist sein Herbarium gewiss ein bedeutendes zu nennen und für das Studium durch Sachkenner von hoher Bedeutung. Dasselbe ist ebenso prunklos und einfach als das von Friedrich August I. einge- Allg-. deutsche naturhist, Zeitung-. 2 18 riehtet und es gehört noch das von dem in Pesth verstorbenen bekann- ten Botaniker Rachel angekaufte Herbarium dazu. Von seinen Dou- bletten theilte der König gern mit und jpühlte sich beglückt, Andern dadurch Freude zu machen. Die letzte mir bekannte Mittheiluns' in dieser Art erhielt nach einer auf dem Weinbera-e zu Wachwitz stattiro;- iundenen wissenschaftlichen Audienz mit eigenhändiger Handschrift der Apotheker Reichet in Chemnitz. Anspruchslose Naturfreunde besuchte er gern und so ist er bei dem gemüthlichen Dr. Dehne in der Nieder- lössnitz zu wiederholten Malen gewesen, und hat sich an dessen schöner Sammlung wie an seinen lebendigen Thieren erfreut. Die Ribliothek wurde immer zweckmässig vermehrt, indessen stam- men die meisten Prachtwerke, wie die von Jacqiän, Ventenat, Waldstein und Kitaibel, Tenore^ Pohl, St. Hllaire, Ho/fmansegg und Link, Curtis und Hookers Floi-a Londinensis, Flora danica, das grosse Werk von Alexander von Humboldt und andere, aus der Hand Seines Oheims; von grossen Prachtwerken hat Er selbst etwa vorzüglich die Plantae asiaticae von Wallich und Batemans Orchideae gekauft. Die Abbildungen seltner in Pillnitz blühender Pflanzen wurden durch die geistvollen Darstellungen des Hofmalers Moritz Tettelbach vermehrt, aber die immer zahlreicher von London aus erscheinenden, guten Abbildungen aller neuen Ent- deckungen, Hessen inimer mehr die Zahl der noch hier abzubildenden Arten vermindern, so dass nur die neunte Centurie vollendet worden und die zehnte begonnen. Seine Arbeiten im botanischen Cabinet in Pillnitz, wie im Herba- rium in Dresden, wurden mit demselben Ernste, wie von seinem ehr- würdigen Oheim betrieben. Ich selbst war befehligt, jeden Freitag das mit ihm fortzusetzen, was Friedrich August I. eingeführt hatte, nämlich die Bestimmung oder Berichtigung der in dem Zeitraum von einer Woche zur andern aufgeblühten Gewächse und im Winter das Einord- nen in die Herbarien und in die Bibliothek. Jene Berichtigung der Pflanzen, die man so häufig unter ganz falscher Benennung erhält, er- forderte auch hier die reiche Bibliothek und in neuerer Zeit, wo die Masse des Entdeckten immer grösser geworden, hatte sich auch die Schwierigkeit dieser Untersuchungen immer mehr und bedeutend ver- mehrt. Der König war ebenso wie in allem, was er einmal begonnen, unermüdet beharrlich und diese Stunden waren ihm angenehm, und was noch weit mehr sagen will, sie blieben es ihm durch 27 Jahre hindurch bis an sein Ende, denn der Prinz wurde Mitregent und der Mitregent wurde König, aber seine Liebe zur Natur blieb sich bis in die letzten Momente seines schönen Lebens vollkommen gleich und noch am letz- ten Freitage vor seiner Abreise hatte er die Freude, unter den im bo- tanischen Cabinet aufgestellten Exemplaren, nächst vielen anderen Ge- wächsen, besonders Orchideen, die CaroUnea princeps und Costus specio- ms zum erstenmale blühen zu sehen. Die Berichtigungen der hi^r 19 biüliendeuiübvväciiöe wurden von jeher das Mittel, diesen Garten bei der Sorgfalt seiner Gärtner, welche diese Bestimmungen nicht wieder ver- wechselten , in dem guten Rufe zu halten, dass andre Gärten mit ihm in Tauschverbindung traten und die baaren Ausgaben für anzukaufende Pflanzen sehr massig sein konnten. — Auch sein Studium der Pflan- zenwelt war nicht einseitig für Species berechnet, ihn interessirte auch der Bau und das Leben der Pflanzen und die Fortschritte der Physiolo- gie, welche wir in seiner Zeit J}Iohl und Schieiden, Göppert und Unger, Jj-misch und Cohn, Schacht und Hofmeister und Anderen verdanken, waren ihm ebenso geläufig, wie die Systematik, in welcher sein Geist immer Klarheit und wahren natürlichen Zusammenhang verlangte und liebte. Der Weinberg in Wachwitz giebt ein redendes Zeugniss von der tiefen Gemüthlichkeit unseres verklärten Königs. In gewohnter Beschei- denheit beginnend, kaufte der Piunz im Jahre 1824 des Grundstückes ersten Theil, und legte bald darin den Thiergarten an, welcher ihm bis an sein Ende manche Erheiterung gewährt hat. Durch successive Er- weiterung ist es zu dem herrlichen und grossartigen Ensemble gewor- den, welches für jeden Beschauer so leicht zugänglich ist und dessen neueste Acquisition der König noch kurz vor seiner Abreise mit wah- rer Freude erzählte. In Hinsicht der Lage und Aussicht ist dieser Weinberg fast unübertrefflich zu nennen, in Hinsicht auf Bequemlichkeit bei bescheidenen Ansprüchen, wahrer Meuschengrösse vollständig ge- nügend und rücksichtlich der Erinnerung an daselbst verlebtes häusliches Glück und harmonischen Einklang zweier Herzen, fast einzig in seiner Art und der hohen Würde des ganzen erhabenen Königshauses gänz- lich entsprechend. Die Pflanzensammlung im Schlossgarlen wurde während der Regier- ung Friedrich August II. bedeutend vermehrt. Der Garten hatte das Glück, ausgezeichnet sorgfältige Gärtner zu haben, vom Jahre 1798 an den Hofgärtner John, nach dessen Tode im Jahre 1832 am 28. April diese Stelle durch den vormaligen botanischen Gärtner Terscheck aus Dresden wieder besetzt wurde. Beide haben den höchsten Ruhm eines Gärtners durch die ausgezeichnete Erhaltung der alten Pflanzen und durch die fleissige Heranziehung, sorgfältigste Etikettirung und Erhalt- ung der Etiketten, bei einem geringen Personale von Gehülfen, erlangt, alles Eigenschaften, welche eben so selten sich vorfinden, als sie lür das Gedeihen eines botanischen Gartens unerlässlich genannt werden müssen. Beide Könige haben diese Eigenschaften immer erkannt. Unter dem Hofgärtner Terscheck wurden alle jene ehrwürdigen Zierden des Gartens in wahrer Pietät für den verewigten hohen Begründer dessel- ben erhalten und die Vermehrung der Arten von 4000 auf 16000 er- hoben. Davon sind 2500 Staudengewächse im freien Lande systema- tisch geordnet. In einem Wasserbassin im Freien sind über 20 Arten Nymphaea, Niiphar, Nelumbium, Dichorisandra, Limnocharis, ViUarsia, Sa- 2* gittaria und dergleichen zur Blüthe gebracht. Das Palmenhaus bietet den Eindruck der Tropenwelt und ist dicht mit Gewächsen erfüllt. Pandanus odoratissimus 24' hoch, Phoenix dactylifera, farinifera, reclinata, und guianensis bis 16', Latania chinensis 18', Cycas revoluta von 5' Stamm- höhe, Dracaena longifoUa 14', arhorea 11', Aletris fragrans 24', Cinna- momum verum, nitidum, Cassia 18 bis 22', Carica Papaya 14'. Ein zwei- tes warmes Haus enthält eine grosse Anzahl gut gepflegter, zum Theil seltner Pflanzen, Billenia speciosa von 9', Ficus nymphaeifoUa und imperialis bis 13', Calypiranthes caryophyllata 10', Uvaria adoratissima 22', Adan- sonia digitata 20'. Unter den Pflanzen des kalten Hauses befinden sich noch diejenigen Neuholländer, welche durch die Expedition von Joseph Banks mit zuerst nach Europa gelangt sind, grosse dickstämmige Bank- sien bis zu 14' Höhe, Arten von Hakea, CalUstemon, Acacia meist 20 bis 22 ' hoch. Die ganze Sammlung dieser Gewächse steht im Sommer nach ihren natürlichen Verwandtschaften zusammengestellt, zwischen Hecken im Freien. Der Sachkenner findet sich in diesem botanischen Garten dadurch am meisten befriedigt, dass eben nicht, wie so häufig geschieht, die Sucht nach Neuem das Alte verdrängt hat. Der richtige Unter- schied eines botanischen Gartens von einem Luxusgarten bewährt sich hier durch die möglichst vollständige Aufstellung von Gewächsen aller Familien, so auch reicher Sammlungen von Cisteen, Compositae, Labiatae und dergleichen mehr, in ihren alten typischen Formen. Das neue Orchideenhaus enthält neben einer Anzahl anderer Gewächse 275 Arten Orchideen in kräftigen Exemplaren, daher dergleichen in jedem Monate blühen. Auch der grosse Raum zwischen den verschiedenen Palais, welche ^um Schlosse gehören, ist im Jahre 1837 durch den Hofgärtner Terschek geschmackvoll angelegt worden und die neuen Anlagen ziehen sich noch ausserhalb der zum Schlosse unmittelbar gehörigen Räume an der Elbe herab bis über die fliegende Fähre hinaus. In allen jenen Gewächshäusern, insbesondere im Orchideenhause und am Bassin der Nymphäen weilte der vereAvigte König mit innigster Freude und Liebe bis in die letzten Tage seines Lebens in Pillnitz. Der Schlossgarten da- selbst ist niemals öffentlich und niemals gesitteten Personen verschlossen gewesen. Jedermann fand daselbst Eintritt und bereits Friedrich August der Gerechte freute sich, wenn irgend Jemand ftir den Garten Theil- nahme zeigte. Von Botanikern hat derselbe früher Willdenow , Schwäg- riehen und Schkuhr bei sich gesehen. Friedrich August IL nahm alle Män- ner der Wissenschaft gern auf, und erlaubte mir unter andern Sprengel aus Halle, Treviranus aus Bonn, den Grafen Hoffmannsegg , Prof. Paria- tore aus Florenz, Prof. Dr. de Visiani aus Padua, Moretti aus Pavia, Dr. Bigelow aus Boston, Baron von Müller aus Stuttgart und Andere zu ihm zu führen. Dieser Garten erscheint jetzt zum ersten Male verwaist. Da wo noch vor Kurzem der Allgeliebte Friedrich August im Verein mit der in 21 immer heitrer Harmonie seine Freuden theilenden Königin Maria sich liebend bewegte, da tönt jetzt dem einsamen Spaziergänger in abend- licher Weile ein Säuseln aus den hocherhabenen Wipfeln der ehrwür- digen Liriodendren, Platanen, Magnolien und canadischen Pappeln und Tannen entgegen und seine Wehmuth übersetzt es in die wenigen Worte : ,,hier haben zwei der besten Könige, welche jemals die Welt sähe, mit den Ihrigen 84 Jahre hindurch in reinster Liebe gewaltet!" Wenn uns seine innige und tief empfundene Liebe für die Natur characteristisch für sein Leben erscheint, so war doch sein allseitig ge- bildeter Geist empfänglich für alle Richtung, des menschlichen Wirkens, er umfasste mit Liebe das ganze weite Reich der Wissenschaften und Künste und belehrte sich durch eigene Anschauung in den Fabriken und Werkstätten des Inlands, wie in der weiterten Ferne. In seinen Sammlungen finden sich von seiner Reise mit seiner Gemahlin im Erz- gebirge sogar die aus Holz gedrechselten Ringe aus den Spielwaaren- fabriken in Sayda, welche sich durch spätere Manipulationen in Thiere verwandeln. Dabei besass er das seltene Talent aus freier Hand in richtigsten Proportionen, die aus dem mannigfaltigsten Detail bestehen- den Ansichten von Gegenden, vorzüglich Gebirgszügen zu zeichnen. Von allen seinen Reisen brachte er zahlreiche Blätter solcher Hand- zeichnungen mit, sie mögen sich hoch über die Zahl von tausend belau- fen, und es gehörte unter seine angenehmsten Vergnügungen nach der Rückkehr diese mit' Vorlegung von Specialcharten zu erläutern , wo- bei seine unübertreffliche Erinnerung für alle die kleinsten Details, räumlich und zeitlich treu wiedergegeben, Bewunderung erregte. Er war so gnädig mir diese Relationen immer um so ausführlicher zu geben, als er beklagte, dass in der Jahreszeit seiner botanischen Reisen, in welcher gewöhnlich mehrere Fremde zum Anhören der in Dresden immer zahlreich besuchten Vorlesungen der Botanik hierher kamen, meine Amtspflicht mich hier fest hielt. Besondere Freude erregte ihm bei diesen Relationen die Erinnerung an jene Blicke von den Höhen der Berge oder zwischen Bergen und Schluchten hindurch, oder aus den Fenstern der Zimmer, die er bewohnte. Alle diese Blicke wurden in der Regel mit geübter Hand dem Papiere vertraut und seine Augen strahlten in reinster Freude, wenn er bei Mittheilung seiner Berichte darüber Theilnahme fand. In der höchst dankenswerthen Schrift des Director Frenze!, ist diese seine ernste und weitumfassende Kunstbestreb- ung noch weiter erläutert. Wollten aber alle diejenigen, welche das Glück hatten, durch ver- schiedene Fächer ihrer eigenen Thätigkeit mit ihm in Berührung zu treten, darüber berichten, welche Thätigkeit er in eines jeden Fache ge- übt hat, so würde sich nur der Beweis davon herausstellen, dass er es verstand, das vielgestaltige Leben der ganzen gebildeten Menschheit in seiner hohen Individualität selbst in klarster Harmonie zu beherrschen. 22 Wenn aber die zweckmässige Thätigkeit bis über die Stunden und kleinsten Momente der Muse verbreitet, immer die Mutter der Heiter- keit ist, so wusste er diese Heiterkeit auch noch durch eine seltene Menschenliebe zu nähren. Die feste und treue Anerkennung der Wahr- heit, des Kechts und der menschlichen Würde und Sitte lag allen seinen Handlungen und Aeusserungen zu Grunde, die wahre reine Humanität lebte immer in ihm. Ich kann nicht unterlassen, auf die Aeusserung dieser Humanität noch einen Rückblick zu werfen. Seine innige Liebe zu Kindera war so rein und edel, dass sie in der That mehr als einmal, wenn er sich überall freute, wo wir gesunde, muntere, freundliche Kinder der Land- leute trafen, an jene erhabenen Worte von Christus mich lebhaft erin- nerte, welche die reinste Reinheit einer Seele verkünden. Seine grosse, wahrhaft christliche Nachsicht gegen Alle, nur nicht gegen sich selbst, ist zu bekannt, denn sie hat selbst in den entscheidensten Momenten treu sich bewährt. Ebenso lebendig steht die Erinnerung vor uns, wie das hohe Brüderpaar bei Unglück und Gefahr selbstthätig einschritt, bei jener furchtbaren Ueberschwemmung im Jahr 1845, bei mehreren Feuersbrünsten thatkräftig mitwirkte, zu löschen, zu retten, zu helfen, ■TM trösten. Ja, wahrhaft tröstend und erhebend war sein liebevoller Blick, wenn er in tiefster Rührung einen seiner treuen Diener nach Genesung von schwerer Krankheit mit beiden Händen erfasste, als wollte er sich ge- wiss machen, glauben zu dürfen, er sei ihm wiedergegeben. Bei allen Leiden, welche ihm bekannte Personen getroffen, litt er tief mit und schon das Bewusstsein seiner Theilnahme wurde Vielen das Mittel zur heiteren Genesung. Sein im Anschauen der Entwickelung der organi- sirten Natiy- so tief begründetes conservatives Prinzip , welches z. B. jede Zerstörung vegetabilischer Bekleidung von Mauern oder jede Ver- nichtung alter Bäume missbilligte, fand den höchsten Reflex in seiner Achtung des Lebens der Menschen. Einen Fall seiner Achtung für das Alter, bitte ich noch erzählen zu dürfen. Es war an einem schönen Tage des Monat August im Jahr 1820 als wir bei Tagesanbruch in Frauenstein angelangt, von da nachdem der Prinz den Anblick der Stadt für sein Stammbuch gezeich- net, über Schönfeld hinaufgingen, um dann durch den Höllengrund em- porsteigend an das 2354 Fuss hochliegende Dorf Schellerhau zu gelangen und Cineraria rivuluris daselbst blühen zu sehen. Am heissen Mittag gingen wir dem Ufer der wilden Weisseritz entlang, herrliche Wiesen mit hohem Grase lagen zur Seite, die Arnica stand noch leuchtend in vollester Blüthc, die feinen federartigen, smaragdgrünen Blätter der Bärwurz erschienen truppweise gruppirt auf der Wiese, das überaus zierliche Galium saxatile streckte seine Guirlanden am Boden dahin oder sie hingen über die Steine am Ufer des rauschenden Flusses mid 28 Cirsium helerophyllum hob verstreut über die Wieseh die dunkelrothen Köpfe über die Arnica und über die hohen Gräser empor. Ein tiefes Schweigen beherrschte die Landschaft, denn die früher über den Wip* fein kreisenden Sperber und Habichte beängstigten nicht mehr die jun- gen Brüten des Waldes und hatten sich in der Hitze in den dunkeln . Zweigen des Dickicht verborgen. Nur die rein kastanienbraune Ligea flog geräuschlos noch an den grünen Abhängen und suchte den aroma- tischen Thymus, zwischen den Blumen auf der Wiese flatterte die düster- gefärbte, weissgesäumte Chaerophyllata herum, und hier und da flog vor den Fusstritten die schöngezeichnete Euprepia plantaginis auf, aber Noctua graminis sass hier und da mitten in den Blüthenköpfen der Arnica^ still ausruhend unter den senkrechten Strahlen der Sonne, von der reissend- schnellen Bewegung ihres Flugs in der vei-flossenen Nacht. Der Prinz fühlte sich sichtbar glücklich im Verständniss des reichen Detail in die- sem grossen, erhaben lebendigen Bilde der friedlichen Natur seines Landes. Aber bald wurde dieser so reizende Schmuck den Wiesen ent- nommen, denn als wir weiter gelangten, sahen wir Schnitter beschäftigt, welche mit Sensen die Wiesen ihres hohen Grases beraubten. Wir näherten uns dem Uebergange über den Fluss, wo man den durch die fluthenden Wintergewässer weggerissenen Steg durch den einfachen Stamm einer massigen Tanne ersetzt hatte, und sahen, dass eben ein hochbejahter Schnitter dem Baumstamme sich näherte, um hinüberzu- gehen. Als wir herankamen, trat er freundlich grüssend zurück, aber der Prinz fragte ihn: „du willst wohl auch hinübergehen?" worauf er antwortete : „meine Sense liegt noch drüben, die w^ill ich mir holen ! " — Hierauf sagte der Prinz: „dann bleib hier, die will ich dir geben" mit einigen Schritten war er hinüber, fasste die Sense, kam eben so schnell wieder herüber, reichte sie dem verwundert dankenden Greise , dessen Kindeskinder vielleicht noch lange einander diese Auszeichnung er- zählen. Noch heute steht der tiefgerührte, silberhaarige Greis, der wahr- scheinlich längst ruht, lebendig vor meiner Erinnerung. So liebend und mit der ganzen Welt sich versöhnend und diesen Grundsätzen gemäss in jeder Richtung hat Friedrich August gewirkt und auch der harmonische Einklang seiner Studien der Werke Gottes mit den Geboten seines Wortes, der ihn in allen seinen Thaten belebte, hat vielfachen Segen gebracht. Wenn ich in diesem zweiten Theile unsrer Betrachtung nur einige wenige und rein objective Aeusserungen des verewigten Königs er- wähnte, so bleibt mir noch ein Schatz reicher Erinnerung an Aeusser- ungen, welche eben um ihrer tieferen Subjectivität willen, als Zeichen jener persönlichen Gnade, welche bis über die Grenzen des Lebens hinausging, im dankbaren Geraüthe verschlossen, welche durch eine jede Veröfi'entlichung verlieren würden, an ihrer hohen Bedeutung, an jener heiligen Weihe, welche nur in der eignen Erfahrung des Tndivi- 24 duums lebt. Dies Erlebniss aber, ist ein lindernder Trost für den Rest des eigenen Lebens , welcher die bleibende Wehmuth, so viel als noch möglich, erheitert. , Nur mit wenigen Worten mögen wir noch die dritte Frage zu be- antworten suchen : welchen Erfolg für die Zukunft, von des Königs Har- monie in seiner Verehrung des Wortes und der Werke Gottes , dürfen wir hoffen ? Ich vermuthe einen dreifachen Erfolg. Zuerst hat der König das erhabene Beispiel gegeben und ins wirkliche Leben im Angesichte der ganzen Menschheit geführt: dass diese Harmonie, wenn sie sich auf m«e und wahre Anschauung der Natur treulich begründet, wirklich besteht, und dadurch bewiesen dass wo diese Harmonie gestört wird, dann der Grund in dem Mangel an Wahrheit und Treue der Naturanschauung liegt. Jener falsche materialistische Weg, den man gegenwärtig dem Volke aufdringen will, und weil man das Bessere nicht lehrt, wirklich aufdringen lässt, wo Naturforscher sich auf die Wunder der Natur setzen, wie jene Fliege, deren Carus erwähnt, im Phönix, in seinen „gelegent- lichen Betrachtungen über den Character des gegenwärtigen Standes der Naturwissenschaft", welche Fliege auf dem Apoll im Belvedere sitzend, diesen allerdings nur als kalten Marmor erkennt, jene Construction des Geistes aus dem Magen oder aus jeder anderen Retorte, welche conse- quent zu der Anschauung führen würde, dass die gegenwärtige, so fein genusssüchtige Zeit nur aus lauter grossen und fast gleichgrossen Geistern bestehen müsste, und welche von der Sterblichkeit jenes Magen- geistes nach dem Aufhören seiner Genüsse, zum Atheismus dahinführt, ist freilich jenes ,jWissen" zu nennen, „welches um Christum herum- geht," darin stimmen wir vollständig bei, und der vereAvigte König hatte sehr recht, wenn er im Jahr 1848 unmittelbar nach seiner Verwunderung darüber, dass ein practischer Naturforscher dahin gelangen könnte, die Vermuthung hinzufügte: es möge dabei doch wohl die wahre Grundan- schauung gefehlt haben. Darum kehren wir lieber zu dem alten Glau- ben zurück: „es ist der Geist, der sich den Körper baut!'' Nur auf diesem Wege wird das Selbstbewustsein und die Selbster- kenntniss des Menschen gefördert und er hat dann nicht vergeblich die vielen Stufenleitern der organisirten Welt in ihrem Parallelismus er- stiegen, wenn er auf den Punkt jener Höhe gelangt ist, wo endlich der Geist in seiner Vollendung selbstständig wird. Das grosse Reich dieser Geister werden wir nimmer mit Destillirkolben und Retorten besiegen und bannen. In der That, die wahre Anschauung der Natur liegt im christlichen Prinzipe und ist tief in der Liebe begründet. Recht verstanden ver- kündet auch das Gift der Pflanzen und Thiere die Liebe, und die Zer- störungen des Schiffswurmes sind nur Abweichungen von seinem wahren Berufe die gefährlichen Wraks zu vernichten, und alle conservative Ver- 25 hältnisse im physischen Leben der Menschheit finden wir als Vorbild schon in der Natur. Hier galten schon weit früher als in der historischen Zeit alle nur denkbare Verhältnisse der Ehe und der Erziehung mit ihren Folgen; hier die Kinderbewahranstalten und Waisenhäuser, hier die Blinden- und Taubstummeninstitute mit ihrer Tast- und Zeichen- sprache und die Hospitäler für Kranke und Greise, sie haben ihre Be- gründung gefunden in der präadamitischen Zeit. Revolutionen aber sehen wir nicht mehr in der Natur, denn sie dienten nur in der Urzeit zu der ersten Bildung des Erdkörpers, zu der Vorbereitung des Wohn- platzes für den friedlichen Menschen, für welchen Zweck auch ein Untergang und ein Wechsel von Thiergenerationen , ein stufen weises Steigern und Auftreten derselben bedingt war. Dagegen hat der Krieg, die Vernichtung einer und derselben Species unter sich keine Begrün- dung, kein Vorbild in der Natur. Was uns Homer und Aelian, was Oppian und PUnius von den Kriegen der Thiere erzählen, das sind Malereien der dichterischen Phantasie ihrer Zeiten, dennoch sehr natur- gemäss nur im Bereiche verschiedener Arten geschildert, denn die Art in der Natur kennt für sich nur das conservätive Prinzip und die ge- selligen Thiere einer Art lieben einander unter sich vielmehr als die Menschen, daher eine Unnatur, wie der Krieg, unter ihnen nicht und niemals Platz greifen kann. Eine Vernichtung in Masse und dann eine Vernichtung der vollkommensten, kräftigsten und edelsten Individuen untereinander müsste im Plane der Schöpfung, welche auch ihre schwäch- sten und ältesten Individuen, so wie einerseits die Menschheit hierin ihr nachahmt, noch mit oft wunderbarer Sorgfalt erhält, inconsequent, zweck- widrig und selbstvernichtend für die Species erscheinen. Und wirklich nehmen war auch wahr, dass historisch und factisch erwiesen, jedem bedeutenden Kriege im Plane der Vorsehung, um der Menschheit jene , Incohsequenz zu beweisen, als ganz unvermeidliche Wirkung einer Ver- wundung, Verkrüppelung, Zerstörung und Auflösung so vieler Organis- men, Pest und Seuchen aller Art und eine auffällige und factisch nach- gewiesene physische und moralische Schwächung und Verderbniss der Generationen naturgesetzlich streng und sicher gefolgt sind. Wilde Völker haben auf diesem Wege ihre ganzen Stämme vernichtet, nur die friedlichen wie die Samojeden, Grönländer und Lappen haben sich ohne Krieg kräftig blühend erhalten und folglich auch von ihnen sagte La- martine mit Recht: „gebildete Völker führen keinen Krieg." Wohl uns, dass dieser Ausspruch jetzt auch Deutschland gebührt. Die Wissenschaft von der Vernichtung der Menschheit und ihrer Werke ist in der Gegenwart auf ihren Culminationspunkt gelangt, und vielleicht auf diesem endlich wird man dennoch die menschliche Ohn- macht und den wahren Plan der Schöpfung und das Prinzip der christ- lichen Lehre erkennen und jene zu einer conservativen Wissenschaft ftir den Schutz und für die Erhaltung eines allgemeinen Friedens gestalten. 2g Nur zum Schutz uüd zur Vertheidigung von König und Vaterland giebt es einen naturgemässen , geheiligten Krieg. Nur wer dieses Moment erlebt, wird mit Recht sagen können, dass er den sittlichen Fortschritt, dass er die wahre Veredlung der Menschheit, dass er das lebendig ge- wordene Christenthum endlich begrüsste. In ähnlicher Weise ist auch die ganze Natur, dafern wir sie rich- tig verstanden, ein Spiegel der Menschheit und eine grosse und von Gott selbst erschaffene und dem Menschen offenbarte und auf allen «ei- nen Schritten vorgelegte heilige Symbolik, von Christus selbst oft genug als solche gedeutet. Wie soll die Anschauung dieser Natur, die in allen ihren Theilen selbst nur Symbol ist, wie soll sie die Bedeutung der Symbole der Religion schmälern oder gar aufheben können ? Der hoch- erfahrene und allverehrte Alexander von Humboldt sagt in seinem Kos- mos: „Die christliche Richtung des Gemüths ist die: aus der Weltord- nung und aus der Schönheit der Natur die Grösse und Güte des in ihr wohnenden Geistes zu beweisen." — Nur Fanatiker ihres eignen Wor- tes, das sie über das Wort Christi egoistisch erheben, können es ver- suchen, den von Gott selbst gegebenen Commentar seines Wortes ver- achten und vor der Menschheit A'-erbergen zu wollen. Zweitens dürfte im Erfolg des erhabenen Beispiels des verewigten Königs und jener Theilnahme, welche schon Friedrich August I. für die naturwissenschaftliche Bildung der Jugend gezeigt hat, die Zeit heran- nahen, wo endlich einmal, da wo dies noch nicht stattfindet, die wahre und eben wahrhaft segensreiche Kenntniss der lebendigen Natur in die Bildung der Jugend weiter und allgemein eingeführt werde, sobald da- zu die zweckmässige Bildung einer hinreichenden Anzahl sachkundiger Lehrer wirklich vorausging. Wir müssen dies wohl auf das dringendste wünschen, denn die Naturforschung, insbesondere die Erforschung der lebendigen Natur, ist ja der Avahre Schlitz für die Jugend gegen die Fehltritte auf der Bahn ihres Lebens, ja die Naturforschung ist der ver- einte Gottesdienst aller Confcssionen der Welt. Drittens wird diesem Achtung gebietenden Vorgange, der ernsten und hingebenden Beschäftigung eines der edelsten Fürsten mit der Natur folgend, die Naturkenntniss auch wieder öfters das Eigenthum von Privatpersonen werden, sie wird sie vor Müssiggang und nach- theiligen Genüssen, vor unsinnigen Spekulationen und Phantasieen be- wahren, wird sie über ihr eignes Handeln und Wirken belehren und sie aufklären über tausende von Vorgängen im Leben, sie wird ihr Alter er- heitern und auf jedem Spaziergange ihnen eine treue und sie unterhaltend belohnende Führerin sein, wird ihr Urtheil über die Welt berichtigen und mildern und in der Anschauung der Natur sie klarbewusst und gläubig aus tiefster Ueberzeugung zu deren Schöpfer erheben. Sie wer- den darin dem heiligen Willen Gottes selbst folgen, welcher die Man- nigfaltigkeit und Schönheit seiner unnachahmlichen Werke selbst als 27 Mittel zu einer menschlichen Erkenntniss seiner Allmacht und Grösse für alle Menschen gegeben. Zum Schluss kommend, erinnere ich zuerst daran, wie dankbar die Beschäftigung der Musestunden des Königs von denjenigen aner- kannt worden ist, welche den Gegenstand derselben zu schätzen ver- standen. Es ist für jeden strebenden Geist wahrhaft erhebend, wenn eine hochgestellte Person dieselbe Richtung, welcher er sich selbst ge- weiht hat, beachtet vmd würdigt. Aber der ganze, weit über die Fläche der Erde verbreitete Kreis der wahren Naturforscher war mit allem Rechte stolz darauf, dass eine so reine und so in ihrer Art einzige Per- sönlichkeit, wie die des verewigten Königs, mit ihm dasselbe Bestreben getheilt hat. Nicht allein durch viele und grösstentheils ganz anspruchs- lose Zusendungen an ihn selbst gab sich dies kund, sondern ausserdem nach dem Brande im Zwinger durch zahlreiche und zum Theil höchst bedeutende, in mineralogischer Hinsicht an meinen werthen Collegen Prof. Geinitz, in zoologischer Hinsicht an mich selbst gerichtete Send- ungen aus buchstäblich allen, auch den entferntesten Theilen der Erde wurden Zeugen der freudigsten Ehrerbietung für den König und der allgemeinsten Theilnahme bei jenem Verluste und es war uns oft rüh- rend. Beweise der innigsten und anspruchlosesten Liebe darunter ken- nen zu lernen, in einer Zeit, in welcher vnr für die Neubegründung der Sammlungen alles, auch das Geringste aufrichtig dankbar empfingen. So allgemeinen Dank hat der Verewigte sich auch durch seine Theilnahme für seine Anstalten für Naturwissenschaften bereitet. Als nach lauten und heftigen Gegenbestrebungen jene unzweideutigen Be- weise der Anerkennung und Achtung für das Wirken und Fortbestehen der Königl. medicinisch-chirurgischen Akademie in den Kammern der versammelten Stände des Landes ausgedrückt wurden, da war es wohl Niemand mehr, als der König selbst, welcher darüber sich freute, dass diese Anstalt durch seinen hohen x\hnherrn Friedrich August den Ge- rechten, dessen Schöpfungen er immer in treuester Pietät noch kindlich f^rkannte, in weiser Erwägung ins Leben gerufen, bei der stets beschei- denen Stille, in der sie gewirkt hatte, dennoch so wie von ihm selbst, auch von den Ständen anerkannt wurde. Und in der That haben wir auch in andern Staaten nach Aufhebung ähnlicher Anstalten, die Wie- derherstellung derselben mehr als einmal erlebt. Auch die Gesellschaft Isis, in deren Auftrage ich die Ehre hatte, vor ihnen zu sprechen, löst dadurch nur ihre Pflicht des tiefempftmde- nen Dankes, denn durch sein Allerhöchstes Wohlwollen ist sie gediehen, und auf diejenige Stufe der Entwickelung und Theilnahme gelangt, deren sie jezt sich erfreut. Im Jahre 1834 durch den dem verewigten Könige durch sein treffliches Pilzwerk bekannten und von ihm geschätz- ten Naturalienmaler Harzer, welcher auch ftir König Friedrich August I. schon gemalt hatte, frestiftet. hat sip im Lanfp rler ZHt sich weiter ent- 28 faltet und ist die einzige mir bekannte, wissenschaftliche Gesellschaft geworden^ welche in jedem Monate fünf zahreich besuchte Versamm- lungen hält: eine Hauptversammlung für jeden Monat und noch vier Versammlungen für die Sectionen Mathemathik nebst Physik und Chemie, dann Mineralogie, Botanik und Zoologie, als die Hauptwissenschaften gesondert. Es ist die innere Einigkeit und das anspruchlose Walten aller Mitglieder, welche diese Entwickelung unter der immer zugeneig- ten Theilnahme des Königs an den Mittheilungen über ihr Fortschrei- ten und über ihr geräuschloses Wirken, so günstig gefordert. Ich freue mich auch und ich danke herzlich dafür, dass es mir ver- gönnt worden ist, in diesem Saale sprechen zu dürfen, hier an dieser Stelle, von wo ich selbst in den Zeiten der Aufregung mehr als einmal jene noch in der Erinnerung bekannte breite Unterlage und jene An- sichten unbedingter Freiheit und Gleichheit auf die Gesetze und auf die Schranken der von unten bis nach oben sich steigernden, stufenweise orga- nisch gegliederten Natur zurückzuführen versuchte, hier wo man das Wohl der Bürger der Residenz in ernster Weise verhandelt, hier wo stets nur das Gute wollende Männer dasselbe fördern und ausführen helfen und dadurch auch hier die Erinnerung an eine grosse Schöpfung des allge- liebten Königs dankbar und lebendig erhalten. Gewiss handelten die- selben auch ganz im Sinne und im Geiste dieses verewigten Königs, durch die neue Organisation der Realschule in Neustadt-Dresden, durch welche sie das schönste Denkmal ihrer Achtung für die Naturstudien sich selber gesetzt haben. Denn sie haben im reinsten Einverständniss mit den verdienstvollen Lehrern der Anstalt diejenige Harmonie zwi- schen den Naturwissenschaften und den klassischen Studien ins Leben gerufen, welche allein für die praktische Bildung der gesitteten Mensch- heit die entsprechende, ja, welche die wahre Aufgabe der Zeit ist, da die Extreme sich niemals bewährt haben. Denn das Studium der Natur- wissenschaften ohne klassische Bildung führte wohl immer zur anmas- senden Halbwisserei, während das ausschliessliche Betreiben klassischer Studien in der Vorzeit geübt, ohne alle Rücksicht auf die lebendige Natur, gar zu oft nur Pedanten erzeugt hat. Die Erkenntniss des Leben- digen ist es vor Allem, welche uns aufklärt über die höchsten Vorgänge in der sichtbaren Welt, und welche unsere Ahnung einer Welt der Geister in bewusster Weise vermittelt. Genehmigen Sie, hochgeehrteste Herren des Rathes der Stadt und Herren Stadtverordnete, gewiss im Namen aller Mitglieder der Isis, durch mich den innigsten Dank für Ihr Wir- ken durch diesen Zweck, für das Wohl unsrer Bürger. So segnend hat nach allen Richtungen hin der Geist Friedrich August's für uns gewirkt und er wird fortwirken, aber wir beklagen dennoch in tiefster Trauer sein Scheiden von uns, aus seinem liebevol- len irdischen Walten und Wirken. Aber einen Trost hat uns Gott wiedergegeben, welcher eine in gleicher Weisheit regierte Zukunft, eine gleiche Förderung aller Wis- senschaften und Künste, eine gleiche Wahrung aller Interessen, eine gleiche und wahrhaft väterliche Liebe für Alle uns sichert. Ich spreche ihn nicht aus, diesen Trost, denn der Dank und die Rührung dafür er- füllt unsere Herzen und jeder Einzelne von' uns begegnet dem Andern in dem aus tiefster Seele treu und freudig entquellenden Wunsche: ,,Gott erhalte den König, Gott erhalte und beschützte immerdar das ganze hohe Königliche Haus ! " Genehmigen Sie allerseits, hochzuverehrende Anwesende, meinen tiefempfundenen Dank für die theilnehmende Nachsicht, welche Sie meinen schwachen Worten gewährten. Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im Laufe der Zeit. .Prüfet Alles und das Gute belialtet!" Das Erdleben im Ganzen betrachtet, ebenso wie. das Leben eines jeden einzelnen organisirten und zum Subject in diesem Erdleben gewordenen Wesen an sich, kann nur durch Gegensätze bestehen und wird nur durch deren Gegenwirkung in und ausser sich, selbst als lebendig er- kannt. Und wie nur in dieser Weise das Leben im Weltall und das Einzelleben der Organismen seine Entwickelungsstufen zu durchlaufen vermag, ebenso wurde auch das Wissen der Menschen, so lange wir Kunde haben von dem Beginnen irgend eines seiner manigfaltigen Zweige und von dessen lebendigem Fortbilden und Wachsthum, immer nur durch dergleichen bestimmte und oft schroffe Gegensätze gefördert. Gegenseitig einander anregend, wirkten dieselben im Wechselkampfe des Menschengeistes, oft sogar das einzelne Leben bedrohend und ge- waltsam ertödtend, dennoch das allgemeine erhaltend und stärkend für neues Gedeihen. Und alle Wahrheiten gingen auf diesem Wege aus ursprünglichen Irrthümern und Zweifeln hervor, welche abschweifend nach den Extremen verschiedener Seiten, zwischen sich nur erst nach weiser Erwägung und sorgsamer Prüfung, in ihrer Mitte die Wahrheit bedingten. Es waren dann die Momente der wieder eingetretenen, der endlich gewonnenen Ruhe, welche die Wahrheiten als Endresultate der Kämpfe hervortreten Hessen, ja, unbewusster Kampf gestaltete sich end- lich zu klarem Bewusstsein. so Ein Hineinblicke selbst noch in die Fortbildung der Naturwissen- schaften unserer gegenwärtigen Tage, dürfte das Gesagte anschaulich machen, und so wie die Materie von Alters her immer wieder sich auf- lösst und im Wechsel der Stoffe sich zu neuen lebensfähigen Formen organisch verbindet und neu wieder gestaltet, ebenso würde auch wie vom Anbeginn alles Wissens das Walten derselben Gregensätze uns klar machen können, wie nicht minder in der geistigen Sphäre dieselben fortwirken und wie sie weniger an sich neugeboren als nevigestaltet, im altgewohnten Kampfe noch heute verharren und in ihrer Wechselwirk- ung alte Wahrheiten wieder neu beleben und läutern. Aber ein flüchtiger Rückblick nach den übriggebliebenen Spuren jener Bahnen, in welchen das Ahnen und Zweifeln, das Erwägen und Prüfen und das Kämpfen und Wissen der Vorzeit gewandelt, wird allein im Stande sein, einen Vergleich zwischen Altem und Neuem vermitteln zu können, und es wird voraus nothwendig werden, um, wie wir bei der Lebensgeschichte des einzelnen organisirten Wesens immer thun müssen, auch diese Betrachtung einer Richtung des geistigen Lebens von ihrem Ursprünge zu erfassen, um ihre Entwickelung klar begreifen zu können. Das alte, kräftig und kolossal selbstschaffende Volk der Aegypter sah die ganze Natur durchdrungen von übermenschlich göttlicher Kraft und aus Allem was lebte, traten seiner Phantasie göttliche Eigenschai- ten und Kräfte selbstständig wirkend, wieder entgegen. Auch ihre Thierwelt repräsentirte noch Götter und die Verehrung des Ichneumon und Ibis war ebenso auf Dankbarkeit begründet, wie die des durch einen Lichtstrahl in reinster Empf ängniss erzeugten Apis und die des heiligen Ateuchus, welcher als Bild der alljährlichen Verjüngung des Lebens und als Repräsentant der männlichen Kraft seine Kugeln vom Aufgang bis zum Niedei'gang der Sonne durch die Wüste unablässig dahinrollte, auf einer tief im Leben des ganzen Volkes eingewohnten Symbolik beruhte, welche überhaupt der ganze Grund ihrer Naturanschauung und ihrer Götterlehre geworden. So begegnen wir den Aegyptern, als den älte- sten Pantheisten, den ersten uns bekannten Repräsentanten für die An- schauungsweise der Natur im Urgesetze der Dynamik. Ihre Isis im Tempel zu Sais gab insbesondere den Aufschluss über die Bedeutung der subjectiven selbstschaffenden Natur, welche bei ihnen gegolten, denn sie führte die Inschrift: „ich bin was da war, was ist und was sein wird und meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gehoben. " — Auch die Griechen begannen ihre Naturbetrachtung und Philosophie in ähnlicher Weise, und der schöne Mythos von der aus den Wellen des Oceanes, aus dem Schaume des Meeres entsteigenden Aphrogeneia , aus deren Fusstritten Pflanzen entkeimten und Thiere entstanden, entfaltet schon den tiefern Einblick in die Bedeutung des Wasserelementes, wel- ches alle spätere Zeiten als die Wiege des Lebens erkannten. Die 81 poetische Empfindung der Zeit schilderte die göttlichen und mensch- lichen Eigenschaften der Thiere und ihren Nutzen, und Homer nennt uns etwa 1000 Jahre vor Christo die Pflanzen und Thiere, welche seine Zeit kennen gelernt hatte. Die Edda schildert uns die Mythologie des Norden, die Genesis von Moses höchst bedeutungsvoll die periodische Schöpfung der Welt in demuthsvoller Anschauung aus dem Gesichts- punkte des Monotheismus, Der uralte Buddhaismus zeigt noch das Eigenthümliche, dass er neben der Uebereinstimmung in Annahme eines unsichtbaren, ewigen, allmächtigen oder allgütigen Schöpfers , den der Mensch, dieser Lehre zufolge, schweigend anbeten soll, die Möglichkeit einer irdischen Vollkommenheit annimmt, die durch Tugend erreicht werden kann, um den Menschen selbst zu einem Buddha oder Weisen zu machen, während für ein unwürdiges Leben nach dem Tode die Seelenwanderung, die Einkehr der Seele in ein entsprechendes Thier anstatt anderer Strafe erfolgte. Die Wissenschaft entwickelte sich vor- züglich aus jenen Ansichten über Gott und über die Welt oder die Na- tur und über den Menschen, welche die Weltw-eisen Griechenlands lehr- ten. Thaies (geb. zu Miletos 684 v. Chr. f 568) lehrte in Jonien den einigen Gott, den er als den Schöpfer der Welten erkannte und als den Oberherrn der Dämonen, wie alles Lebendigen. Er stellte nächst der Gottesverehruug die Selbsterkenntniss als die zweite Aufgabe .an das Leben der Menschen. Aesopns (in Phrygien geb. um 550) lebte am Hofe des Krösus und dichtete Fabeln, in welchen das Leben und Han- deln der Thiere menschlich dargestellt war. Pythagoras (geb. zu Samos 580 vor Chr. f 500) verband in Folge vielseitiger Bildung die Kennt- niss der Natur mit der Mathematik, nannte sich zuerst selbst Philosoph und lehrte die Unsterblichkeit, aber zugleich die Wanderung der Seelen aus einem Wesen in das andere. In Italien führten Xenophanes y Par- menides, Melisses und Zeno die ältere Lehre vom Pantheismus noch ein- mal zur weiteren Ausbildung hin. Democritus (geb. zu Miletos, wurde 104 Jahr alt f 356 vor Chr.) empfand zuerst die Noth wendigkeit das Wesen der Dinge an sich zu analjsiren und jenen gar zu allgemeinen Ajischauungen des Pantheismus eine ihren Innern Zusammenhang er- läuternde Erklärung entgegen zu setzen. Dieser nothwendige und zu weiterer Forschung anregende Gegensatz gestaltete sich in ihm zum Atomensysteme. Die Materie galt ihm als das Wesentliche, und die Endtheilchen oder Atome als die Bestandtheile und Wiedererzeuger der Dinge. Socrates (geb. zu Athen 469, f 399 oder 400 v. Chr.) begi'ün- dete durch seine praktische Lebensphilosophie ein neues Bestreben zu reinerer Anschauung einer allmächtigen Gottheit und trank den Gift- becher, anstatt seiner Lehre zu entsagen in festem Glauben an die Un- sterblichkeit der menschlichen Seele. Piaton (geb. zu Athen 429 oder 430, f 384 V. Chr.) ging aus seiner Schule hervor als prüfender Ratio- nallst. Sein Nachfolger Aristoteles (geb. In Stagira in Maeedonien 384 32 f 322*); der Stifter der peripathetischen Schule, wurde von dem bezau- bernden Eindruck, den die Natur auf ihn machte, gefesselt und von dieser Bewunderung der Schöpfung zur Anschauung und tiefern Erforsch- ung derselben geleitet. Sein gewaltiger Geist geht von dieser Wirklich- keit und von der eignen Erfahrung und Realkenntniss aus und schrei- tet im Gegensatz mit seinem Lehrer Piaton vom Besonderen zum All- gemeinen seine Anschauung steigernd. Aristoteles wurde dabei' wieder Analytiker. Auf diesem Wege wurde Aristoteles der erste, welcher mit klarer Anschauung die organisirten Körper in ihre Theile zerlegte und seine Anatomie ist auch die Grundlage geworden für unsere eigene Kennt- niss des Zusammenhanges und Baues der Formen wie der durch das Dasein und die Eigenschaften der Materie bedingten Phänomene des Lebens, Aristoteles ist darum der erste Begründer einer eigentlich wissenschaft- lichen Naturkunde mit allem Rechte zu nennen. Die Zurückführung aller Erscheinungen in der Natur auf ihre letzte Ursache führte ihn vom Zerlegen des Ganzen in seine Einzelheiten und Theile dann immer wie- der zurück auf die Bedeutung des Zusammenhanges derselben und auf das ewige Lebendige, auf das an sich Unveränderliche und an sich all- ein sich selbst immer Gleiche, auf das immer schaffend bewegende Höchste und Allmächtige, auf die Urintelligenz, auf den einigen Gott, welcher die reinste, nie für sich selbst, sondern immer nur für die Er- haltung und Fortbildung der von ihm ins Leben gerufene Schöpfung, nach ausserhalb wirkende Thätigkeit und darum eben das Urbild der reinsten und vollkommensten Seligkeit ist. Seine ganze praktisch auf- gefasste Philosophie ist ihm nichts anderes, als eine ethische Glück- seligkeitslehre, denn das höchste Gut, die Glückseligkeit, entspringt aus dem reinen Empfinden und Wollen, aus der Wirksamkeit der Seele und in der Darlegung eines reinen und den Grundsätzen der Glück- seligkeit vollkommen entsprechenden Lebens, welches in dieser seiner Vollkommenheit, d. h. eben in seiner Selbstständigkeit und moralischen Freiheit und in unabänderlicher, eingelebter und fortdauernder tiefiuner- ster Neigung und Ausübung des vernünftigsten Begehrens und Handelns besteht. Seine Politik beschäftigt sich nur damit, wie der höchste Zweck des Menschenlebens, wie die Glückseligkeit in der bürgerlichen Gesell- schaft erreicht werden könne. Seine gründliche und ihrer Tendenz nach so treffliche Philosophie wurde schon zu ihrer Zeit als eine so grossartige, ausserordentliche Erscheinung begrüsst^ dass sie sich lange *) Der grosse Hörsaal der Natui-kunde im Zwinger in Dresden war mit den colossalen Portraits von Aristoteles, Linnee, Cuvicr und Okcn geziert, in der Eiuweihungsrede im Jahre 1831 wurde durch die Biographieen und durcli die Betrachtung der Richtung, in welcher diese Männer gewirkt hatten, darüber Erläuterung gegeben. In ähnlicher Weise findet sich auch siebenzehn Jahre später dasselbe Thema in unsrer „Allgemeinen deutschen natur- historischen Zeitung 1847. S. 441." von Sachse behandelt. 33 erhalten und bei Wiederbelebung der Wissenschaften durch die Araber vom Vni. Jahrhundert an wieder vorzüglich gepflegt durch das Mittel- alter hindurch vorherrschend war^ ja^, sie hat ihren unverkennbaren Einfluss auf jii'^ktische Naturtbrschung bis in unsere Tage behalten. Beachten wir aber die Reinheit im Wesen dieser Philosophie, so würden wir befugt sein, Aristoteles — hätte er nach Christus gelebt — einen der trefflichsten Christen zu nennen. Theophrastos (geb. zu Eresus auf Les- bos 370 f 286) einer der ausgezeichnetsten Schüler des Aristoteles, treff- lich als Denker und praktischer Naturforscher, wendete sich vorzüglich der Untersuchung des Pflanzenreichs zu und ist der erste Begründer der Botanik geworden. Mit Aristoteles ging die Forschung der peri- pathetischen Schule wieder unter und für lange Zeit fehlte der Sinn für eine Betrachtung und Erforschung der Natur und ihres Lebens. Die nach Aristoteles weiterhin ihre Lehren ausbildenden Epikuräer und Stoi- ker hatten nur mittelbar Einfluss auf die Kenntniss der Natur und deren Studien, die sie wohl kaum beachteten, sie fanden aber mehr Theil- nahme bei den Römern als des Aristoteles tiefer begründetes und klarer geordnetes Wissen. Zeno's Schule, die Stoiker lehrten, dass nur dem Kör- perlichen, nur der Materie das Fortbestehen, die Subsistenz zukommen könne, nicht aus einer zwecklos erfolgenden Bewegung der Materie, son- dern aus dem vernünftigen Wirken einer allumfassenden Macht leiteten sie die in der Welt bestehende Ordnung der Dinge und die in Perioden erfolgte Schöpfung, sowie den einstigen Untergang ab. Li der Schöpfung unterschieden sie ein actives und ein passives Princip, beide aber im Urwesen zur Einheit verbunden. Die passive Materie wurde durch das active Princip gebildet und lebendig gemacht und diese letztere selbst ist der Wärmestoff, welcher zugleich denkt und will. Aus der ursprüng- lichen Einheit des Urwesens entwickelt sich die Verschiedenheit der Elemente und die Mannigfaltigkeit der Dinge. Die Verbrennung ist der Act, in dem diese Mannigfaltigkeit in die ursprüngliche Einheit sich wieder zurückzieht, sie ist der Grund aller Vergänglichkeit des Lebens und selbst der aus dem Aether gebildeten Seelen der Menschen. Ein unabänderliches Schicksal ist von der Vorsehung zufolge ihrer ewi- gen Gesetze allen Begebenheiten in der Natur, so auch allem indivi- duellen Leben bestimmt. Alle Schöpfung, alle Anordnung und Leitung, alle Erhaltung und Zerstörung geht nur aus von den Vorschriften die- ser Gesetze. Das Leben soll darum naturgemäss' sein, als Vernunftleben die Triebe und Leidenschaften bekämpfend. Ein Gut für das Leben kann nur eine Tugend sein oder das, was zu ihr führt oder aus ihr hervorgeht. Nur diese Güter' sind nothwendig und hinreichend, einen Menschen glücklich zu machen. Ar4stillus und Tlmarchus bestimmten 300 Jahre V. Chr. die Stellung der Fixsterne ziemlich gensiu, Aristarchus (280—264 V. Chr.) berechnete das Verhältniss der Entfernung der Sonne und des Mondes von der Erde und deutete bereits auf die zwiefache .'^.llg', deutsche naturhist. Zeitung-. ,'» 34 Bewegung derselben um die Sonne und um sich selbst. Eratosthe- nes sprach 235 v. Chr. aus dass die Planeten sich in grossem Kreise um die Erde bewegten und Ptolemaeus stellte 120 Jahre v. Chr. die An- sicht auf, dass die Erde feststehe und die übrigen Himmelskörper sich um sie bewegten. Kleanthes zu Assos in Aeolis (etwa 250 v. Chr.) und Chry- sippos aus Kilikien (f in der 143. Olympiade) bildeten die Lehre des Stoicisraus weiter aus und Cicero und Gellius gaben darüber Bericht. Aber noch zur Zeit kurz vor Christi Geburt sang Ovidius (geb. 43 v. Chr., f 17 n. Chr.) seine Verwandlungen von Göttern und Menschen in Thiere und Pflanzen, an den urpoetischen Glauben der Vorzeit in hei- terer Laune erinnernd. Das Auftreten von Christus als Lehrer der Menschheit war von der höchsten Bedeutung für die Anerkennung der Natur und für die rei- nere Erkenntniss Gottes aus der Natur. Sein unablässliches Hindeuten in seiner auf Liebe begründeten Lehre, auf die Erscheinungen in der Natur und auf das organische Leben in ihr, auf die einzelnen Pflanzen und Thiere, seine Gleichnisse vom Senfbaum des Orients, vom Feigen- baum, vom Weinstock genommen und von ihrem Wachsen und ihrem Gedeihen, seine Hinweisung auf die Liebe der Henne für ihre Küchlein und auf die Sorge Gottes für die Vögel unter dem Himmel und auf sein wachendes Auge für den Sperling auf unserem Dache, also im Allge- meinen auf die Fürsorge und auf die Liebe Gottes für seine Geschöpfe, für Alles was lebt, auf ihre Erhaltung durch ihn selbst und auf seine Beachtung des Wohles auch des geringsten derselben, endlich selbst auf ihre Bedeutung als Vorbilder des menschlichen Lebens, mit einem Worte, auf die Wichtigkeit einer Ueberzeugung von der Existenz Gottes, durch die hingebende Anschauung der Natur und durch das Studium der Mannigfaltigkeit ihrer Geschöpfe und der Erscheinungen des Lebens in ihr, ist endlich das klar positive Heraustreten einer Synthese zwi- schen den bis dahin kämpfenden Gegensätzen der dynamistischen und atomistischen Systeme geworden. Die Klarheit der Ueberzeugung von dem eigentlichen Werthe der Objecto, den die Gottheit in deren Dasein und Leben und in ihre Erhaltung selbst legte, war durch Christi Lehre gewonnen und der Glaube daran beruhigte, und machte lebendig für das Beobachten und Forschen. So schliesst sich mit Christus die erste grosse Hauptperiode aller Weltweisheit, aller Naturforschung ab in der wichtigen Lehre : Gott, so wie er die ganze Natur und alle Dinge und Wesen in ihr erschaffen, kennt auch das einzelne und geringste derselben und beachtet es und bleibt für sein JVohl unablässig liebend besorgt. Hier- mit giebt Christus selbst die nachhaltigste Empfehlung eines hingeben- den und gründlichen Studiums der Natur, nach Massgabe der Fort- schritte aller Wissenschaften, welcher durch seine Lehre, dafern wir dieselbe richtig auffassen wollen, niemals begrenzt worden sind. 35 ^ So wie aber die grössten Ereignisse der Zeit so oft ihre mächtig hemmenden Gegensätze gefunden, so wurde auch die reine und einfache christliche Lehre durch Missverständnisse verunreinigt, der Liebe wurde der bitterste Hass entgegengesetzt und so führte die grausame Verfolg- ung der Christen zum Märtyrerthume. Jener schöne Frieden, welcher durch die Lehre Christi zwischen Geist und Materie durch die Ueber- zeugung von der dauernden Fürsorge Gottes hergestellt war und welcher vorbereiten sollte für ein künftiges, ewiges Leben, dieser wurde gestört und jene reine Harmonie wurde für eine Zeitlang gänzlich wie- der gehemmt und die Bekenner der christlichen Lehre besiegelten in vorzeitiger Lösung der Materie vom Geiste die Treue für ihren Glau- ben. Auch diese frommen Selbstopfer stimmten sich in einen Gegen- satz um und gegen den klar ausgesprochenen Willen Christi selbst wurde auf diesem Wege alles Körperliche, alle Natur verachtet und er- tödtet, endlich auch ohne Verfolgung der eigne Körper verflucht, ka- steiet und zerstört. Nur der Geist allein sollte leben und der himmlischen ewigen Seligkeit vor der Zeit theilhaftig werden. Jener Anspruch yJ/o^'^ij ; Gott habe die Natur selbst erschaffen und alle jene Hindeutungen auf die Heiligung des Leibes und jene bestimmten Aussprüche von Christus über den Werth der Natur und über die Fürsorge und Erhaltung selbst der geringsten Geschöpfe durch Gott, waren mit einemmale vergessen und alles Körperliche war im Geiste dieser stockfinsteren Zeit dem Teufel verfallen, so natürlich auch die Anschauung der Natur, dieses nunmehr auf einmal vermeintlichen Werkes vom Teufel. — So haben wir hier im Märtyrerthume und in den Casteiungen abermals die äus- serste Höhe der schroff getrennten Dynamistik erreicht, sie sondert feind- lich und gewaltsam die Materie eigenmächtig vom Geiste, sie will den Geist allein leben und glückselig sein lassen, sie vergisst, dass die Gott- heit selbst ihm seine Zeit gesetzt hatte, für seine Abhängigkeit von der Materie, für seine Läuterung und Prüfung und dass die Aufgabe, für die Menscheit, für den Glauben zu sterben, bereits durch Christus ge- löst war. Für unsern Zweck erscheint dies Moment als vorzüglich wichtig, denn es erklärt den Untergang der Wissenschaft und der Na- turwissenschaft insbesondere und eine antichristliche Verdammung der- selben durch eine gewisse Richtung der Theologie, bis auf den heutigen Tag. Parallel mit ihrer unchristlichen Gleichbedeutung der Natur, als des ursprünglich Bösen, verläuft auch die Wiederbelebung des Teufels, dessen Macht Christus durch seine Liebe gebrochen und gänzlich zerstört hatte. Kaballa und Theosophie sind Mutter und Stiefmutter von dieser Lehre. Plinius (zu Neocomum geb. 23 n. Chr. f 79) giebt von Rom aus in seiner voluminösen Naturgeschichte eine reiche Compilation aller An- schauungen, Phantasien und Fabeln über Natur und Menschenleben, M^elche vom Alterthum her bis in seine Zeit hin, bis unter die Regier- ung des die Naturkunde begünstigenden Kaisers Augustus entstanden waren, mit vielem Fleisse extrahirte und verarbeitete Berichte, ohne eigne Kritik. Pedaklos Dioscorides von Arazarhus in Kilikien, lebte gleichfalls im ersten Jahrhundert nach Christo, wirkte als Botaniker für Arznei- kunde, er studirte die Gewächse und ihre Kräfte und sein Werk wurde und blieb das Orakel durch sechszehn Jahrhunderte hindurch, in denen es immer neue, endlich illustrirte Ausgaben erlebte. Claudius Plolomaeus aus Pelusium in Aegypten, lebte in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Alexandrien. Als Mathematiker und Astronom schrieb er vorzüglich seinen AI mag es l in Xu. Büchern, und hat zuerst geometrische Landchar- ten gefertigt. Galemis zu Pergamus in Kleinasien geb. 131, f in Griechen- land 200, schuf ein philosophisches System der Medicin und hinterliess seinen Ruhm als Kenner der menschlichen Natur und als Arzt. Clau- dius Aelianus (in Praeneste geb. 225) als Römer griechisch erzogen, schrieb über die Natur der Thiere in griechischer Sprache und Oppia- nus unter dem Kaiser Septimius Severus besang das Leben der Fische und schrieb ihnen menschliche Ueberlegung zu imd menschliches Handeln. Im V. Jahrhundert erregte Merchinemetis Merlin, geb. zu Carmarthen, als Zauberer und Weissager und deshalb als Freund und Rathgeber der Könige Britanniens gewaltiges Aufsehen und stieg auch noch aus seinem Grabe um zu Weissagen wieder empor. Im VI. und VII. Jahrhun- dert nach Untergang des westlichen Kaiserthums, als neue Staaten, neue Sprachen und Sitten in Europa entstanden, hörten die Schu- len der heidnischen Philosophen auf. Ebenso hatte der Priester- geist in seinem Bestreben in den christlich gewordenen Ländern mit exclusivem Fanatismus gepredigt und Partheien erzeugt, und Wissen- schaft und Künste waren verfallen. Ueberreste verblieben allein unter dem griechischen Kaiserthum sichtbar und das Studium der grossen Geister der Vorzeit ging dort nie gänzlich verloren. Das Mittelalter, die Zeit von der Regierung (768) Karl des Grossen (geb. in Achen den 2. April 742, daselbst f 28. Januar 814) bis zur Reformation bereitete ein neues Aufblühen der Wissenschaft vor. Der mächtige Beförderer des Christenthums hob auch den Zweck und die Bedeutung der Schu- len und berief in sein deutsches Reich gelehrte Männer aus Italien und England herbei. Ackerbau und Handel blühten auf und Wissenschaf- ten und Künste gingen mit ihnen Hand in Hand. Indessen mögen wir als einflussreich auf Naturkunde erst die Araber im VIH. Jahrhundert nennen, unter diesen vor Allen andern Ebn Sina oder Avicenna (geb. zu Bokhara 978, f J036 zu Hamdan), welcher wie vormals Galen ein philosophischer Arzt war und Schriftsteller als Philosoph und als Arzt. Ihm folgte Averrhoes (geb. zu Cordova in Spanien 1149, f 1217 zu Mar- rokko), unter den Arabern der berühmteste Philosoph, wurde auch des Verdachts der Ketzerei wegen, im Vorausschreiten über die Grenzen des Geistes der Zeit, seiner Aemter entsetzt, verbannt und in Fez zur Busse verurtheilt, worauf der hochherzige Kalif Al-Mansw (von 753 bis 775 regierend), der Erbauer von Bagdad, ihn wieder in Schutz nahm. Er war ein neuer Aristoteles, welchen er selbst für den grössten Philo- sophen aller Zeiten erkannte. Schon seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts ging alle Weisheit aus den Klosterschulen hervor. Wäh- rend des Vn. und VIII. gelten die in Irland für die besten Pflanz- schulen des Christenthums und in der ersten Hälfte des IX. Jahrhun- derts war in Irland Joh. Scotns Erigena geboren", welcher wieder als Kenner der griechischen Sprache auftretend, die Alten studirte und un- ter andern auch eine Eintheilung der Natur schrieb, die (De divisione Natiirae Üb. V. 1681) erst spät erschien. Wahre Religion und wahre Philosophie galten ihm als ein und dasselbe und die Körperwelt war ihm aus geistigen Principien entstanden. Die Natur ist ihm 1) welche schafft und nicht erschaffen wurde, 2) welche ei'schaffen worden ist und erschafft, 3) erschaffen worden ist und nicht erschafft, 4) welche nicht erschaffen worden und nicht erschafft. Albertus Magnus {zw Lauingen in Schwaben geboren 1193, nach And. 1205, f 12S0 in Köln) lehrte in den Dominikanerschulen zu Hildesheim, Regensburg, Köln und Paris und leuchtete durch seine ausserordentlichen Kenntnisse in der Chemie und Mechanik seiner Zeit voran, er schuf unter andern einen reden- den Kopf und zeigte Wunderwerke, welche Kunde gaben von seiner Kenntniss der Natur und von seiner Herrschaft über die Kräfte der- selben. Sein „opus de animaUbus" erschien in Folio in Rom 1478. Die bis in diese Zeit herrschende Scholastik war an bestimmte Lehrformeln gebunden, ohne erlaubte Läuterung oder Erklärung durch Geschichte und Sprachkunde, am wenigsten durch Naturkunde und Psychologie, daher auch gänzlich ohne Kritik, allein auf den Auctoritätsglauben be- schränkt und durch ihn beherrscht. Roger Baco (geb. zu Sommerset- shire 1214 f 1292"), ein grosser Gelehrter seiner Zeit, vereinte Natur- forschung und Mathematik. — Christoph Columbus bei Genua geb. 1436 t 20. Mai 1.506, entdeckte im Jahre 1493 San Salvator und Cuba und später Amerika's Festland, als eine für die damalige Kenntniss neue Welt. — Nicol. Koperniciis fgeb. 19. Febr. 1473 in Thorn, f 29 Mai [11. Juni] 1543) entdeckte die wahre Bewegung der Erde und des Planetensystems, sowie es mit weiterer Ausführung noch jetzt gilt. Durch den in seltener Weise kraftvollen und für Wahrheit glühen- den Augustinermönch Martin Luther (geboren in Eisleben 10. Nov. 1483 t 18. Febr. 1546 ebend.) wurden die Geister von der spitzfindigen Scho- lastik wieder entfesselt und die Forschung für alle Wissenschaften neu wieder belebt. Seine Sprachkenntniss machte es ihm möglich aus den Quellen zu schöpfen und die treue Rückkehr zu ihnen gestaltete seine Ansichten eben so rein, so dass er die durch die Scholastik eingeführten Irrthümer von der Wahrheit zu sondern vermochte. Aristoteles erhabenes und auf die Glückseligkeit der Menschheit berechnetes Lehrgebäude er- griff ihn so tief, dass er in Erfurt, nachdem er Magister geworden, zu- 38 erst über diesen Vorträge hielt. Denken wir an den weiteren Zustand der Literatur der Naturkunde seiner Zeit, so finden sich nur die Fabel- bücher von Aesop und von Oppian, so wie die fabelreichen Naturge- schichten von Aelian und Plinius als solche vor und auch Luther erfreut sich dieser Gleichnisse, welche sich in ersterein bestreben das Menschen- leben im Thierleben wieder zu finden. *) — Unter dem Titel Ortus Sani- iatis erschien im Jahr 1491 in Mainz ein Foliant in Mönchsschrift mit zahlreichen Illustrationen in Holzschnitt, die damals bekannten und zum Theil fabelhaft angenommenen Pflanzen und Thiere und Mineralien dar- stellend und ihre Kräfte erläuternd, zugleich mit Abbildung aller für Heil- ung vorzunehmenden Operationen und technischen Prozesse zum Theil offenbar abergläubischer und magischer Art, wie z. B. das Herausschneiden gewisser Steine aus dem Gehirn der Adler u. a. Thiere. — Lange waren die Hindernisse für Zergliederung menschlicher Leichname unübersteig- lich gewesen und die Anatomie begann nicht als eigentliches Wissen, sondern mehr als Vermutliung von Analogieen mit dem thierischen Körper. **) Die Zergliederung von Schweinen und wo es das Glück wollte von Affen, bot eine hypothetische Annahme vom wahrscheinlichen Baue des menschlichen Körpers und jene ersten Zeichnungen, jene Holz- schnitte und noch die ersten Kupferstiche der Italiener wurden schema- tische Darstellungen für ein Verständniss der weitläufig beschriebenen Haupttheile des menschlichen Körpers, dennoch zum Theil kaum zu entziffern. Aber die Richtung in der Forschung des ärztlichen Standes auf Enthüllung der Wahrheit schritt in ihrer angeborenen Liebe zur bildenden Kunst immer vorwärts und im Mittelalter gestaltete sich ihre Anschauung grundsätzlich als Verein von Bild und Symbol. Am Ende des XV. und zum Anfang des XVI. Jahrhunderts war es, wo die schöne Kunst, die grosse Schule der Maler, Bildhauer und Architekten, auch mit den Aerzten Hand in Hand ging. So sehen wir als Repräsentanten jener ersten und ältesten Richtung die noch rohen Schematismen von Ketham und Hundt. Aber bald schuf der Bedarf der bildenden Künstler an anatomischer Kenntniss die Kunstanatomic , zu schöner und befriedi- gender Darstellung vorzugsweise der allgemeinen äussern Formen und der Muskeln und die Anerkennung des Skeletes , als des Typus und Grundgerüstes, im Baue des Ganzen, wie wir dieselbe Leonardo da Vinci geb. zu Vinci 1452, f 1519 zu St. Cloud, Michel Angelo Buonarotti geb. 1569 zu Caraveggio, f 1609 in Rom, Raffaelo Sanü und dem eigent- lichen Anatomen Marco Antonio della Torre verdanken. Ihnen folgten die Restauratoren in Darstellung eines individuellen Leichenbefundes, es erschienen die fliegenden Blätter mit Darstellung des vorliegend ge- gebenen, mit wörtlicher Erläuterung versehen und die Kunstkenntniss *) Vgl. Luthers siimmtliche Schriften herausgegeben von Walch. Band XIV. 1744. Seite 1365. — **) Vergl. Chaulant die ältesten anat. Abbild. Leipzig 1853. 09 offenbarte sich dabei sichtbar, wie z. B. die Leistungen von Jacoh Beranger von Carpi dies deutlich bewiesen. Hermolaus Barharus (zu Venedig geb. 1454, t 1494), Nicolaus Leonicenus (geb. in Lunigo bei Vicenza 1428, f 1524 zu Ferrara) wurden wieder Commentatoren und Verbesserer des Plinius. Georg Agricola (Bauer, geb. in Glauchau 24. März 1490, f den 21. Nov. 1555) Rector in Zwickau, dann Dr. der Medicin und practischer Arzt in Joachimsthal und von 1531 Stadtphysikus in Chemnitz, wurde der Schöpfer des Bergbaues und der wissenschaftlichen Mineralogie in Deutschland. Tycho de Brake zu Kundstrop in Schonen geb. 4. Dec. 1546, f 13. Oct. 1601, wendete sich aus Bewunderung darüber, dass die vorher berechnete Sonnenfinsterniss am 21. Aug. 1560 genau zu dem angegebenen Zeitpunkte eintrat, zur Astronomie, wo ihm König Fried- rich II. die Sternwarte Marienberg bauen und mit allen nöthigen Appa- raten versehen Hess. Im Jahr 1599 ging er unter Kaiser Rudolph nach Prag, wo ihm das Schloss Benach bei Prag als Sternwarte einge- richtet wurde. Er beobachtete sehr genau, glaubte aber das Koperni- kanische System wieder einführen zu können. Fabius Columna (geb. in Neapel 1567, f 1650) hat in seinem Phytobasanos, Neapel 1592, bereits auf von ihm selbst geätzten Metallplatten zu seinen Pflanzenabbildun- gen Zergliederungen der Blüthen gegeben. Giordano Bruno, geb. in Nola im Neapolitanischen, Domikanermönch, trat in Paris 1583 als Gegner der aristotelischen Philosophie auf, lehrte dann in Wittenberg, Helmstädt, in England und wieder in Padua. Hervorragender Genius dieses Jahr- hunderts xwurde Franz Baco, Lord von Verulam (geb. 22. Juni 1560 (1561 ?) f 1621, n. A. 1626?) Unter Jacoh I. angesehener Staatsmann, endlich Grosskanzler des Reiches, auch Viscount von St. Alban, schrieb er ein berühmt gewordenes Werk : novum organon scientiarum s. iudicia vera de inierpretaüone naturae, London 1620, welches auf Verbesserung der Na- tui'forschung durch Selbstdenken, Selbstbeobachten und Selbstforschen, also durch Befreiung von dem Autoritätsglauben lebendig anregend wurde. Als Object der Philosophie stellt er auf: Gott, Natur und Mensch und bedeutungsvoll nennt er die Naturgeschichte die „prima materia philosophiac." — Schon vor Baco's Zeit wurden bessere anschau- liche Hilfsmittel für das Studium der Naturkunde geboten. Galilei in Pisa 1564 f 1642, führten die Schwingungen einer Lampe im Dom zu Pisa auf die Gesetze des Pendels, welche sein Sohn und der Hol- länder Huygens zur Construction der Pendeluhren benutzte. Seine Werke über zahlreiche Forschungen erschienen erst nach seinem Tode. Johann Keppler in Weil geb. den 27. Dec. 1571, f 15. Nov. 1630, gab als Astro- nom durch sein Planetensystem die Grundlage für spätere Entdeckungen und Combinationen, insbesondere für Newton. — Erst 1620 hatten Con- rad Drebbel und Zacharias Jansen die Kunst Vergrösseruugsgläser als Linsen zu schleifen erfunden und durch diese Kunst war der Natur- forschung ein neuer Fortschritt bezeichnet. Für Zoologie bethätigten 40 sich eifrig William Rondelet, geb. in Montpellier den 27. September 1507 t 1566 den 30. Juli: HippoHlo Salviani zu La Citta cli Castello an der Tiber geb. 1514, j 1572 in Rom, und Pierre Belon, welcher in Paris eine histoire naturelle des jioissons etrangers 1551 und ein Buch über Wasser- thiere überhaupt 1553 herausgab. Alle drei begründeten die Kenntniss der Ichthyologie. Die illustrirten zoologischen Werke hatten vorzüglich mit Conrad Gesner (geb. in Zürich 1516, f 1565), welcher Arzt und Naturforscher war, durch seine Historia animalium oder „Thierhuch" eine bedeutende Stufe gewonnen, ebenso wie für Botanik mit Otto Brtmfels, 1530 — 40 zuerst in Augsburg erschienene „Herharum vivae icones" und dann 1532 — 37 zu Strassburg deutsch herausgegebenen „Conterfeyt Kräuterbuch '^ (er starb vor Herausgabe seiner Werke 1530) eine lange fortgesetzte Reise von Kräuterbüchern begonnen, welche theils im Cha- racter von Bearbeitungen der Arzneigewächse oder zum Theil als Floren wie von Euricius Cordus (f 1535), Valeriits Cordns (f 1544), Hieronymus Tragus {Bock f 1554), Leonardus Fuchsins (f 1566), Clusius {Charles de l'Ecluse f 1609) und vielen Anderen, bis dieselben endlich sich wieder als allgemeine Sammelwerke für das bis dahin erlangte Wissen durch Tahernaemontanus {Theodor von Bergzabern f 1590) New vollkommen Kräuterbuch Francf. 1588- — 90, Johann Bauhin (f 1613) und Caspar Bau- hin (f 1634) als Historia plantarum universalis, Ebroduni 1650 — 51, oder als Phytopinax Basel 1596 und Pinax Theatri hotanici Basel 1523 — 1563 gestalteten, während durch Robert Morison (f 1683) als Historia plan- tarum universalis Oxon. 1678 — 80 ein dgl. reich illustrirtes Werk bereits mit in Kupfer gestochenen Tafeln erschien. Georg Marcgraf, geb. in Liebstadt 1610, f 1644 in Afrika, reiste aus Eifer für Naturkunde 1636 nach Brasilien, wo er sechs Jahre lang sammelte und beobachtete und der erste Naturforscher war, welcher die Naturprodukte dieses Landes kennen lehrte, indem er mit seinem Begleiter JV. Piso aus Leyden sie bearbeitete, welche doch erst 1648 und 1658 erschienen. Schon gegen Ende des XVI. Jahrhunderts wurde ein Umstand Avichtig für die Betrachtung des Himmels, im Jahr 1590 spielten die Kinder des Q-ptiker Zacharias Jans- sen in Middelburg mit vorhandenen, aus Kieselerde und Potasche gefer- tigten Glaslinsen und setzten sie in einer Röhre zusammen, was die Veranlassung zur Erfindung der Fernröhre wurde, doch erst im Jahr 1758 wurde das erste achromatische Fernrohr durch Dollond vollendet. Ulysses Aldrovand, in Bologna geb. 1527, f 1605, erkannte bereits für Zoologie dieselbe Nothwendigkeit durch seine Opera omnia in XIII. vol. Bononiue 1599 — 1643, das bis dahin bekannt gewordene über einzelne Thicre zusammenzufassen und wurde auf diesem Wege nun der zweite iconographische Compilator für Zoologie. Joh. Bapt. van Helmont in Brüssel geb. 1577, f 1644 den 30. Dcc, war Chemiker und Arzt, wel- cher mehrere Arzneiformen entdeckte und über geistige wie physische Bildung des Menschen seine eigene Ansichten hatte. Neben der Seele JJie allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- lichen Kreis von Ätitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, so dass hiermit der erste Jahrgang der neuen Folge erscheint. Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus allen Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- sondere Paginirung abgesondertes Literaturblatt der ISIS wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa's woh- nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit ►Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gegenständen für Tausch und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch die Post unter der Addresse: „Für die allgemeine deutsche Natuiiiistorisclie Zeitan^'^ Dresden : oder Hambukg : nofbuchhandlung von Kud. Kuntze Ycriagsbuchliandiung von (Hermann Burdach). Rudolf Kuntze. Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der Jahrgang der allgemeinen deutschen Xaturhistorischen Zeitung; aus 12 Heften bestehen wird, — der Preis des Jahrganges, zu dessen ganzer Abnahme man sich verj)tlichtet, auf 8 Tlialer festgestellt ist, — und dass ich bereit bin, wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann Burdach) in Dresden , Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu empfangen. Rudolf Kuntze, ^l•lia,!rsl)llfllllall(llulls i" lliimburs und Leipzig. Orcsiion, liruik dor K.lnisl. Ilofl.uchiliuckoici von C. C. McinljOkl k Sohne. Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Tiilr. I. Band. No. 2. ^ Allgemeine deutsche MiirhistorMe Zeitung. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verhindung mit answürtigen nnd einheimischen Gelehrten herausgegeben von Dr. Adolph Drechsler. Nene Folge: erster Band. 2. m. INHALT. Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung- im Laufe der Zeit. Von Hofrath Prof. Dr. Rcichcnhach. Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig. Von Dr. Müller daselbst. Literatur -Blatt der Isis. mwr HAMBURG, Verlag von Rudolf Kuntze. 1S55. Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbachhandlong von Rud.Kontze (Herrn. Burdach.) ^^^" Siehe die Seiten de.s Umschlags. liillliyb ^it iäf 41 nahm er noch einen „Archeus" im Magen an, den er als den Grrund der körperlichen Thätigkeiten erkannte, während der Seele nur die phy- sische Thätigkeit zukomme. Die einzelnen Körpertheile hatten ferner ihre untergeordneten Archei, welche ihrem oberen Archeus gehorchten. Diese Lehre war gleichsam ein Vorläufer für die Erkenntniss der Gang- lien und des sympatischen Nerven. Auch sein Sohn Franc. Mercur V. ff., geb. 1618, t 1699, trat in die Bahn seines Vaters, studirte noch Theosophie und suchte den Stein der Weisen. William ffarvey, geb. in Falkstone 1578, f 1657 den 3. Juni in London, das. Prof. der Anatomie und Chirurgie am Medical College und späterhin Leibarzt Karls I. Er erwarb sich um die Begründung einer wahren Erkenntniss des anima- lischen Lebens grosse, seiner Zeit weit vorgreifende Verdienste. Wir nennen nur 1) die Feststellung des wahren Vorganges im Blutumlaufe: „Exerciiatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalihus Francof. 1628. ed. 1. Lugdhat. 1737. dann 2) die Bestätigung seines Grundsatzes ; „omne vivum ex ovo" also die schon damals gegebne Wiederlegung der „generatio aequivoca durch seine Schrift: ,jExercit. de gener atione anima- lium. London 1651. Amstelod. 1652. Otto von Guericke in Magdeburg, geb. den 20. November 1602, f 11. Mai 16S6 in Hamburg, wurde der Erfinder der Luftpumpe so wie einer Luftwage und der erste, wel- cher andeutete, dass der Lauf der Kometen bestimmbar sei. — Als Chemiker dieser Zeit zeichneten sich aus : Bohn, Prof. der Med. in Leip- zig, geb. 1640, durch seine chemischen Erklärungen der Physiologie; Joh. Joach. Becker, geb. in Speier 1625, f 16S2 in Leyden, Leibarzt des Churfürsten von Mainz und Baiern. Seine „Phtjsica subterranea" verband Physik und Chemie mit der Mineralogie und er wurde eigentlich der erste wissenschaftliche Chemiker. Georg Ernst Stahl, geb. in Anspach 1660, f 1734 als Leibarzt in Berlin wurde Schöpfer des phlogistischen Systems und Entdecker der Eigenschaften vieler chemischen Körper, er hat überhaupt weitere Schritte zur wissenschaftlichen Begründung der Chemie vorwärts gethan. ffermann Boerhaave , geb. in Leyden 13.Dec, 1668, f 1738 den 23. Dec, Prof derMedicin, Botanik und Chemie, der weltberühmteste Arzt seiner Zeit, war der erste, welcher die chemische Analyse der Pflanzen versuchte. Auch Friedrich Hoffmann, geb. in Halle den 19. Febr. 1660, f 1742 den 12. Nov., Professor derMedicin und be- rühmter Arzt in Halle, wurde einer der ersten Vereinfacher der Arz- neien als besserer Kenner der chemischen Eigenschaften der Stoffe. — Eine decorative Richtung bemächtigte sich in dieser Zeit aller Darstell- ungen für die Natur. Selbst die Anatomie blieb von derselben nicht frei und die Anatomen Rosso und Charles Etienne stellten die aufge- schnittenen menschlichen Figuren lebendig dar, in Umgebung kostbarer Mobilien und Gewänder, die aufgeschnittenen oder herausgenommenen Theile ihres Körpers selbst haltend und der Anschauung bietend. — Tüchtige Vertreter zählte bereits die Philosophie. Paid. Hausmann Agricola Allg. deutsche naturhist. Zeitung-. A 42 lehrte schon von 1482 an als Professor in Heidelberg wieder die reine Philosophie des Aristoteles, seine Opera, cura Alardi erschienen aber erst 1539 in Köln. Rene des Cartes {Renatus Carlesius , geb. im Hag 1596, t 1650 in Stockholm) wurde nach der scholastischen Zeit und nach Vorgang von Petrus Ramus , Bern, Telesius , Franciscus Patricius, Jordamis Brunus , Thotnas Campanella und Baco von Verulam einer der ersten, welche durch ihre Vorgänger erleuchtet, ein originelles System der Philosophie schufen. In naturhistorischer Hinsicht ist hierbei zu bemerken, dass er die Verbreitung und Einwirkung der Seele über alle Theile des Körpers erkannte, dessenungeachtet aber glaubte einen Cen- tralpunkt in demselben annehmen zu müssen, von dem die Thätigkeit der Seele ihren Ausgang genommen und dafür galt ihm die Zirbeldrüse, als das tiefste, unpaarige Organ im Gehirne. Thomas Hobbes (geb. in Malmesbury in der Grafschaft Witten 1588, f 1679) schuf als berühmter Jurist eine auf das Wissen von der Natur und dem Staate beschränkte Philosophie, indem er die Lehre von Gott von ihr ausschliesst, da nur die Untersuchung erzeugter Objecto der Gegenstand philosophischer Forschung sein könne. Dessenungeachtet ist seine Naturphilosophie selbst nur beschränkt auf Mathematik und Physik. Baruch v. Spinoza (geb. in Amsterdam 1 632, f in Prag, seine nachgelassenen Werke erschienen in Amsterdam 1677), unterscheidet einen vollkommenen unsterblichen Theil des menschlichen Geistes durch welchen wir handeln, die Intelligenz von einem vergänglichen, der Einbildungskraft, durch welche wir leiden und nimmt eine absolute Nothwendigkeit an, durch welche also ein pantheistisches Prinzip die Freiheit des menschlichen Willens begren- zen und aufheben würde. Joh7i Locke (geb. zu Wrington bei Bristol 1632, f 1704) ein edler, frommer, streng wahrheitsliebender, humaner Character und sorgsam prüfender Geist, in welchem vorzüglich die An- schauung der Entwickelungsstufen von Körper und Geist so klar her- vortritt, dass er auch über Erziehung der Menschen erfolgreich gedacht und geschrieben. Er setzt die Vernunft als Richterin ein zur Entscheid- ung zwischen menschlicher Erkenntniss und göttlicher Offenbarung. — Der ausgezeichneteste in der Reihe der Philosophen dieses Abschnittes war Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibnitz (geb. in Leipzig 3.^ Juli 1646, f, 14. Nov. 1716 in Hannover), er wurde der Gründer einer eigenthümlichen Schule der Philosophie in Deutschland. Seine Kenntnisse waren wieder umfassender als die seiner Vorgänger, namentlich sind seine Ansichten über Atomistik nach vielen Seiten durchgeführt und „Kraft" nennt er den wesentlichen innerlichen Grund der Veränderung. Die im XV. Jahr- hundert durch den Niederländer Janssen oder den Neapolitaner Fontana stattgefundene Erfindung des Mikroskops und die Entdeckung der In- fusionsthierchen durch Anton von Leuwenhook, wirkte durch ihre Ermög- lichung einer Anschauung dieser bis dahin unsichtbar gebliebenen Welt für Jedermann, auf eine so bezaubernde Weise, wie es scheint auch auf 48 Leibnitz, dass derselbe sein ganzes System des körperlichen Seins auf das Bestehen aus Theilchen der vormaligen Atomen, die er Monaden genannt hat, begründete, und die Saamenthierchen in so weit dieselben von höheren Thieren bekannt waren, bereits als die präexistirenden Em- bryonen der Organismen ansähe, welche durch die Empfängniss eine neue Hülle erhielten. Die vergleichende Anatomie erkannte er bereits als die lebendige Seele der ganzen Naturgeschichte der Thiere. Ge- lehrte Zeitgenossen von Leibnitz waren insbesondere Newton und W. V. Tschirnhuusen. Während für die Physik früher Kopernikus , Tycho de Brake gewirkt und Baco von Verulam die reine Beobachtung der Natur nachdrücklich empfohlen, während Galiläi, Keppler und Giardino Bruno als Märtyrer der Wissenschaft und der Wahrheiten gefallen, die sie entdeckt hatten, bildete Cartesius unter glücklicherem Verhältnisse die Wissenschaft weiter und gegen Ende des Jahrhunderts trat Newton auf, geb. in Woolstrope in Lincolnshire den 25. Dec. 1642, f 20. März 1727 in London. Er erfand im Jahr 1664 die Infinitesimalrechnung, entdeckte eine neue Theorie des Lichts und der Farben und die Gesetze der Schwere, und erntete vorzüglich durch sein Werk Philosophiae natura- lis prinöipia mathematica einen unsterblichen Ruhm. Ferner der be- rühmte Mathematiker und Naturforscher Walther von Tchirnhausen (geb. in Kieslingswalde in der Oberlausitz 1651, -j- 1708), suchte die Logik zu einer auf Selbsterkenntniss des menschlichen Geistes und auf feste Re- geln begründeten Methode der Entdeckung der Wahrheit und Ausbildung der Wissenschaft zu erheben und Christian Thomasius (geb. in Leipzig 1655, f 1728), Prof. der Jurisprudenz in Halle, erwarb sich das Ver- dienst die Philosophie durch verständlichere Darstellung, sogar zum Theil durch Benutzung der deutschen Sprache populärer i:u machen. Christian Wolf (geb. in Breslau 1679, f 1754) von 1707 an Prof. der Mathematik zu Halle, hatte sich durch sorgfältiges Studium seiner Vor- gänger gebildet und vereinte deren Ergebnisse vorzüglich auf synthe- tischem Wege in ein gründlich und scharfsinnig durchgearbeitestes System, welches bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhundert sein Au- sehen behielt. Einer der zahlreichen für die Ausbildung der Natur- kunde wichtigen Sätze in diesem Systeme ist auch der: „Jedes einfache Ding stimmt mit der ganzen Welt zusammen und darauf beruht die Vollkommenheit der Welt, und jedes hat in seinem Innern Zustande eine besondere Beziehung auf die übrigen." Georg Friedrich Meier (geb. in Ammendorf im Saalkreise 1718, f in Halle 1777), wendete als Professor der Philosophie in Halle seine Beachtung in so besonderer Weise der Thierwelt zu, dass von ihm ein Werk unter dem Titel „Versuch eines neuen Lehrgebäudes von den Seelen der Thiere" Halle 1756 erschien. Er war nach Alesandei- Gottlieb Baumgarten (geb. in Berlin 1714, j 1762 als Prof. der Philosophie in Frankfurt an der Oder) dem Schöpfer der Aesthetik, der letzte berühmte Philosoph in der Richtung von Wolf. 4* 44 Auch. Etienne Bonnot de Candillac (geb. in Grenoble 1715, f 1780) früher in den Ansichten von Locke sich als scharfsinniger Denker bewährend, machte später vorzüglich die Weise wie alle Seelenthätigkeiten aus den Sinneswahrnehmungen ursprünglich hervorgehen und sich weiter ent- wickeln zum Gegenstande seiner Untersuchungen und gab einen „Traue des animaux Amstelod. 1755, 2 Bände in 12., worin er den Umfang und die Beschaffenheit der Seelenthätigkeiten der Thiere schildert und ihnen eine menschenähnliche Einsicht beilegt, welche nur zufolge des Mangels einer ausgebildeten Sprache und der willkührlichen Richtung der Auf- merksamkeit mehr beschränkt sei. Der Hauptzweck war die Wider- legung von Des Cartes, welcher den Thieren die Seele absprechen wollte. Hierbei spricht er sich bereits gegen die Anmassung der Metaphysiker aus, welche in alle Geheimnisse der Natur, in die verborgensten Ur- sachen für das Wesen der Dinge eindringen wollen. — Johann Jacob Scheuchzer in Zürich geb. 1672, f 1733 als Prof. der Mathematik und Stadtphysikus daselbst und dessen Bruder, Joh. Scheuchzer, daselbst geb. 1684, f 1738, Prof. der Naturgeschichte und Stadtphysikus in Zürich, machten sich beide um die naturhistorische Kenntniss der Schweiz ver- dient, letzterer bearbeitete zum erstenmale monographisch gründlich die Gräser und der ältere Bruder war einer der ersten Naturforscher, welche sich mit wahrem Ernst der Untersuchung der Versteinerungen zu- gewendet haben. — Bereits hatte Francois Hernandez die Naturalien Mexiko's mit einem Aufwände von mehr als 60,000 Ducaten gesammelt und dann in seiner schätzbaren Historia plantarum, animalium et minera- Uum, Romae 1651 kennen gelehrt und Casimir Gomez Ortega gab in Madrid erst 1790 seine Opera wieder heraus. Jacoh Bonlius schloss in gleicher Weise Ostindien auf, aber seine Historia naturalis et medica Indiae orientalis stellte erst Piso zu London 1 769 ans Licht. Fraficis Willugby Esq. , geboren zu Middletown Warwickshire 1635, f 1672 den 3. Juli, bearbeitete als trefflicher Zoolog die Vögel und Fische, aber seine Ichthyographia erschien erst in Augsburg 1783 und 86, seine Ornitho- logia durch Joh. Raj in London 1676 und 78. Olaus Wormius beschrieb sein Naturalien-Cabinet : Museum Wormianum Amstelod. 1655. Nachdem Robert Hook auf der Insel Wight geb. 1635, f 1702, als Prof. der Mathematik am Gresham- College die Zusammensetzung der Vergrösserungslinsen erfunden und bereits 1660 ein Mikroskop so zu- sammengesetzt, dass Nath. Hensham im Jahr 1661 die Spiralgefässe im Wallnussholze entdeckte, so folgten die Arbeiten für Pflanzenanatomie in erfreulicher Progression z. B. Rob. Hook's micrographia Lond. 1 667 u. die phytotomischen Arbeiten von Martin Lister, als practischer Arzt in Lond. t 1711. Derselbe gab auch Joh.Goedarts metamorphoses et historia insectorum mit vielen deutlichen Abbildungen in Kupferstich im Jahr 1685 in London heraus. Dann die ausgezeichneten bildlichen Darstell- ungen und Erläuterungen zur Pflanzenanatomie von JSehem. Gren> f 1711; 45 welcher von 1668 an arbeitete und durch Joh. Wilkins , Bischof von ehester bereits als Lehrer der Phytotomie mit Gehalt angestellt worden, endlich die treffliche Anatome plantarum London 1675 — 79 von Marcello Malpighi, geb. in Bologna 1628, f 1694 als Prof. daselbst, und die Ar- beiten von Anton Leeurvenhoek in Delft geb. 24. Oct. 1632, f 1723 als Bürger daselbst, den wir oben als Entdecker der Infusionsthiere er- wähnten, begründeten das tiefere Wissen in der Kenntniss der Pflanzen- welt. Die vereinten Werke des Letztern: Opera omnia, welche sich zu- gleich mit auf das Thierreich bezogen, erschienen erst im J. 1722, während er die „entdeckten Verborgenheiten der Natur" schon von 1689 an ver- öffentlicht hatte. Robert Sihhald, geb. in Edinburg den 15. April 1641, t 1678 den 27. Dec, wurde Prof. der Botanik in Edinburg, und von ihm erschien die Scotia illustrata Edinburg 1684. — Ein Glanzpunkt dieses Jahrhunderts wurde John Srvammerdam , geb. in Amsterdam den 12. Febr. 1637. f 16S0 den 17. Febr. Er wurde der erste, welcher mit grösster Sorgfalt seine Beobachtung auf die Verwandlung und auf das Leben und den Bau der Insekten wendete. Seine Historia insectorum generalis, Utrecht 1669, bleibt ein Schatz für alle Zeiten, ebenso sein grosses Werk in dem er seine späteren Beobachtungen niederlegte und welches unter dem von seiner Begeisterung für diese Forschungen und deren Ergebnisse zeugendem Titel Btjbel der Natur etc. in Leyden 1 737 bis 38 der berühmte Boerhaave heraus gab. George Edwards , geb. zu Stratford 1693, f 1773 den 23. Juli in Plaiston, hat als Bibliothekar der medicinischen Gesellschaft in London vorzüglich durch seine getreuen Abbildungen und Beschreibungen grösstentheils ausländischer Vögel die Ornithologie seiner Zeit auf eine ausgezeichnete Weise gefordert. Sein Werk erschien in sieben Quartbänden als Natural historxj of uncommon Birds und als Gleanings of natural history 1743 — 67, in letzteren befinden sich auch Insekten und einige Thiere anderer Classen. Derselbe be- sorgte auch zwei neue Ausgaben von Mark Catesbt/s natural history of Carolina, Florida and the Bahama Islands, 2 Bde mit 220 illum. Kupfern in gr. Fol. zuerst London 1731, 43, 48, dann von Edwards 1754 u. 1771. Ein wahrer Schatz für amerikanische Zoologie. Charles Plumier, geb. in Marseille 1666, war Zeichner und Maler, dann Mönch des Orden der Minimi und studirte in Rom unter Paul Silvio Boccone, geb. in Sicilien 1633, 1 1 704 einem gelehrten Cisterziensermönch, die Botanik. Zurückge- kehrt lernte er auch Joseph Garidel, geb. 1659, f 1737, Prof. in Aix, welcher die Pflanzen der Provence 1715 beschrieb und einige abbildete, sowie Tournefort kennen, und botanisirte im südlichen Frankr. Louis XIV. war im Begriff Donat Surian in das französische Amerika zu senden und dieser erbat sich Plumier zum Gefährten von der Regierung. Sie reisten 1 690 nach St. Domingo und nach Rückkehr noch einmal nach Westindien, von wo er erst 1693 zurückkehrte, auch zum drittenmale 1695 um Peru zu besuchen, wo er aber in Cadix f 1704. Seine Werke 46 sind von höchster Wichtigkeit, obwohl sehr eintach 'son Ansehen. „Descr. des pl. de TAmerique. Paris 1693 mit lOTKupf. Nova pl. genera Paris 1703. Nach seinem Tode erschien das Werk „Traue des Foug eres de TAmerique Paris 1705. Von 1 400 Abbildungen, die er verloren, rettete Boerhaave 508, die Burmann in s. pl. amer. abschrieb und 262 abbildete. Amstelod. 1755 — 60. Louis Feuillee in der Provence 1660 geb., studirte in Marseille und trat auch in den Orden des Minimi, durch den er 1700 in den Orient und 1703 nach Westindien gesendet wurde. Im Jahr 1707 zurückgekehrt, wurde er Plumiers Nachfolger als K. Botaniker und Mathematiker. Auf einer zweiten Reise kam er 1709 nach Brasilien und schiffte um Cap Hörn nach Chile und Lima, wo er zwei Jahre lebte. Sein Journal dohservat. faites sur les cötes orientales de l'Ameriqne meri- dionale in drei Bänden Paris 1714 — 25, auch deutsch tibersetzt, enthält auch die Schilderung der dortigen Natur durch einige Abbildungen (I. ;14, n. 9. in. 100 pl.) erläutert. Amadeas Frezier , geb. 1682, f 1773, bereiste Chile, Lima und Magellanien in den Jahren 1712 und 13 und gab seine „Relation du voyage de la mer du Sud aux cötes du Chile, du Perou et du Bresil in zwei Bänden. Amstelod. 1717. Der Anfang des XVIII. Jahrhunderts war tiberhaupt mit trefflichen Vorlagen für objective Forschung versehen, der Gebrauch der Ver- grösserungsgläser und die fleissige Anwendung bis dahin erfundener Instrumente zusammen, Hess viele Resultate schaffen, die wir noch heute dankbar als Grundlage ftir unsere Kenntniss benutzen, wesshalb es möglich wird, von hieraus schon allgemeine Blicke nach dem Forschen für einzelne Wissenschaften richten und die für dieselben thätigen Männer selbst gruppiren zu können, so dass wir für jede gesonderte Wissenschaft einige nennen. 1 ';. Unter den Physikern trat Leonhard Euler auf, geb. in Basel 1707, f t. Sept. 1783 als Direktor der mathematischen Classe der Königl. Aka- demie der Wissenschaften in Berlin. Seine neue Theorie des Lichts, seine Undulationstheorie , seine 45 grösseren Werke und 684 kleinere Schriften sichern ihm seinen unsterblichen Ruhm. Die Brüder Johann MusschenbroeJi , geb. in Leyden 1688, Prof. der Philosophie, noch mehr der jüngere Bruder Peter Musschenbroek , geb. in Leyden 1692, f 1761, Prof. der Philosophie und Mathematik in Duisburg, Utrecht u. Leyden, war einer der berühmtesten Experimentalphysikcr seiner Zeit und Er- finder des Pyrometer. Georg Christ. Lichtenberg, geb. zu Ober-Ramstadt bei Darmstadt 1742, -j- den 24. Febr. 1799, Prof. der Mathematik und Ex- perimentalphysik in Göttingen, wurde als Astronom, Physiker und geist- voller Beurtheiler dös Menschenlebens berühmt. Alotjs Galhani, geb. in Bo- logna den 9. Sei)t. 1737, f 4. Dec. 1798, Prof. der Anatomie zu Bologna, ist der bekannte Entdecker des nach ihm genannten Galvanismus vom Jahre 1760—1790 geworden. 47 Die Chemie hatte noch keineswegs ihre alchymistischen Träumereien der früheren Zeiten verlassen und Joh. Friedrich Böttger, geb. in Schleiz den 5. Februar 1682, j 1719 den 13. März, Apotheker und vorgeblicher Goldmacher, von dem echtes, angeblich von ihm fabricirtes Gold noch im Königl. Mineraliencabinet in Dresden aufbewahrt wird, wurde im Jahr 1705 Erfinder des rothen, endlich 1709 des weissen meissner Por- zellan. — David van der Becke, Arzt, besonders Chemiker und Physiolog in Hamburg, spielte schon im 1 7. Jahrh. eine wichtige Rolle. Sein Ruhm war durch Deutschland, Holland und England verbreitet und selbst bis nach Indien gedrungen. In seinem Buche „Experientia et tneditationes circa naturaUum rerum principia, Hamburg 1683, zeigt er sich als scharf- sinnig prüfender, höchst belesener, folglich im Geiste jener Zeit hoch- gelehrter Mann. Sein Aberglaube ging dabei noch so weit, dass er im Ernste davon überzeugt war, dass wenn man Schlangen in kleine Stücke zerhaue, diese Stücke durch Fäulniss und Sonnenwärme zu neuen lebendigen Schlangen sich umwandeln könnten. Wenn man Frösche im Herbste zerstampfte und dem Schlamme beimische, so würden im Früh- ling wieder neue Frösche daraus. Die Enten, wenn sie im Herbste ge- storben und in Fäulniss übergegangen, verwandelten sich auch oft in Schlangen, weil sie dergl. oft im Sommer verspeisten. Reiher, welche sich von Hechten genährt hätten, würden zu Hechten oder zu Karpfen, wenn sie Karpfen genossen. Aus faulenden Aalen würden wieder leben- dige Aale. Auf dergl. Beobachtungen fussend begründet er eine Theorie der Gespenster. In jedem thierischen Körper sei der bildungsfähige Ur- stoff, die idea seminalis vorhanden und durch die Erdwärme könne sich derselbe entwickeln, so dass er nun in der Gestalt, die er im Leben gehabt, sich aus der Erde erhebe und in der Nacht sichtbar sei, auch am Tage sichtbar sein würde, wenn der Sonnenschein nicht zu hell wäre, welcher selbst die Gestirne unsichtbar mache. Der „spiritus tnotor" möge die „ideas formatrices qidescentes" zu neuem Leben berufen und so stehe jede Form wieder da „prout mortis tempore erat." Das Buch bleibt ein characteristisches Zeichen für seine Zeit und für das „Od." — Caspar Neumann in Züllichau geb. 1689, f 1734 als Prof. der Chemie in Berlin und Apothekenaufseher in Preussen, dann Joli. Heinr. Bott, geb. in Halberstadt 1692, f 1777, dieser Theolog, Mediciner und als Professor der Chemie in Berlin berühmt, zugleich ein trefflicher Charakter. Andreas Sigismund Marggraf, geb. in Berlin 1709, f 1782, zeichnete sich 'als Hofapotheker durch seine schöne Kenntniss in der Chemie aus, wurde Mitglied der Academie der Wissenschaften und 1760 Director der physikalischen Classe derselben. Pierre Joseph Macquer, geb. in Paris 1718, Professor der Chemie und geachteter Schriftsteller für theoretische und praktische Chemie. Christoph Ludwig Hoffmann, geb. in Rheda in Westphalen 1721, t 1807 am 28. Juli in Etwille am Rhein, stellte ein eignes Sy- stem der Medicin auf, auf die Reizbarkeit sich begründend und un- 48 tersuchtc vorzüglich die Krankheiten, welche von chemischen Umwand- lungen der Säfte abgeleitet wurden. Tornher Olof Bergmann, geb. in Katharinenburg in Westgothland 1735, f 1784 war ein Schüler Zi/e/^m-, wurde im Jahre 175S Professor der Physik in Upsal und J767 auch der Chemie, und war ein für seine Zeit trefflicher Schriftsteller. Carl Wilhelm Scheele, geb. in Stralsund 1742, f 1786, dessen vieles Gute enthaltende „opusciila chemica et physlca^^ erschienen erst nach seinem Tode 1788 und 1789. Anioine Laurent Lavoisler, geb. in Paris 1743, f 1794 den 8. Mai unter Kobespierres blutiger Regierung, war seit 1768 Mitglied der Academie, schrieb seinen berühmten ,,Traite elementaire de chimie, 1791, und schuf das antiphlogistische System. Die objective Naturkunde hatte sich, wie wir oben gesagt, durch den, für die organisirten Naturkörper fleissig angewendeten Gebrauch der vergrössernden Gläser auf eine bedeutendere Höhe geschwungen. Für die unorganisirten Körper wurde dies Mittel, zur Kenntniss der- selben zu gelangen, gewöhnlich verschmäht. Von den ausgezeichnet- sten Forschern im Bereich dieser Richtungen überlebten folgende das Ende des siebenzehnten Jahrhunderts. John Ray, geb. zu Black Notley in Essex am 29. Nov. 1628, f daselbst am 17. Jan. 1705. Einer der geistvollsten und umfassendsten Naturforscher für Botanik und Zoolo- gie, deshalb der Aristoteles Englands genannt. Unter andern gab er seine Methodus plantarum 1682, seine Ichthyographia 1686 heraus. Augustus Quirinus Rivinus, geb. in Leipzig 1652, f 1725 als Professor der Botanik daselbst, bearbeitete mehrere Pflanzenordnungen nach eignem System und erläuterte sie durch gute Abbildungen, auf Metallplatten ge- stochen. — Hans Sloane, geb. zu Killileigh am 16. April 1660, f 1753 als Präsident der Royal Society in London. Nachdem eigentlich der Gärtner Tradescant f 1652, das British museuni zuerst begründet hatte, so verm.achte H. S. demselben testamentarisch seine reichen und kostbaren Sammlungen, welche das Parlament im Jahre 1759 übernahm. Er selbst hat seine Reisen nach Madera, Barbadoes, Nievcs, St. Christoph und Jamaica beschrieben und die von ihm daselbst entdeckten Naturalien auf 274 Kupfertafeln abgebildet. Das Werk erschien in London 1707. — Joh. Heinrich Heucher, geb. in Wien am 1. Januar 1677, f 1746 den 22. Februar in Dresden, als Leibarzt des Königs von Polen und Churfürsten von Sachsen. Er war früher Professor der Botanik in Wittenberg, wo ihm Abraham Vater, geb. 1684, f 1751, nachfolgte, während er selbst nach Dresden berufen, daselbst der Stifter der Natura- lien- und Kunstsammlungen wurde. Seine zahlreichen Schriften erschie- nen als „Opera 1745" durch den Leibarzt Dr. Christ. Fr. Haenel. — Rene Antoine FerchauU de Reaumur, geb. zu Rochelle 1683, f 1757 zu Bermondierc in Maine, war einer der sorgfältigsten Beobachter der Thicrwelt, welche jemals gelebt haben. Seine Memoires des Insectes, in VI. Bänden, 1734 — 42 gelten uns noch heute als Muster von Aus- 40 dauer und Geschicklichkeit im Beobachten und Untersuchen, ebenso beurkundet sein Werk über die künstliche Ausbrütung der Vögel seine Beharrlichkeit, und seine Eintheilung des Thermometer seinen Scharf- sinn. — Auch eine Dame muss hier genannt werden, die berühmte Maria Sibylla Merian, später Gattin des Maler Graf. Sie war geb. in Basel 1647, f am 13. Jan. 1717 in Amerika, Tochter des Senators Ma- thias Merian, in Basel geb. 1 593, Verfassers eines Florilegium plantarum itinerarium und noch bekannter durch seinen Todtentanz. Die Tochter widmete sich vorzugsweise der Beobachtung der Insecten und ihre Metamorphosis insectorum surinamensium Amstelod. 1700 und ihr Eni cartim ortus 1717, beide Werke mit Kupfertafeln von ihr selbst, sind schätz- bare Erinnerungen an ihre Beobachtungsgabe und ihren Fleiss. Johann Jacob DiUeniiis, geb. zu Darmstadt 16S7, f 1''^'' als Professor in Oxford, nachdem er früher als Professor in Giessen durch seine Gelehrsamkeit in der Botanik, insbesondere durch seine durch ihn zuerst erlangte sorg- fältige Kenntniss der kryptogamischen Gewächse zu hohem Ruhme ge- gelangt war. In der Systematik war er Gegner von Rivinus. Johann Christian Biixbaum, in Merseburg geboren 1694, f 1730, ging mit dem K. liuss. Gesandten nach Constantinopel und mit dem Grafen Romanzov in den Orient, wo er die Küstenländer des schwarzen Meeres, Klein- asien und Armenien als Botaniker bereiste, und seine Entdeckungen beschrieb und abbildete. Emanuel Graf von Srvedenborg, geb. in Stock- holm 16S9, t 1772 in London, war früher sehr thätiger Physiker und specieller Naturforscher, schrieb z. B. eine Oeconomia regni animalis, Lond. 1740. und Regnum animale , Haag 1744, wurde aber späterhin Geisterseher und Schwärmer*). — Holen wir hier jetzt noch einige ältere Reisende und sonstige Beförderer der Naturkenntniss nach: Heinrich Adrian van Rheede tot Drakensteen, Statthalter von Malabar und Mitglied der Ostindischen Gesellschaft, Hess den berühmt geworde- nen „Hortus malabaricus" mit 700 Abbildungen in Amsterdam von 1676 bis 1703 erscheinen. Die von Bramanen gesammelten Pflanzen sind mit malaiischen, bramanischen und arabischen Namen versehen, und wurden von dem Carmeliter-Missionär P. Mattei di S.Giuseppe aus Neapel gezeichnet, die malabarische Beschreibung \on Emanuel Carneiroxn das Por- tugiesische, dann von Hermann von Donep in das Lateinische übersetzt. Der Missionär Casearius in Cochin ordnete das Ganze und Arn. Syen, Joh. Commehjn, Theod. Janssen van Almeloveen, Joh. Munniks und Abraham Poot besorgten die Herausgabe. — Georg Eberhard Rumphius, in Hanau 1 637 geboren, wurde Unterstatthalter zu Amboina und Mitglied der ost- indischen Rathsversammlung. Sein berühmtes Werk ,,Herbarium amboi- nense"' war 1690 fertig aber erst 1740 begann Joh. Burmann, die Ab- *) Eine treffliche Darstellung seines Wesens vergl. in „Schleidens Studien", Leip- zig. 1855. S. 1S3— 214. 50 bilduiigen stechen und den Text lateinisch und holländisch mit sei- nen Anmerkungen drucken zu lassen. Es erschien in sieben Folio- bänden in Amsterdam. 1741 — 51. — Auger Clufius aus Leiden und Joh. Vesling aus Minden, geb. 1598, f 1649, besuchten Nordafrika, allein jener wurde aller Habe beraubt, und schrieb nur seine „Opuscula duo de nuce medica" Amsterdam 1 634. über die damals so kostbare maldivi- sche Nuss, dieser seine (JbsenKiiiones de planus Aegypti, Patav. 1638. — Stephan Flacourt hat in seiner „Histoire de la gründe isle Madagascar^' Paris 1661 zuerst die Naturgeschichte von Madagascar erschlossen. — Hans Egeede-Saabye, geb. in Dänemark den 31. Jan, 1686, f 1758 den 5. Nov. auf der Insel Falster, wurde Pfarrer in Norwegen und Missio- när in Grönland. Seine Naturgeschichte von Grönland erschien dänisch mit 12 Kupfern in Kopenhagen 1741, französisch in Genf 1763 und deutsch in Berlin 1763, worin er auch das fabelhafte Meerungeheuer, die Riesenschlange abbildet. — Friedrich Marlens aus Hamburg besuchte als Wundarzt 1671 Spitzbergen, und seine „spitzhergische oder grönlän- dische Reiseheschreihung"- Hamburg 1675, giebt die Resultate seiner Be- obachtungen auch durch Abbildungen wieder. — Erich Pontoppidan, in Aarhuus geb. 1698, f 1765 als Bischoff von Bergen in Norwegen. Er hat neben theologischen Schriften auch die Naturgeschichte von Nor- wegen, dänisch in Kopenhagen, 1752 — 53, erscheinen lassen. Sie Avurde in mehrere Sprachen übersetzt auch deutsch : Versuch einer natürlichen Geschichte von ISorwegen etc., übersetzt von Joh. Ad. Scheibe, in 2 Thei- len, mit 16 und 14 Kupf. Kopenhagen. 1753 — 54. — William Dampier besuchte 1684 — 1699 die Küsten der spanischen Besitzungen in Amerika, die Philippinen, die Fischerinseln und die Westküste Neuhollands. In seinem „Nouveau voyage autour du rnonde''^ in 5 Bänden, Amstelod. 1701, gab er auch Abbildungen der von ihm entdeckten Naturalien. — Will. Sherard war ein Mäcenas der Botaniker in London , geb. zu Bushby in Leicestershire 1659, sammelte selbst Pflanzen auf der Insel Jersey, in Cornwallis, in der Schweiz und auf dem Jura. Er wurde 1703 engli- scher Consul in Smyrna, wo er einen botanischen Garten anlegte, bis er 1721 in sein Vaterland zurückkehrte. Er besass bereits ein Herba- rium von 12000 Arten. Bevor wir aber zu einer Auswahl aus den Namen der vielen Na- turforscher übergehen, welche dieses Jahrhundert selbst sich geboren, mag es erlaubt sein, wenigstens auf eine von den Anstalten, welche bis dahin für Naturkunde entstanden, einige flüchtige Blicke zu werfen. So wie die Naturkunde in jener Zeit grösstentheils um der Medi- cin willen betrieben wurde, so waren es besonders Apotheker und Aerzte, welche dieselbe studirten, und es waren die Leibärzte, welche durch ihren Einfluss auf die Monarchen dieselbe zu fördern vermoch- ten. In England gründete bereits die Königin Elisabeth einen Pflan- zengarten, an dem der Apotheker John Parkinson, geb. 1567, königlicher 51 Botanicus wurde, und seinen ,,Paradivus terrestris'-' 1629 herausgab. Ihm folgte Leon Pluknet, geb. 1642, durch sein „Alniagestum'' , Lond. 1696, und „Amaltheum'' 1705 berühmt. Im Apothekergarten zu Chelsea 16S6 eingeweihet, hat Jak. Petivers grosse Thätigkeit bis f 1718 gewaltet. Sein Gazophylacium, sein Museum, sein Hortus siccus pharmaceuticus bil- den mit mehreren andern Schriften seine Opera, welche erst 1764 mit 310 Kupfertafeln erschienen.— Die beiden Leibärzte des Königs von Frankreich, Louis XIIL, Herouard und Gmj de la Brosse bewirkten nach langer Vorbereitung die Stiftung des Pflanzengarten in Paris. Letzterer hatte bereits im Jahre 1626 den Entwurf des Planes gemacht, und 1633 war das Grundstsück für 67,000 Fr. angekauft worden, nachdem Bou- vard, Herouards Nachfolger, als Leibarzt auch zum Oberaufseher und de la Brosse als Aufseher bestätigt worden, erschien darüber endlich am 15. Mai 1635 das Dekret für die weitere Entwickelung und Bestimm- ung der Anstalt. Nachdem die Eifersucht der medicinischen Facultät der Herstellung lange entgegengetreten, wurden jetzt drei Professoren aus ihrer Mitte dabei angestellt: Jaqiies Cousinot für Botanik, Urban Baudineau für Pharmakologie und Maria Cureau de la Chambre für Chemie. La Brosse veröffentlichte die Description du jardin Royal 1 636 mit einem Verzeichniss von bereits 1 800 Pflanzenarten, und 1 640 begann die Thätigkeit der Professoren und Demonstratoren. Unter Oberauf- sicht des ersten Leibarztes Vautier von 1642 ging die Anstalt wieder rückwärts, ihm folgte Anton Valloi, Denis Joncquet und Guy Crescent Fa- gon. Nach Vallots Tode übernahm der Minister Colbert die Oberauf- sicht selbst und stellte den Hofinaler Robert an, um Pflanzen zu malen, welche in Kupfer gestochen wurden. Nach dessen Tode folgte 1684 Joh. Joubert aus Poitou in dieser Stelle als Maler, Louis ÄIV. berief späterhin, nach endlicher weiterer Herstellung des Etablissements, den als kenntnissreichen Botaniker bekannt gewordenen Joseph Pitton de Tourne- fort aus seinem Vaterlande, der Provence, geb. 1656, f 1708, welcher im J. 1683 als junger, 26 jähriger Mann die eigentliche Wissenschaft der Bo- tanik für Frankreich begann. Er hielt Vorlesungen, bearbeitete seine \ie- rühmt gewordenen /w*^2Y?^^/o;2«?.y rei herbariae und reiste für die Wissenschaft. Im Jahre 1700 ging er in Begleitung des Malers Aubriet nach dem Ori- ent, durchreiste Griechenland, die Küsten des schwarzen Meeres und die archipelagischen Inseln imd kehrte 1702 wieder zurück mit bolanischen Schätzen beladen. Antoine Danty dPsnard und Sebastian Vaillant, geb. 1669, t 1"21; Musiker, dann Wundarzt, endlich durch Tourne fort begei- stert und als dessen eifriger Schüler, war zum trefflichen Botaniker ge- worden und dann zu dessen Nachfolger am botanischen Garten ernannt. Alle Werke Vaillants sind ausgezeichnet und geistvoll, seine Abbildun- gen trefflich, vorzüglich widmete er auch der Flora um Paris seinen Fleiss und stellte selbst kryp togamische Gewächse naturgetreu dar. Nach ihnen trat der so berühmt gewordene Name Jussieu auf. Antoine 52 Jiissieu, geb. 1686, f 1758, wurde Professor am Garten und sein Bruder, Bernard Jussieu, geb. 1699, f 1777, blieb vierzig Jahre lang sein Sousdemonstrateur oder Adjunct. Sie legten den ersten Grund für das natürliche Pflanzensystem. Letzterer reiste 1741 an die Küste der Nor- mandie, um die Polypen zu untersuchen und erklärte sie nach seiner Beobachtung für Thiere. Er war es, welcher im Garten zu Trianon durch seine Pflanzungen die erste Andeutung gab, für die natürlichen Verwandschaften im Reiche der Pflanzen. Er war es auch, welcher die Ceder vom Libanon aus England brachte, welche noch heute den Hügel im „Jardin des plantes" majestätisch beschattet. Während in der Direction des Gartens wieder die Leibärzte Chirac und Chicoisneau nachfolgten, ohne die Sache zu kennen oder ihr nützen zu wollen, ver- mehrte Francois du Fay, ein ausgezeichneter Militair, welcher England und Holland bereist hatte , die Anstalt durch seine thätige Correspon- denz mit kostbaren Naturalien für alle Reiche und bedachte sie gross- artig durch sein Testament, wollte aber neben dieses bedeutend mate- rielle Legat auch noch ein geistiges setzen. Er erbat sich nämlich von dem Minister Louis XV. den später zum Grafen erhobenen Georg Louis Ledere de Buffon, geb. zu Montbard in Bourgogne, den 7. September 1 707, f 1788 den 16. April in Paris, welcher von 1739 an Intendant des Pflanzengarten und der mit ihm verbundenen naturhistorischen Museen geworden. Er war ganz dazu geschaff'en, der Anstalt und der Wissen- schaft durch seinen Geist und seine Persönlichkeit unendlich zu nützen, und sein Eifer verschafi'te von jetzt an dem Garten und den Museen den Weltruf, den sie sich späterhin weise bewahrten. Er vergrösserte den Garten und vermehrte die Pflanzungen desselben, er richtete für die Museen die grossen Galerieen ein und versammelte die kenntnissreichsten Männer um sich herum. Er rufte Bernard de Jussieu herbei und zog zunächst Louis Jean Marie Bauhenton , Philibert Guenau de Montheillard und Bernard Germain Etienne de Lacepede , geb. zu Agen 1755, f 1826 bei St. Denis, 1785 als Aufseher und Demonstrator am botanischen Garten, 1795 als Professor der Zoologie, an sich, die kenntnissreichen Mitarbeiter an seinen Werken, zur Histoire naturelle gehörig. Buffon galt als das Cen- trum und als die Krone des Ganzen. Sein Geist, sein Anstand und seine persönliche Liebenswürdigkeit Hessen ihn das erreichen, was seine Vorgänger nicht vermocht hatten, erlangen zu können. Er selbst und die Anstalt, für welche er lebte und die Wissenschaft, für welche sie existirte, erhielten einen europäischen Ruf, und diese Wissenschaft von der Natur wurde ein Liebling der Monarchen und zog ein in die Kreise der Vornehmen und Reichen. Seine Aneiferung der Männer, die mit ihm sich verbunden, seine lichtvolle Auffassung imd seine leichte Be- wältigung vielfiichen Materials, concentrirte deren Kenntnisse in sich selbst und seine schöne, wenn auch oft übertrieben gesuchte, doch für jene Rokokozeit, in der er lebte, vollkommen geeignete Sprache und 53 Schreibart machten die Naturkunde zum erstenniale fähig, am Hofe und in der vornehmen Welt durch seinen Mund und aus seiner Feder als angenehme und willkommene Unterhaltung zu glänzen. Absehend von aller Systematik, betrachtete er immer das Einzelne an sich und schmückte dessen Erscheinung in Form und Farbe und Leben durch seine reiche Phantasie, und verbreitete so die Liebe für ein Studium in der gebildeten Welt, welches bis dahin nur von einzelnen Gelehrten ge- pflegt worden war. Sind wir durch Biiffon zu den Männern übergegangen, welche das achtzehnte Jahrhundert geboren, so finden wir ihn als Zeitgenossen von ziemlich vielen ausgezeichneten Geistern , welche ähnliche Zwecke in verschiedener Richtung verfolgten. Die ganze Anschauung der Natur ging bis dahin vom Gemüth aus, diese Anschauung reflectirte sich im Leben der organisirten Natur, es war jene Bewunderung, welche schon Aristoteles als die Mutter des Wissens erkannte. Begeisterung für das Er- schaffene, Bestreben dasselbe einzeln kennen zu lernen, führte zum Beob- achten, zum Sammeln und Forschen und die Forschung brachte mit der gewonnenen Kenntniss eine demuthsvolle Ahnung des Schöpfers der erschaffenen Wesen und eine Ueberzeugung von dessen Allmacht und Güte hervor. Carl Linnee, Sohn eines Predigers in Roshult in Smaland, geb. den 24. Mai 1707, f 1778 den 10. Januar, früh S Uhr, hat diesen Weg der Bildung genommen *). Der Beruf, Naturforscher zu werden^ schien ihm angeboren zu sein und offenbarte sich bereits im Leben des Knaben. Sein Geist wirkte in seltner Energie mit dem Gemüthe zusammen und das Resultat war seine Reformation, ja mehr noch, seine eigentlich wis- senschaftliche Schöpfung und feste Begründung der ganzen Naturkunde, denn Linnee wurde der erste, welcher eine noth wendige Methode, eine eigenthümliche Bestimmung der Begriffe und Begrenzung der Ausdrücke für Bezeichnung der Eigenschaften der Körper ei"fand und dadurch sich in den Stand gesetzt sah, alles aus den zahlreichen schon existirenden Werken als zerstreut und ordnungslos ihm bekannt gewordene zu be- wältigen, und von da aus diese Mannigfaltigkeit durch Erhebung auf allgemeine geistvolle Anschauungen dann wieder sondern und lichtvoll classificiren zu können. Wenn sein Zeitgenosse Buffon die Naturkunde für die vornehme Welt pikant zu machen verstand, so verstand ea Linnee, sie für ein gründliches Studium der ganzen gebildeten Welt zu- gänglich und fesselnd zu macheu. Linnee Avar übrigens der erste und zugleich für alle Zukunft der einzige Naturforscher der Welt, dem es vergönnt war, das Wissen seiner Zeit in seinem Detail zu beherrschen und die bis dahin bekannt gewordenen Arten aller drei Naturreiche in *) Seine Wirksamkeit kann in diesem Rückblicke nur angedeutet werden, mehr wurdo darüber in der „Allgan. deutschen nalurhist. Zeitimg" 1847 S. 449—459 gegeben. 54^ einem Werke selbst zu beschreiben. Dies sind Umstände, welche seiner Nachwelt weder für ein Reich, noch für eine grössere Classe der orga- nischen Reiche in gleicher der Zeit entsprechender Vollständigkeit wie- der möglich geworden. Albert von Haller in Bern, bald nach Linnee geboren, am 16. Oct. 1708, f 1777, den 12. December, wurde Professor der Anatomie, Physiologie und Botanik in Göttingen, wo er zu einem seltenem Ruhme gelangte. Die seltenste und vielseitigste Begabung des Geistes hatte sich auch hier bereits im kleinen Knaben entwickelt, und leicht mochten Haller und Linnee, neben einander rivalisirend, ihrer Zeit als die grössten Männer erscheinen.. Hallers schönstes Denkmal wurde die von ihm gestiftete Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen und der von ihm begründete botanische Garten daselbst. Haller ehrte seine Zeitgenossen, z. B. Peter Collinson in London, Joh. GotlUeb Gleditsch, geb. 1714, t 1786, Professor in Berlin, Joh. Georg Gm ellin , geb. 1709, Professor in Tübingen und Christ. GotlUeb Ludwig', geb. 1709, f 1773, Prof. der Physiologie in Leipzig, auch als Botaniker rühmlich bekannt, Adrian van Royen, Professor in Leiden, Humphred Sibthorp, Professor am Sherardischen Garten in London u. A. durch Widmung seiner Schriften, andere durch Erneuerung der ihrigen, sowie er die Flora von Jena von Heinrich Bernhard Rupp, f 1719, welche 1718 erschienen war, in den Jahren 1726 und 1745 wieder herausgab. — Joh. Ernst Hebenstreit, geb. in Neustadt an der Orla 1702, f 1757, Schüler von Rivinus: „De con- tin. Rivini iildustria Lips. 1726. Definitiones plantarum 1731 , wurde vom König von Pohlen, August IL, im Jahre 1731 mit Christ. Gottl. Ludivig nach Afrika gesandt, um seltsame Thiere und Pflanzen für Dresden zu sammeln, beide reisten über Marseille nach Algier, Tunis, Tripoli und anderen Gegenden Nordafrikas und kehrten 1733 zurück, wo sie auch die zum Theil noch lebende Zwingerorangerie mitgebracht hatten. Nach dieser Rückkehr schrieb Hebenstreit noch eine Diss. de methodo planta- rum e, fructu optima. Lips. 1740. Er starb in Folge seiner Sorge für die bei Rossbach verwundeten Krieger. — Eine grosse Thätigkeit ent- wickelte sich im Beginn dieses Jahrhunderts für die Beobachtung der Insecten. Die Metamorphose, welche die Vorgänger gelehrt hatten, er- griff schon durch die ihr untergelegte Bedeutung die Gemüther so tief, dass man ihre Erforschung mit einer wahren Pietät und mit wahrhaft aristo- telischer Bewunderung pflegte, und dass alle Anschauung der Gottheit aus der Natur, alle Beziehung auf die später Teleologie genannte Zweck- mässigkeit und Harmonie in der Natur, durch diese Forschung eine neue Quelle gefunden. Als den naiven Vorgänger dieser bescheidenen For- scher nennen wir zuerst Joh. Leonhurd Frisch, dessen Beschreibung von allerlei Insecten in Deutschland, nebst nützlichen Anmerkungen und nöthigen Abbildungen von diesen kriechenden und fliegenden Ge- würme etc., in 13 Theilen mit 273 schwarzen Kupfertafeln, in Berlin schon 1720 bis 1738 erschien. Aug. Joh. Roescl , in Augustenburg bei 55 Arnstadt in Schwarzburg-Sondershausen^ geb. 1705, f 1759 in Augsburg, als Roesel von Rosenhof, ein durch seine vom Jahre 1746 bis 1761 her- ausgegebenen „Monatlichen Insectenbelustigungen" unsterblich gewor- dener Entomolog, dessen treffliche von ihm selbst gefertigten Abbildun- gen und treue Beobachtungen nebst anatomischen Darstellungen kaum übertroffen worden sind. Sein Werk erscheint uns als eine sehr hohe Potenz dessen von seinem Vorgänger Frisch. Sein Schwiegersohn Klee- maiin gab unter dem Titel „Beiträge" die Fortsetzung dazu 1761 — 92 und 94 und ein anderes vortreffliches und noch unübertroffenes Werk die „Naturgeschichte der Frösche^' etc. in gross Fol. gab der Maler Joh. Dan. Meyer in Nürnberg heraus und für die Vorzüglichkeit dieses gleich- falls durch die ausführlichste Darstellung der Verwandelung und der Anatomie ausgezeichneten Werkes spricht schon der Umstand, dass der grosse Albert von Haller selbst eine Vorrede und lateinischen Text dazu schrieb. Derselbe Meyer gab noch zwei hundert Folioplatten mit ver- schiedenen Thieren aller Classen der Wirbelthiere mit ihren Skeletten (Beinkörpern!) 1748 und 1752 mit Beschreibung heraus, eine schätzbare Sammlung, welche alle bis dahin erschienenen weit übertrifft. — Charles Bonnet, geb. in Genf 1720, f 1793, begann seine Laufbahn mit so aus- gezeichneten Beobachtungen über das Leben der Blattläuse, dass er schon im zwanzigsten Jahre zum correspondirenden Mitgliede der Aka- demie in Paris ernannt wurde. Seine philosophischen wie seine natur- historischen Werke, z. B. seine „Contenxplation de la nature" ed. 2. 111. vol. Hamb. 1782, seine „Considerations sur les corps organises'' Paris 1764, vorzüglich sein „Tratte d'Insectologie" (Oeuvres compl. s.J X. vol. Berne 1779 — 80, zeigen eine Vereinigung von sorgfältig trefflichen Beobach- tungen mit . correctem Styl und derjenigen Begeisterung und Hingabe an sein Studium, welche den Leser zur Bewunderung hinreissen muss. Diese Werke fanden auch so viel Theilnahme, dass sie in die meisten gangbaren Sprachen übersetzt worden sind. Sein Zeitgenosse Charles De Geer, Baron of Leutsta, Marschall von Schweden, geb. in Stockholm 1720, f 1778, den 20. März, war Schüler Linnees und wurde gleichsam ein neuer Swammerdam, durch Linnees Ansichten für höhere Erkenntniss gebildet. Seine grossen Memoires pour servir ä Thistorie des Insectes er- schienen in 7 grossen Quartbänden in Stockholm in den Jahren 1752 bis 78 und enthalten eine so reiche Masse von anatomischen Details, mit Klarheit und Präcision der Anschauung geboten, dass dieses Werk eine der vorzüglichsten Quellen für das wissenschaftliche Studium der Entomologie genannt werden muss. Jacob Christian Schaff er , geb. in Querfurt 1718, f 1790 als Superintendent in Regensburg, wurde einer der fleissigsten Schriftsteller für Zoologie, welche jemals gelebt haben. Seine überaus zahlreichen Arbeiten, grösstentheils Lasecten betreffend, doch auch Crustaceen und Eingeweidewürmer, enthalten so treue und so sorgfältig angestellte Beobachtungen aus der Natur und so treffliche 56 Abbildungen, dabei bereits eine so gründliche Verfolgung von Methodik, dass dieselben unter das ausgezeichnetste gehören, was der angestreng- teste Fieiss in Rücksicht auf seine Zeit jemals geschaffen. Seine Zu- sammenstellung der Insecten der Gegend von Regensburg Icones insect. circa Ratishonam indigenorum, natürlich ausgemalte Abbild. Regensburger Insecten. 3 Bde mit 280 ill. K. Regensburg \ 766 — 79, ist eigentlich die erste iconographische Fauna, denn die spätere Zeit hat Insectenfaunen entweder nur beschreibend gegeben oder einzelne Abtheilungen vorge- zogen, andere minder beachtet, während Schä/fer alles was ihm vorkam, gegeben. Ebenso verdienstvoll arbeitete er für Ornithologie. — Herrn. Samuel Reimarus , geb. in Hamburg 1694, f 1786, Rector in Wismar, dann seit 1728 Prof. der oriental. Sprachen in Hamburg, schrieb über „die vornehmsten Wahrheiten der natürl. Religion" 1754 und „Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere." Hamb. 1760 u. 1773, wo- durch er so viele Theilnahme fand, dass diese Schrift 3 Ausgaben auch eine holländische Uebersetzung erlebte, lieber seinen Sohn s. später. Ein grosser Geist in anderer Richtung war Peter Camper, geb. in Leyden am 11. Mai 1722, f 1789 den 7. April. Sein Vater, protestan- tischer Geistlicher in Batavia, war erst 1715 nach Leyden zurückge- kehrt und lebte in freundschaftlichstem Verhältniss mit Roerhaave, des- sen Einfluss auf die erste Bildung des jungen Camper noch möglich geworden. Er versuchte sich bald als Schriftsteller in schwierigen physiologischen Themen, machte durch seine Reise die Bekanntschaft mit den ausgezeichnetesten Männern seiner Zeit und erhob sich durch seine vielseitigste Bildung zu einem der ersten Schriftsteller, insbeson- dere für Anatomie und Physiologie des Menschen und der höher orga- nisirten Thiere und ihrer paläontologischen Reste, auch gab er einen auf jene Wissenschaften begründeten „Versuch über die physische Er- ziehung der Kinder", welcher von der wissenschaftlichen Gesellschaft in Harlem gekrönt wurde. Auch seine Untersuchuivgen über die Neger- Race und über den Orang-Utang lassen ihn niemals vergessen. Sein Sohn Adrien Gilles Camper hat manche seiner Untersuchungen fortgesetzt und einige seiner Schriften wieder erneuert. Nächst seinem Sohne hat auch Vicq d'Azyr sein Leben beschrieben und Dr. Cogan u. A. einzelne seiner Werke übersetzt, während sich Abhandlungen von ihm in den Schriften fast aller Akademien befinden. — Axel Friedrich Freiherr von Cronstedt, geb. in Südermannland 1722, f 1765, steht hier ziemlich isolirt als guter Mineralog. Nachdem Agricola die Mineralogie begründet, dürfen wir gewiss Cronstedt als denjenigen ansehen, welcher mit tiefer wis- senschaftlicher Anschauung zuerst ein System für dieselbe versuchte, welches auch durch die deutsche Bearbeitung von Werner, Leipzig 1780 erst später bekannter geworden. — Thomas Pennant , geb. zu Downing am H.Juni 1726, f 1798 d. 16. Dec, erinnert sich, dass ihm als Knaben von 12 Jahren Willughhy , welcher damals seinen Verwandten Salisbiiry 57 besuchte, einige Vögel geschenkt und dadurch den Sinn für die An- schauung der Natur in ihm aufgeweckt habe. Seine Werke haben auch vorzugsweise die Katurgeschichte der Vögel und Säugethiere, sowohl Englands als auch des Auslands durch Abbildung und Beschreibung erläutert. John Hunter, geb. in Long Calderwood g. 13—14. Febr. 1728, f 1793 den 16. Oct., übertraf noch seinen älteren Bruder William Hunter , geb. 1718 und zeichnete sich aus als Anatom, Zootom und Zoolog über- haupt. Er legte den Grund zum Museum für vergleichende Anatomie in London und erfreute sich durch seine Kenntnisse selbst der Anei-- kennimg von Haller. Seine Forschungen bewegten sich in einer ähn- lichen Bahn wie die von P. Camper. Lazaro Spallanzani in Scandiana geb. 1729, y 1799, wurde in Bo- logna gebildet und im 29. Jahr seines Alters Prof. der schönen Wissen- schaften und der Philosophie in Reggio, im Jahr 1770 Prof. der Anatomie und Physiologie und Naturgeschichte zu Pavia, von wo aus er 1790 bis Constantinopel reiste. Seine überaus fleissigen und scharf- sinnigen Beobachtungen durch welche er mehrere Erscheinungen im Thier- und Pflanzenleben erklärte, sind ausserordentlich zahlreich und zum Theil auch auf seinen Beisen, besonders in Sicilien angestellt worden. — James Bruce Esq. of Kinnaind zu Kinnainds House in Stirlingshire geb. den 14. Dec. 1730, f 1794 den 27. April, dessen 1762 begonnene erst 1774 vollendete afrikanische Reise für Geographie wie für Natur- geschichte gleich wichtig geworden, hat besonders Abyssiniens Natur- produkte wieder zur Kenntniss gebracht und manche Nachrichten aus den Zeiten von Herodot und von Srabo zuerst wieder beleuchtet. — Natal. Jos. von Necker, geb. 1730, f 1793, Botaniker in der Kurpfalz, wurde durch seinen „Traite sur la mycetologie, Mannh. 1783, seine Physio- logia muscorum ib. 1774, seine Deliciae gallo-belg. silvestres Argent. 1768, n. seine Mementa botanica. Neow. 1790 bekannt. — Joh. Hedwig, geb. 1730, •j- 1799, Prof. der Botanik in Leipzig, wurde durch seine tiefer eingehen- den mikroskopischen Untersuchungen und zahlreichen trefflichen und in grossem Maasstabe gegebenen Abbildungen der erste bedeutende Schriftsteller für kryptogamische Gewächse, deren feinere Organe er eigentlich zuerst zur klaren Anschauung brachte. Seine „Theoria genera- fionis", sein Fundamentum hist. nat. musc. frondos. Lips. 1782 nebst einer grossen Anzahl andrer Abhandlungen, vorzüglich aber sein grosses spe- zielles Werk über die ßlusci frondosi haben ihm einen unsterblichen Namen gesichert. — Eleazar Albinus, ein fleissiger Zoolog, gab eine Ja- lural history of Birds in 3 Bänden 1731 — 38 mit illum. Abbild., dann die English Song Birds Vil%, ausserdem Fische, Insecten und Spinnen. Die Abbildungen sind manirirt. — Joh. Leonh. Frisch, oben als einer der ersten Entomologen genannt, war auch der erste, welcher ein gutes Werk über die „Vögel Deutschlands" Berlin 1734 — 63 gegeben, dessen Fortsetzung seine Söhne Josl Leopold und J. Christoph besorgten. Die AUg-. tlcuuche nalurhist. Zeitung-. I. 5 58 Fledermäuse stehen liier zum letztenmale unter den Vögeln! — Von Pete7^ Ärtedi erschien eine Bihlioiheca ichthyologica und eine gute erste Philosophia, genera, synonyma et species piscium und andere Werke über die Fische, meist von Linnee u. /. Jul. Walbom 1738 — 1793 herausgegeben. Mathurin Jacques Brisson, geb. zu Fonteney le Peuple 1723, Prof. der Physik in Paris, hat sich neben Herausgabe physikalischer Werke in der Zoologie durch sein „Regne animal" 1756, vielmehr noch durch seine „Ornitliologia" in sechs Quartbänden mit 261 Kupfertafeln in Querfolio Paris 1760 als den ersten und für alle Zeiten als einen der gründlich- sten Forscher bewährt. Vieles beschrieb er aus Reaumurs Sammlung, das meiste aus dem Pariser Museum. — Joh. Georg Sulzer zu Winter- thur im Canton Zürich geb. 1720, f 1777, betrachtete neben den schönen Wissenschaften auch die Natur von ihrer ästhetischen Seite und schrieb das auch ins Französische übersetzte Werk „Von den Schönheiten der Natur" Berlin 1750, trug aber auch zur Kenntniss der Natur in der Schweiz bei, durch Beschreibung seiner Reise durch dieselbe, Zürich 1743. Joh. Heinrich Sulzer war ein gründlicher Entomolog und beför- derte die theoretische Kenntniss derselben besonders durch sein Werk: „Die Kennzeichen der Insecten" mit 24 illustr. Karten, Vorrede von Joh. Gesner, Zürich 1761 und durch seine „Geschichte der Schweizer und ausländischen Insecten mit 32 illum. K. Winterthur 1776. Suppl. 1789. — Marcus Eliezer Bloch trat in Deutschland auf als ein erster ausgezeichneter Kenner der Fische. Seine „allgemeine Naturgeschichte der Fische" erschien in 12 Theilen mit 432 illum. Kupf. in Fol. Berlin 1782 — 95 und sogar auch in französischer Sprache übersetzt. Die „öko- nomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands" enthält 6 Bände mit 216 illum. Kupf. Berlin 1783 — 87, das „Systema Ichthyologiae" hat 110 Tafeln und erschien erst durch J. Gottloh Schneider, Berlin 1801. — Seine Abhandlung von der Erzeugung der Eingeweidewürmer und den Mitteln wider dieselben mit 10 Kupfertafeln, Berlin 1782, wurde von der Societät der Wissenschaften in Kopenhagen mit dem Preise gekrönt. — Abbe Bazin gab ohne sich als Autor zu nennen eine Naturgeschichte der Bienen „Hist. naturelle des Abeilles I. IL Paris 1747. — Nathanael Gottfried Lcskc, Prof. in Leipzig, war ein vielseitig gebildeter Naturfor- scher, welcher durch seine „Reise durch Sachsen" mit 40 Kupfertafeln Leipz. 1785 seine Anfangsgründe der Naturgeschichte, Leipz. 1779, seine Physiologia animalium Lips. 1775, seine Ichthyologia Upsiensis Lips. 1774 so wie" durch Arbeiten über Echinodermen, über den Blasenwurm im Hirn der Schafe u. s. w. sich als guten Beobachter bewährte. — William Smellle, geb. in Edinburg 1740, f 1795 den 24. Juni, schrieb eine „Philo- sophy of natural history" in 2 Bänden, Edinburg 1790, welche auch nach seinem Tode in neuer Ausgabe London 1838 erschien. Ferner über- setzte er Buffons Naturgeschichte der Vögel in 9 Bänden London 1793. Jos. Franz Edler v. Jacquin gab „Beiträge zur Geschichte der Vögel mit 19 illustrirteu Kupfern 4. Wien 1784. — Joh. Friedrich Gmelin (s. später), 59 hatte alle specielle neue Entdeckungen sorgfältig gesammelt und liess Linnees systema naturae in der XIII. Ausgabe Leipzig 17S8 erscheinen. — Drew Drury, geb. Wood Street, Cheapside, London 4. Februar 1725, f 1763 den 18. April, wurde durch seine schönen Illusirations of natural history mit 150 Kupfertaf. in 3 Bänden London 1770 — 82 und Illustrations of foreign Entomology in 3 Bänden mit 150 Kupfert. herausgegeben von Westwood , London 1837, rühmlich bekannt. — Joh. Casp. Fuessli , geb. in Zürich 1706, f 1782, eigentlich Portraitmaler , ein guter Entomolog der Schweiz , gab vortreffliche Abbildungen zu seinen Werken : „Ver- zeichniss der Schweizer Insecten, Zürich und Winterthur 1775. Magazin für Liebhaber der Entomologie, 2 Bände, eb. 1778. Neues Magazin 1782 — 87. Archiv der Insectengeschichte eb. 1781 — 86. — Kasp. Sioll, f 1 795 , schuf ein schätzbares Werk zur Kenntniss der Hemipteren : „Natürl. u. nach dem Leben gemalte Abbild, u. Beschreibungen der Cicaden u. Wanzen u. a. verwandten Insecten aus Europa, Asia, Africa u. America," herausgegeben von Winterschmidt, Nürnberg 1781. Ursprünglich hol- ländisch Amsterd. 1787 — 90, \on Hoiittuyn beendigt 1815. — Joh. Friedr. Wilhelm Herbst in Petershageu im Fürstenthum Minden geb. den 1. Nov. 1743, t 1807 den 5. Nov. als Archidiakonus in Berlin, war ein verdienst- voller Entomolog. Seine „Einleitung zur Kenntniss der Insecten für Ungeübte und Anfänger in 3 Bänden, Berlin u. Stralsund 1784 — 86, hat die Liebe für diese Wissenschaft befördert. Sein „Natursystem der un- geflügelten Insecten , Berlin 1798 — 1800 mit 23 illum. Kupf. , endlich sein „Versuch einer Naturgeschichte" der Krabben und Krebse in drei Bänden mit 62 illum. Kupfertaf. Zürich, Berlin u. Stralsund 1782 — 1804 sind ausgezeichnet. Cai^l Gustav Jablonsky gab ein grosses Werk: „Na- tursystem aller bekannten in- und ausländ. Insecten" mit illum. Kupf. weiches Herbst fortsetzte. Berlin 1785 — 1806. Davon sind nur 202 iil. Kupfertaf. Käfer und 327 Kupfertaf Schmetterlinge erschienen. — Joh. Rud. Schellenberg beschäftigte sich so wie Stoll vorzugsweise mit Hemip- teren und gab die sehr schätzbaren Werke : „Das Geschlecht der Land- und Wasserwanzen in der Schweiz nach Familien geordnet mit 14 ill. Kupf. Zürich 1800, auch in lateinischer Sprache. Ausserdem auch Dipteren: „Genres de Mouches dipteres^' mit 42 ill. Kupf auch deutsch: „Gattungen der Fliegen"' Zürich 1S03 und „Entomologische Beiträge" Winterthur 1S02. Haben wir hiermit eine Anzahl wichtiger Männer genannt, welche diesem Jahrhundert gehörend, endlich schon in das XIX. Seculum ein- traten, so verspareu wir die Aufzählung derjenigen, welche in dieses län- ger hineinlebten, für eine Schilderung dieses Jahrhunderts. Wenn bereits mehrere der genannten Männer auch als Reisende aufgeführt worden, so sind noch folgende an ihre Namenreihe anzu- schliessen, durch deren Reisen die Wissenschaft Aufklärung fand. Für Reisen nach Asien: Peter Kämpfer in Lemgo 1651 geb., f 1716, reiste 5* 60 als Leibarzt mit dem schwedischen Gesandten Ludrv. Fabricius 1683 nach Persien, wo er länger blieb; dann auch Georgien und Amerika durch- suchte , später als Arzt mit nach der Küste von Arabien, nach Ceilon, Bengalen und Sumatra ging und nur 1689 ein Jahr in Batavia blieb. Dann besuchte er Siam und Corea, blieb in Japan zwei Jahre und kehrte 1693 nach Europa zurück um Leibarzt des Grafen von der Lippe zu bleiben bis er starb. Seine „Amoenitates exoticae" 1712 Lemgo mit 90 Kupfertaf. sind reich an Neuigkeiten für Zoologie und Botanik. — Augustio Lippl, geb. in Paris 1678, reiste unter Louis XIV. mit einei; Gesandschaft nach Aegypten, Nubien und Habessinien, wurde aber daselbst 1704 ermordet und seine gerettete Sammlung von andern be- schrieben. Richard Pococke, Bischof von Ossory berichtet über die Palme von Theben: Hyphaene coriacea und m. a. Gewächse in seinem Werk: Description of the East. London 1743 — 45. Friedrich Hasselquist in Ost- gothland geb. 1722, f 1752, Schüler Linnees , bereiste Aegypten und Palästina, starb aber in Smyrna und Liiine beschrieb seine Reise und die von ihm gefundenen Pflanzen im Jahr 1757. — Alexander Rüssel lebte in Aleppo, f 1768 und hinterliess sein Werk: The natural hisiory of Aleppo and parts adjacent. London 1756. ed. 2. von seinem Sohne Patrick Rüssel, London 1794, auch deutsch zu Göttingen 1798. — Joh. Mariü hatte acht Jahre lang in Asien gelebt und beschrieb auch Pflan- zen in seinem Viaggio per l'isola di Cipro e per la Soria e Palestina in 5 Bänden 1769 — 70 Florenz. — Carsten Niebiihr, geb. 1733, j 1815, reiste mit seinem ^e^laiiev Peter Forskol, geb. in Schweden 1732, f 1763 nach Aegypten und Arabien, wo letztrer starb und die Flora aegyptiaco ara- bica Havniae 111 A: und die Icones rerum naturalium das. 1776 durch Niebuhr erschienen und die Pflanzen dann durch Martin Vahl durch seine Symbolae botanicae 1790 — 94 genauer bestimmt wurden. — Jak. Jul. La Billardiere reiste 1787 nach Syrien und auf den Libanon und die Icones plantarum Syriae rariorum Paris 1791 , bieten die Resultate der Reise. In Folge des Feldzugs den Bonaparte in Aegypten bestanden, wurden durch seine Begleiter D etile , Savigny und Nectoux die Naturalien für das Denkmal des Feldzugs, die grosse Description de XEgypte, Eist. nat. Paris 1813 abgebildet und beschrieben, andere Inder Reise von Sonnini in Ober- und Nieder- Aegypten und in der von Benon. Das asiatische Russland erschloss Daniel Gottl. Messerschmidt aus Danzig, welcher aus Liebe für die Naturkunde 1716 nach Petersburg, von da 1720 nach Tobolsk ging, von wo er mit Stralenberg den Obi, Jenisei imd die barabinzische Steppe durchreiste, dann drei Jahre allein in Sibirien blieb , die Tunguska, Angara, Lena, den Irtisch und die davur- ischen, werchoturischen und altaischen Gebirge besuchte, worauf er 1730 in Petersburg starb, so dass erst Amman, J. G. Gmelin und Pallas seine Entdeckungen bekannt machen konnten. Ebenso wurden die von Gottl 61 Schober, einem von Peter I. an die Wolga, das kaspische Meer und das nordwestliche Persien gesendeten jungen Arzte gemachten Acquisitionen nicht von ihm, sondern von Lerche in den Nov. Act. nat. curios. V. app. beschrieben. Joh. Christ. Buxhaum (s. oben), geb. in Merseburg 1694, t 1730, gab seine .,Plantarum minus cognit. Cent. I — V. Petersburg 1728, heraus, welche dann bis 1740 nach seinem Tode erschienen. — Die Kai- serin Anna sendete Traug. Gerher und Heinzelmann 1732 in das östliche Russland. Jener ging an die Ufer des Don und der Wolga, sendete seine Flora von Moscau an Haller, wurde Feldarzt im finnischen Kriege und starb in Viborg 1743. Dieser besuchte den Ural, das Gebiet von Orenburg und einen Theil der Tartarei, Amman machte bekannt, was er gefunden. Ferner wurde der Däne Veit Bering , welcher 1728 nach Kamtschatka, den Fuchsinseln, Alaschka und der Nordwestküste Ameri- kas bis zur Beringsbai gesendet. Joh. Georg Gmelin in Tübingen geb. ' 1 709, welcher seit 1 727 in Petersburg lebte, Stephan Krascheninnikow und einige Künstler wurden nach Ostasien beordert. Nach fünf Jahren folgte ihnen Georg Wilh. Steller aus Weinsheim in Baden an der Berg- strasse. Sie segelten vom Peter Pauls Hafen nach den Fuchsinseln zur amerikanischen Küste und mussten dann auf der Beringsinsel bleiben, wo 1741 Bering starb. Steller erreichte den Peter Pauls Hafen im fol- genden Jahre, blieb in Kamtschatka, war der einzige Naturforscher, wel- cher die riesenhafte nach ihm benannte Seekuh, die Bhytine und einen Mammuthelephanten mit Fleisch und Haut und Haaren gesehen. Er starb zu Tjumen am Tura 1746 und Pallas machte das, was er entdeckt hatte, bekannt. Steller selbst gab nur die „Ausführl. Beschreibung von sonderbaren Meerthieren: Seekuh, Seebär, Seelöwe, Seeoiter mit Anm. und 1 Kupf. Halle 1753 und seine „Beschreibung von dem Lande Kamschatka" m. K. Frankfurt a. M. und Leipzig 1774. — J. G. Gmelin mit Gerhard Friedr. JJIüller und Ludw. de TIsle de La Croyere hatten unterdessen in Sibirien gearbeitet, sie durchreisten 1734 die Gegenden am Ob und Tom bis zum Lande der Kalmücken, 1735 die Districte jenseits des Baikal, 1736 und 37 die Ufer der Lena bis zum 62 o hinan. Im folgen- den Winter verzehrte eine Feuersbrunst alle von Gmelin gesammelte Schätze nebst seinen Büchern, Handschriften und seiner ganzen Habe in Irkutzk. Er erhielt endlich die Unterstützung von neuem zu sam- meln, besuchte 1730 den Jenisei und die Districte zwischen dem 51 und 66« N. B., ging 1740 an den Ob zurück, im folgenden Jahr in die ischimskische, barabinzische u. a. Steppen, 1742 nach Isetzkoi und die nahen Gebirge und kehrte nach zehnjährigem Aufenthalt wieder zurück. Er wurde Prof der Naturgeschichte in Petersburg, ging aber nach vier Jahren in sein Vaterland zurück, wo er 1755 starb. Johann Amman, geb. 1707, fl741, machte von seinen Entdeckungen vieles bekannt. Gmelins Flora sibiria in vier Foliobänden Petrop. 1747—69, enthält 400 Abbild. 62 und ist von hoher Wichtigkeit für die Kenntniss des Landes und seiner Vegetation. Von Catesby's Werk über Nordamerikas Vögel und Pflanzen war schon die Rede. Joh. Bapt. Labet, geb. 1667, f 1738; reiste als Domini- caner zur Verbreitung der katholischen Religion, beschrieb aber in sei- nem Noiweau voyage uux isles de l'Amerique Paris 1722 in sechs Bänden die vollständige Geschichte der Culturpflanzen , des Tabak, Indigo, Kakao, Orleans, des Zuckerrohrs und der Baumwolle. — Dasselbe that Brue für Afrika in seiner „Nouvelle relation de TAfrlque occidentale'' Paris 1728 in fünf Bänden, worin im zweiten Bande die Amyris Kafal, Oresceniia Cujete, Acacia vera, Intropha Manihot u. a. beschrieben werden. — Thomas Shaw, Theolog und Archäolog, reiste nach Aegypten, Nord- afrika und Syrien und seine „Travels or Observation s relating to several parts of Barbary and ihe Levant" Oxford 1738 verzeichnen an 632 von Dillenius bestimmte Pflanzen, worunter einige auf 6 Kupfert. abgebildet sind. — Diejenige Reise, welche eine Gesellschaft von Spaniern und Franzosen unter Anführung des Grafen Manrepas in das tropische Amerika im Jahre 1735 anstellte, um einen Grad der Breite unter dem Aequator zu messen und so die eigentliche Gestalt der Erdkugel be- stimmen zu können, wurde auch von Charles Maria de la Condamine, Bouguer und Godin als Astronomen und Feldmesser, dann von Joseph Jussieu als Botaniker und Morainville als Maler getheilt. Sie vereinigten sich zu Carthagena mit den Spaniern Georg Juan und Anton JJlloa, in deren Gesellschaft sie die Andesgebirge erstiegen. Jussieu musste lange als Arzt fungiren, 1747 begann er die Paramos allein zu durchwandern bis an die Quellen des la Plata, von wo er erst 1750 über Potosi nach Lima zurückkehrte, um nach Europa zu reisen, Avobei er geisteskrank wurde, indessen hat A. L. Jusvieu die durch ihn gesammelten Pflanzen erhalten. Condamine bereiste 1743 von Loxa aus die Ufer des Ama- zonenflusses und ging durch die ungeheueren Ebenen von Neu-Anda- lusien, Cumana und Carracas nach Cayenne : „Belation abregee. d'un voyage, fail dans finterieur de l'Amerique meridionale. Paris 1745. Die Cinchona Condaminea trägt seinen Namen, sowohl diese als die Siphonia Cahuchu lehrte er kennen. Ulloa und Juan durchreisten Peru und Chile nebst der Insel Juan Fernandez: „Belacion del viage, que hizieron. Madrid 1748 in vier Bänden. — Renatus Moreau de Maupertius reiste 1736 nach den Polargegenden um Gradmessungen anzustellen in Begleitung des Geist- lichen Oufhier, das „Journal d'un voyage au Nord/' Amstelod. 1746 ent- hält die naturhistorischen Ergebnisse. — Joh. Burmann, geb. in Amster- dam 1707, t 1780, bearbeitete das Herbarium, welches Paid //ermann, geb. in Halle 1640, f 1695 als Prof. in Leiden, aber acht Jahre lang Arzt bei der holländischen Factorei in Ceylon gesammelt hatte, nach seinem Tode erschien erst das „Museum ceylanicum" 1726, dann von Hermann der „Thesaurus ceilanicus" Amstelod. 1737 mit 110 Kupfertaf. 63 — Albert Seba in Ostfriesland, geb. 1665, f 1736 als Apotheker in Am- sterdam, brachte ein grosses Naturaliencabinet von Earitäten aller Welt- theile zusammen und verkaufte dasselbe an Peter I., sammelte dann eii^neues und beschrieb dieses in einem grossen Werke in 4 Foliobänden, „Locupletissinius rerum naturaUum. Thesaurus" Amstelod. 1734 — 65 mit 449 Kupfertafeln. Afrika wurde in seinem Norden von Renatus Besfontaines 1783— 85 bereist und seine Flora atlantica erschien 1800 in Paris. /. L. M, Poiret durchreiste Numidien 1785 — 86 und sein Voyage en Barbarie er- schien Paris 1789. — Dänemarks Consul P. K. A. Schousboe verdanken wir die Beobachtungen über das Gewächsreich in Marocco. Ch. Nicol, Sigisb- Sonnini de Manancour voy. dans la haute et basse Egypte erschien in 3 Bänden durch Tardieu. Paris 1799, Leipzig 1800. — Nächst dem früher erwähnten Bruce sind W. G. Browne' s „Travels in Africa'% London 1799, für das mittlere Afrika zu nennen. Michel Adanson blieb 4 Jahre am Senegal und seine Hist. nal. du Senegal, Paris 1757, lehrt zum erstenmale die genaue Kenntniss des nach ihm genannten Baobabbau- mes und vieler anderer Pflanzen so wie der dortigen Thierwelt. Pierre Sonnerat trug auch durch seinen „Voyage aux Indes orientales etc." s, diesen, worin er das Cap de bonne-Esperance, les Isles , de France et de Bourbon berührte, zur Kenntniss von Afrika Bedeutendes bei. Isert gab seine „Reise nach Guinea, Kopenh. 1790" und Vahl und Willdenow beschrieben die Pflanzen, die er entdeckt hatte. Adam Afzelius gab die „Genera plantarum guineensium, Upsal 1809. Palisot-Beauvois erschloss die eigenthümliche Flore dOware et de Benin. Paris 1805 — 10. Von Bruce war schon S. 57 oben die Rede. Südafrika hatte bei weitem die meisten Besuche erhalten und Peter Jonas Bergius, f 1790, Prof. in Stockholm, bearbeitete zuerst die Flora des Landes, nachdem Michael Grubb, Vorsteher der Ostdeutschen Gesell- schaft, die Gewächse gesammelt und mitgebracht hatte : Descript. plant, e capite bonae spei. Stockholm 1767. — Andreas Sparrmann war 1765 mit Capitän Gustav Ekeb er g in Ostindien gewesen und blieb 1771 u. 72, dann bis 76 am Cap, wo er für Zoologie und Botanik zugleich thätig war: Resa til goda hopps-udden. Stockholm 1783. Karl Peter Thunberg, des Jüngern Linnees Nachfolger in der Professur, lebte in Südafrika von 1772 — 78 unci bearbeitete nach seiner reichen Sammlung die erste aus- führlichere „Flora capensis in Lpsala nehst prodromus 1794 — 1800. Seine „Reisen in Afrika und Asien" erschienen auch deutsch Berlin 1792. Thun- berg hat zugleich in einer grossen Anzahl von Abhandlungen Insecten beschrieben. — Die Gärtner Boor u. Scholl wurden vom Kaiser Franz I. nach dem Cap und Isle de France gesendet und kehrten 1780 mit rei- chen Pflanzenentdeckungen zurück. — fVill. Patersons „Reisen in das Land der Hottentotten" gab Joh. Reinh. Forster Berlin 1790. — Peter Maria Broussonet, geb. 1761, f 1807, durchforschte die Canarischen Inseln und 64 theilte seine botanischen Sammlungen an Willdenow mit. — Pierre Poivre bis 1775 Statthalter auf den Maskarenen, Hess durch Sonnerat aus Neu- Guinea den Muskatnuss- und Gewürznelkenbaum dahin verpflanzen und legte einen schönen botanischen Garten auf Isle de France an. Sftine Sammlungen waren bedeutend, die von ihm gesammelten Vögel wurden von Brisson beschrieben. Sein Nachfolger in der Aufsicht des botani- schen Garten wadi Nicolaus von Cere f 1810, welcher ebenso die Botanik und die Botaniker forderte, wie er nur konnte. — Philibert Commerson zu Chatillon les Dombes geb. 1727, f 1773 auf Isle de France, legte in seinem Geburtsorte einen botanischen Garten an und gab auf Linnees Wunsch eine Ichthyologie des mittelländischen Meeres für die Königin von Schweden heraus. Er reiste 1767 mit Bougainville nach Südamerika und nach den Südseeinseln und Isle de France, wo er fünf Jahre lebte und zweimal nach Madagaskar. Seine Entdeckungen und sorgfältigen Untersuchungen dessen, was er entdeckt hatte, übertrafen alle Erwar- tung, er hatte über 5000 Arten Pflanzen gesammelt. Auch seine zoolo- gischen Sammlungen kamen an das Pariser Museum. Peter Osbeck, ein schwedischer Schiffsprediger, war einer der ersten, welcher Java und China besuchte: „Dagbok ösfer en ostindisk resa''- Stockholm 1757. — Was schon sein Vater, dann Outgaerden, Prijon und Lorenz Gar ein gesammelt hatten YQVQVixiQ Nie. Lorenz Burmann, geb. 1734, t 1793, Professor in Amsterdam für seine Flora indica Lugdb. 1768 mit 67 Kupfertaf. — Chriat. Friis Botthöll, geb. 1727, f 1797, Prof. in Kopen- hagen, beschrieb die meist vom Missionsarzt Joh. Gerh. König zu Tran- {[uebar mitgetheilten Gewächse mit Abbild. Havn. 1773. — Sonnerat ist schon oben erwähnt. — Will. Marsden gab eine „Hislory of Sumatra" Lond. 1784 und Jac. Cornel. Matth. Bademacher, geb. 1741, f 1783, als Rath der Ostind. Gesellschaft die erste Aufzählung der Pflanzen, welche sich auf Java gefunden, in holländischer Sprache Batav. 1780 — 82. — William Jones, f 1 794, ein Richter in Bengalen, gab seine Bemerkungen über indische Pflanzen in den Asiatic researches. — Will. Boxburgh's Prachtwerk : „Ptants of the coast of Coromandel" erschien in drei grossen Foliobänden in London 1795. .foh. de Loureiro, Missionär aus Lissabon lebte lange in Cochinchina und in Mozambique und Hess nach seiner Rückkehr die „Flora cochinchinensis" in zwei Bänden üllyssipona 1790, dann wieder in Berlin 1793 erscheinen. — Franz Buchanan, Begleiter des Mich. Symes , auf seiner Gesandtschaftsreise nach Ava botanisirte fleissig und Joseph Banks gab die Abbild, und Beschreibung der Pflanzen : .Ircount of an embassy to the kingdom of Ava. London 1800. Carl Peter Thunberg (s. oben S. 63) brachte das Jahr \ 776 in Japan zu und hat mit grösster Mühe die Naturgeschichte dieses merkwürdigen Landes erforscht: „Voyage au Japon etc.'' ed. fr. Paris 1796. „Flora ja- ponica" Lips. 1784 mit 40 Kupfertaf. — Graf Alexis Razvmofsky unter- stüzte naturhistorische Reisen im russischen Reiche. — Pet. Simon Pallas, fi5 geb. in Berlin den 22. Sept. 1741, f das. 1811 d. 8. Sept., Akademiker und Inspector des K. K. Naturaliencabinets in St. Petersburg, bereiste die entlegeneren Districte des russischen Keichs von 1770 bis 1773: „Reisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reichs^' in 3 Theilen, Petersburg 1771 — 76 mit 104 Kupfert. dann „Bemerk, auf einer Reise in die südl. Statthalterschaften des russ. Reichs'^ in zwei Bänden Leipzig 1799 — 1800; ferner: „Flora rossica" zwei Bände Petrop. 1784 und 88, Fol. mit 100 illustr. K. und „Illustrationes plantarum minus cognitarum" Lips. 1803 vorzüglich Salzpflanzen der Steppen. Noch thätiger Avar Pallas als Schriftsteller für Zoologie aller Classen. So für die Phytozoen : „Characteristik der Thierpflanzen etc." herausgegeben mit Anmerk. von Chr. Fr. Wilh. Wilkens von /. F. W. Herbst mit 27 Kupfert. in 2 Theilen Nürnberg 1787, dann die „Icones insectorum" mit 8 illum. K. Erlangen 1781. Die „Miscellanea zoologica" mit 14 Kupf. Haag 1766 und Lgdb. 1778. Die „Spicilegia zoologica" mit 58 Tafeln in zehn Heften. Berlin 1767 — 74. yNovae spec. quadruped. e glirium ordine" mit 39 Kupfertaf. Erlangen 1778 — 79 und 1784. Höchst ausgezeichnet und wegen seines reichen Inhaltes wichtig ist die „Zoographia Rosso-Asiatica" in 3 Bänden, welche sich über die Wirbelthiere dieses grossen Reiches erstrecken. Petrop. 1811 u. 1831. Von den dazu gehörigen Icones sind nur sechs Hefte erschienen. Er begann seine Laufbahn mit einer „Dissertatio de infestis viventibus intra viventia" Lgdb. 1769. Pallas bleibt für alle Zei- ten ein erhabenes Muster als naturforschender Reisender, als sammeln- der, beobachtender, beschreibender und bildlich darstellender Naturfor- seher. — Samuel Gottlieb Gmelin reiste am Don hinauf, nach Astrakan, an die südl. Küsten des kaspischen Meeres, ging nach Zarizin und im folgenden Jahre in das nördliche Persien, wo er verdächtig wurde und sein Leben im Kerker beschloss. „Seine Reise durch Russland" in vier Bänden 1770 — 84 giebt für Naturkunde geringe Resultate. — Joh. Gottl Georgi reiste als Akademiker in Petersburg mit dem Schweden Johann Peter Falk, geb. 1730, f 1774, welcher aber aus Melancholie in Kasan sich selbst tödtete, und dann mit Pallas an den Ural und nach Südsibirien : „Bemerkungen einer Reise im Russ. Reiche, Petersburg 1775, nebst einer Flora des Baikal-See." — Johann Anton Güldenstä dt in Lief land geb. 1745, 1 1781, Akademiker in Petersb., bereiste die Krimm : „Reisen durch Russ- land und im caucasischen Gebirge, herausgegeben von Pallas in zwei Theilen. Petersb. 1787 und 1791.— Karl Ludwig Hablizl aus Preussen, später Oekonomie-Aufseher in Taurien, war im Norden Persiens gereist und S. G. Gmelin beschrieb seine Pflanzen. — hvan Lepechin, ebenfalls Akademiker in Petersburg, bereiste den Nordwesten von Russland in Europa wie in Asien und gab ein „Tagebuch der Reise durch verschie- dene Provinzen des missischen Reichs" in drei Theilen. Altenburg 1774—83. — Erich Laxmann, 11796, Prediger in Kolywan, machte neue Pflanzen in den Nov. commentat. Petropolit. bekannt. — Joh. Sievers be- 66 schreibt in Briefen an Pallas ächte Rhabarber und andere Gewächse Mongoliens, wonach sie von letzterem in den Nordischen Beiträgen ver- öffentlicht wurden. — (jvai Apollo Musnin-Puschkin, f 1805, reiste in der Krimm 1800 und 1801 und verbreitete durch Exemplare und Saamen die Kenntniss vieler dortigen Pflanzen. — Das Ausgezeichnetste für die Krimm lieferte Friedr. Freih. Marschall von Dieherstein nach eigenen For- schungen auf Reisen und nach den Mittheilungen insbesondere von Hahlizl, Helm, Londes, Redorvsky, Salesow, Steven, Tauscher u. A. in seiner .^Beschreibung der Länder am Kaspischen Meere, Frankfurt 1800," vor- züglich aber nach seinen 1798, 1802 u. 1805 angestellten Reisen in der Krimm durch die „Flora iaurico-caucasica" in zwei Bänden 1808, wozu noch später als Suppl. ein starker dritter Band erschien. Amerika. — Joh. Claylon, Arzt in Virginien, sendete die von ihm gesammelten Pflanzen an Joh. Friedrich Gronovius, geb. 1690, f 1762, Kurator in Leyden, welcher darnach seine „Flora virginica" Lgdb. 1743 in zwei Bänden herausgab. Theodor Lorenz Gronovius, Sohn des vorigen, gab dieselbe 1762 wieder heraus. — Mitchell und Golden sammelten um Neu-York und Linnee, welcher die Pflanzen erhielt, machte sie 1743, 44 bis 50 in den Act. Upsal. bekannt. Auch Coldens Tochter Miss Jenny hinterliess, f 1754, eine Flora von Neu-York mit Abbildungen, welche durch Wangenheim Baidinger und von diesem Joseph Banks erhielt. — Peter Kalm aus Finnland, geb. 1715, f 1779, später Prof. in Abo, wurde nach Nordamerika gesendet um den rothen Maulbeerbaum für Einführ- ung des Seidenbaumes zu holen. Er lebte 1747 — 49 in Pensylvanien, Neu-York und New-Yersey und theilte seine Entdeckungen an Linnee mit. Seine Reise beschrieb er in schwedischer Sprache, Stockholm 1753 in drei Bänden. — Joh. Bartram reiste an die Canadischen Landseen und gab „Ohservations, made in his travels^^ London 1751. — Pet. Franz Xaver Gharlevoix , geb. 1684, f 1761, Missionär der Jesuiten zu Quebek hat in der „Histoire et descript. gen. de la nouvelle France" in drei Bän- den, erschienen in Paris 1744, auch die dortigen Naturprodukte genannt. David Crantz, Missionär der Herrnhuthcr, gab eine Historie von Grön- land, wohin er geschickt worden. — Friedr. Ad. Jul. v. Wangenheim, preuss. Oberforstmeister, war in Amerika gewesen und machte besonders die dortigen Waldbäume durch seine Werke bekannt. — Thomas Walters Flora Caroliniana Lond. 1788, Humphry Marshalls Arbustum americanum Philad. 1785 und Ludw. Castiglioni's Yiaggio negli stati uniti dell' Amer. settentrionale" in zwei Bänden, Milano 1760, enthält ebenfalls natur- historische, insbesondere botanische Beiträge. — Heinrich Mühlenberg, t 1815, Prediger in Lancaster'in Pensylvanien, hat eine Menge von Pflanzen in Nordamerika gesammelt und an Botaniker vertheilt, er selbst gab ein Vferzeichniss seiner Flora heraus, Lancaster 1813. — William Bartra?n's (Sohnes von Joh. Bartram) : Travels through North- and Sud- Carolina. Philad. 1791. — Bavid Schöpf: Reise durch die nordamerika- 67 nischen Staaten, Erlg. 1788 und ArcMhaU Menzies als Begleiter des Capit. Georg Vayicovver in den nördlichen Theil des stillen Meeres, wo er Pflanzen sammelte und diese in den Transact. of Linn. Soc. beschrieb, vermehrten die Kenntnis s der Natur jener Länder. Weslindien wurde von Grifflth Hughes, einem Geistlichen auf Barba- does durch seine „Naturai history of Barhadoes^ London, 1750 fol." er- schlössen. — Der Irländer Patrick Browne hat nach ihm mit grossem Fleisse und tieferer Sachkenntniss beobachtet und unermüdet gesammelt und seine „Civil and natural history of Jamaica. London, 1756" ist ein ausgezeichnetes Werk. — Nicolans Joseph von Jacquin wurde vom Kaiser Franz I. mit dem Gärtner Richard van der Schot im Jahre 1754 nach Westindien gesendet und sammelte daselbst für den Garten zu Schoenbrunn bis 1759. Sieben Schiffsladungen Gewächse kamen aus Curassao und den westindischen Inseln und noch überdies Sendungen durch Boor, Bredemeyer und Marter aus Florida, Carolina u. a. ameri- kanischen Ländern im Jahre 1784. Bredemeyer und Schacht wiederhol- ten die Reise und kehrten 1788 mit neuen Resultaten zurück. Die „Enum. syst, plant, quas in insulis caribaeis detexit Lgdb. 1760" , die ,,Selectarum stirpium americanarum historia Vindoh. 1763 fol." und die „Ob- servat. botaiiicae" in 4 Bänden Vindob. 1764—71 in Fol., endlich der „Hortus Schambrunnensis" in 4 Fol.-Bänd., Vind. 1797 geben Zeugniss von diesem Reichthume. Ebenso schuf Jacquin Denkmäler für den Garten in Wien, den „Hortus botanicus Vindob onensis" in 3 Fol. Bänden. Viennae schon 1770 — 76, die drei grossen Foliobände der Icones plan- iarum rariorum Vienn. 1781 — 95 und Collecianea üd botanicam et zoologiam spectantia in 4 Bänden Vienn. 1786—96. Olaiis (Olaf) Swartz, geb. in Stockholm 1760, f 1817, Professor in Stockholm, war gleichfalls in Westindien von 1783 — 87 und gab die „Nova genera et spec. plant. Holm 1788. Die Observat. bot. Erlang. 1791. Die Flora Indiae occidentalis m 3 Bänden. Erlang. 1797 — 1806, die Orchideae in den Act. Soc. sc. ups. Stockh. Abhandl. und Schraders Journal 1799. Die Synopsis filicum er- schien erst 1806. Südaynerika. Pierre Barrere, f 1 755, gab eine Untersuchung „Sur la cause physique de la coideur des negres etc." Paris 1741, und einen „Essai sur Thist. nat. de la France equinoxiale." Paris 1741 zum erstenmale die Naturalien von Guiana betreffend. — Peter Löfling 1729, f 1756, ein Schüler Linnees, wurde von der spanischen Regierung durch den Mini- ster Carvajal nach Cumana und Guiana gesandt, starb aber daselbst und Linnee beschrieb seine „Resa til spanika landerna." Stockholm 1758. — Berühmter Avurde das Werk des Apotheker Fusee Aublet, welcher 1762 — 64 mit grossem Fleisse in Guiana gesammelt und beobachtet hatte. Seine „Histoire des plantes de la Guiane Francoise" besteht aus vier Quartbänden und enthält 392 Kupfert. mit deutlichen Darstellungen der Pflanzen. Paris 1775. — Geringer sind die Beiträge, welche Bottboell 68 in seinen „Descript. plant, rar. Havn. 1776." gegeben. — Donwiico Van- delli erneute wieder die Erinnerung an Brasilien durch seinen „Fascicu- lus plantanim. öhjssip. 1771. — Giov. lynaz Molina eröffnete durch sein .,Compendio della storia geographica naturale e civile del regno del Chile'' mit 10 Kupf., Bologna 1776, und seinen „Saggio siilla storia naturale del Chile, "^ mit 7 Kupf. Bologna 1782, die Kenntniss dieses merkwürdigen Landes und erregte dafür so viele Theilnahme, dass diese Berichte in mehreren Sprachen bearbeitet wurden, auch deutsch : „ Versuch einer. Äatur^ geschichte von Chili'''' übersetzt von /. T). Brandis. Leipz. 1786. — Jos. Cölestin Mutis, geb. in Cadix 1734, f 1809 auf Santa Fe de Bogota, hatte schon an Zmnvards\)\. 105., Bloch, a. a. O. i.\., Schoepff. t. Yll. Shaw. HI. pl. 7. Schinz t. 0. Holbrooke pl. H. Schild hochgewölbt, stark, ganzrandig, Randplatten 2.5; Sternum oval; mit 1 2 Platten durch Scharnier quer zweiklappig, beide Klappen in der- selben Achse beweglich, unter einander so wie mit dem Schilde durch ein elastisches Zellgewebe verbunden, Vorderbeine mit 5. Hinterbeine mit 4 Nägeln. — Kopf länglich, schmal, Oberkiefer vorn breitliakig. Schild in der Farbe sehr veränderlich, unter hundert kaum zwei ganz gleich. Schwarzbraun oder fast sch^varz, Zeichnung hochgelb , mannig- faltig gefleckt und geschnörkelt; fast strahlig. Unterseite gelb, die Quernäthe schwarz gewölkt, bisweilen nimmt das Schwarz mehr über- hand und überwiegt sogar das Gelb. Kopf und Beine aus braun mehr oder minder gelb, letztere mit gelben Schuppen. Schild 6V2", breit 41/2"; Höhe 23/4", Sternum 5" 10'" — Sie wurde zuerst im Jahre 1751 von Edwards als „Land tortoise from Carolina" in seinen ;;Gleanings pl. 205" abgebildet und beschrieben. Er erhielt sie lebendig und sah auch eine Dose in Silber gefasst. wie er vermuthete aus dieser Species gefertigt. Baron von Bloch in Dresden beschrieb sie zuerst in Deutsch- land in den Schriften der Berl. Naturf. VH. p. 131. mit Abb. Als Dosenschildkröte und unter derselben Bedeutung bildeten die Englän- der den Namen Box-torloise und Bonaparte den Gattungsnamen „Cis- tudo" aus cista DosC; und Testudo Schildkröte durch eine Syncope. Die Amerikaner und Engländer nehmen es bekanntlich mit der Richtigkeit der alten Sprachen nicht so genau und haben sich gewöhnt Cistuda zu schreiben, welches Wort es nicht geben kann, da es unsinnig ist. Sie ist von einer Grenze der vereinigten Staaten bis zur andern verbreitet. Sie frisst Insecten in den Wäldern, z. B. Heuschrecken und Pilze, Cla- varien. In der Gefangenschaft nimmt sie alles an, auch Semmel und Brod, Obst und Kartoffeln. Ich hielt sie mehrmals lebendig und habe mich gleichfalls überzeugt, dass die Gattung unter die Landschildkröten 96 gehört! In ein Bassin gesetzt, bestrebte sie sich, sich sogleich wiedex vom nassen Elemente zu befreien, stieg heraus und begann auf dem Boden schneller zu laufen. Gegen den Winter grub sie sich in die Erde. An dem letzten Exemplare, welches ich vor zwei Jahren leben- dig besass, habe ich eine mir neue Beobachtung über Seelenleben und Affecte dieser Tliiere gemacht. Das Exemplar war erwachsen und liei während der kühleren Jahreszeit in meiner Stube herum, wo ich noch ein ausgewachsenes Exemplar von Tesiudo graeca herumlaufen Hess, welches wenigstens noch zweimal so gross war, als jene Cistudo. Sit; frassen hier gewöhnlich Blätter von Taraxacum, Crepis biennis oder Sallat. Während ich ruhig arbeitete hörte ich oftmals ein Klopfen, wie die Töne eines kleinen Hammers, ohne sogleich die (Jrsache entdecken zu können. Es wiederholte sich öfterer, und wurde dann auch, beson- ders wenn die Sonne in die Stube schien, vor meinen Augen geübt. Das Manö/cr war höchst interessant, es bestand in einem feindlichen Angriffe der kleinen amerikanischen Cistudo auf die grosse Testudo graeca aus Algier, ich bemerkte nämlich öfter, dass jene mit einer gewissen Wuth auf das grosse Thier losschritt, in dessen Nähe sich so aufstellte, dass sie auf die Mitte ihres Seitenrandes lossteuerte, hier angelangt den Kopf einzog, auf den Vorderbeinen sich emporhob und aus de;- Entfernung von etwa einem Zoll nunmehr in der Weise, wie die rönii sehen Mauerbrecher, mit dem Vordertheile ihres Schildes auf den Mit- telpunkt des Seitenrandes jener losstiess und diese Stösse zehn- bi."^ zwölfmal wiederholte. Dies interessante Schauspiel wiederholte sich nun alltäglich und viele meiner Freunde haben es mit angesehen, bis die kleine vielleicht mit vor Aerger über die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen starb. Von Testudo graeca kann ich versichern, dass einzelne Exem- plare bei mir sich im botanischen Garten eingruben und im Frühling, als die Syngenesisten ausgetrieben hatten, wieder hervorkamen, um sich von deren Blättern zu nähren. Sie wanderten Aveit im Garten umher, aber gewöhnlich immer auf derselben Bahn und fanden sich auch meist immer wieder, sobald die Sonne nicht schien oder es kühler wui'de, unter einer und derselben breitblättrigen Pflanze versteckt. Auch in der Stube nahmen sie täglich denselben Weg und eine hielt ihren Posten auf einer Thürsclnvelle, wohin sie gewöhnlich wieder zurückging, wen)i sie entfernt worden war. Cistudo Blandingii Holbrook pl. III. Kopf massig, Oberkiefer vorn ausgekerbt, Unterkiefer kurzhakig. Schale rundlich-länglich, glatt, ungekielt, ganzrandig; Sternum vom ganz, hinten ausgekerbt, zweiklappig, Hinterklappe ein wenig grösser. Schild 8", breit 5" 4'", Sternum l^k", Höhe 3 ", Schwanz l'^ji" . Reinschwarz, jedes Schild mit einer grossen Menge kleiner gelber Flecken versehen, welche fast in concentrische Kreise geordnet erscheinen. Brustschild 97 iielb, auf dem Unterrande einer jeden Tafel ein grosser schwarzer, zaekig begrenzter Fleck. Kopf und Beine schwarz, gelb punktirt, Un- terkinnlade , Kehle und Unterhals gelb. Lebensweise wie bei voriger Art auf dem Lande, doch auf Wiesen und Prairieen, und bisher nur im Staate Illinois und im Districte von Wisconsin gefunden, wo sie häufig ist. Holbrooke erhielt sein Exemplar vom Fuchsflusse, einem Nebenflusse des Illinois. Dr. William Blanding in Philadelphia hat sie zuerst beobachtet. Sie kann ihr Schild nicht so vollkommen schlies- sen, als Cistudo clausa, und gehört zu der andern Gruppe der Gattung, welche Jjumeril und Bihron „hiantes" klaffende genannt haben. — Manche weitere Bemerkung über Schildkröten, von den auch jetzt einige afrikanische Emys im Gewächshause des botanischen Gartens glücklich den Winter durchlebt haben, versparen wir für ein anderes Mal. Nächstens folgt auch der Bericht eines andern unserer Mitglieder, des Herrn Dr. Matthes, welcher ebenfalls nach thätigem Beobachten und sorgfältigem Samm.eln in anderen Theilen Amerikas kürzlich zu uns zurückgekehrt ist. lieber die Wirkung; gewisser technischer Etablissements auf die Atmosphäre, wie auf das Leben des Pflanzen- und Thierreichs, auf zahlreiche Beobachtungen und Untersuchungen begründet von Julius Sussdorf, Lehrer der Physik und Chemie an der mit der K. chir. medic. Akademie verbundenen K. Thierarzneischule in Dresden. Die Athmosphäre ist der Sammelplatz aller gasförmigen Eshalatio- nen, sie mögen ausgehen von den Vorgängen im Innern der Erde oder )uÖgen auf der Oberfläche derselben auf natürlichem oder künstlichem AV^ege erzeugt werden. Es sind hier ganz besonders diejenigen von Wichtigkeit, welche sowohl bei Zersetzung organischer, vorzüglich ani- malischer Materien, bei Fäulniss, Verwesung u. s. w., entstehen, als auch diejenigen, welche von dem Betriebe technischer Etablissements und häusslicher Operationen auszugehen pfleger^. Beide würden sich in vielen Fällen für das Leben als nachtheilig bewähren, wenn sie in der Atmosphäre sich anhäufen könnten. Dem wird aber gewöhnlich vorgebeugt, theils durch die chemische Wirkung des Sauerstoffs in der Luft unter dem Einflüsse des Lichts und der Feuchtigkeit, wodurch vorzüglich diejenigen oxydirt und unschädlich gemacht werden, welche von organischen Zersetzungsprozessen herrüh- ren, oder welche keine Oxyde oder niedrigere Oxyde sind, theils durch AUg:. deutsche naturhist. Zeitung-. I. 8 98 die fortwährenden wässrigen Niederschlagungen in den verschiedensten Formen aus der Luft, welche vorzugsweise die fremden Gase absorbiren und so auf die Oberfläche der Erde und aller darauf befindlichen Gegen- stände sich niederschlagen, welche Reinigung der Atmosphäre schon bekannt ist, aus dem erfrischenden und reinem Zustande derselben nach kräftigem Regen. Es besitzt dieselbe demnach in sich selbst die Be- dingungen zur fortwährenden Entfernung solcher Stoffe, aber aus jenen Niederschlagungen erwachsen anderweite Nachtheile, welche unter ge- wissen Umständen bedeutungsvoll werden. Entstehen nämlich dergleichen fremde Gase ununterbrochen an einem bestimmten Orte, so verbreiten sich dieselben zwar bis zu einer gewissen Hohe und bis zu einem gewissen Umkreise in der Atmosphäre, werden aber deshalb auch fortwährend in einem bestimmten Umkreis auf die Oberfläche der Erde niedergeschlagen. Solche ununterbrochene Quellen sind gewisse technische Etablisse- ments, wie Coaksöfen, Hohöfen, Rost- und Metallschmelzöfen, Arsenik- hütten, Sodafabriken u. s. w., indem bei ihrem Betriebe theik gro&se Mengen saurer Dämpfe, wie schweflige Säure, Chlorwasserstoff, theils metallische Dämpfe, wie von Arsen, Antimon, Zink, Blei u. s. w. in die Luft treten, deren schädliche Wirkung auf Pflanzen und Thiere wie bei Arsenikhütten längst gekannt ist. Ganz besonders gehört hierher auch die schweflige Säure, welche überall da in Betracht kommt, wo schwefelkieshaltiges Brennmaterial, wie die fossilen Kohlen, zu häuslichen und technischen Zwecken ver- wendet wird, noch viel mehr aber, wo Schwefelmetalle zum Zwecke der Gewinnung der Metalle zur möglichst vollkommenen Entfernung ihres Schwefelgehaltes geröstet und die dabei entstehende Säure nicht con- densirt wird, sondern ihren Weg frei in die Atmosphäre nimmt. Im ersteren Falle, bei der Benutzung von fossilen Kohlen als Brenn- material oder zur Coakserzeugung werden gewiss nicht unbedeutende Mengen schwefliger Säure erzeugt, allein dieselbe macht wenigstens ihre nachtheilige Wirkung nicht so schnell empfindlich, wie im letzte- ren Falle. Dies kommt jedenfalls daher, dass sie gleich bei ihrer Ent- stehimg in einer viel grösseren Masse von Luft vertheilt, also sehr ver- dünnt einer viel weiteren Verbreitung in der Atmosphäre fähig sind und sich deshalb auch nicht so rasch und auf einem verhältnissmässig grösseren Kreis niederschlagen, als in den Fällen, wo dieselbe in so grossen Massen und bei ihrer Entstehung nicht so verdünnt auftritt, wie bei den Rösthütten. Im letzterm Falle macht sich ihre Wirkung natürlich viel schneller und spezifischer wahrnehmbar, als im ersteren, allein auch hier wird sie, wenn auch erst nach langen Jahren nicht ausbleiben, wie dies auf dem Kohlengebiet Lyons ersichtlich, in welchem die Vegetation weit und breit auf vorher cultivirten Ackern eingegangen, veranlasst durch 99 die gewaltigen Rauchwolken, welche die zahlreichen CoaksÖfen ununter- brochen ausspeien. Treten nun hierzu noch Metalldämpfe; so werden die dadurch ver- anlassten Uebelstände doppelt sein und diese Verhältnisse sind recht deutlich ersichtlich aus den Umgebungen der Hütten im Muldenthal bei Freiberg. Die Dämpfe, welche bei den Rost- und Schmelzprozessen in Hals- brück, als auch bei Hilbersdorf entströmen, bezeichnet man mit dem Namen des Hüttenrauchs, und sind dieselben gebildet aus schwefliger Säure, hin und wieder etwas Chlor und Chlorwasserstoff und von Me- tallen aus Arsen-, Blei-, Zink-, Antimon- auch Kupfer- Verbindungen. Ehe ich aber die Wirkung derselben auf Pflanzen und Thiere be- leuchte, will ich das Wesentliche über die Menge und Entstehung der- selben angeben. I. Entstehung- und Quantität des Hüttenrauchs. Den besten Ueberblick und eine wichtige Einsicht über die Quellen und die Menge der durch den Hüttenrauch fortgeführten Stoffe wird man gewinnen, wenn man einen näheren Blick auf die Grösse und technische Anlage dieser Hütten wirft, wovon mir genauere Mittheilun- gen über die Hilbersdorfer Hütten zugegangen. Im Jahre 1853 sind daselbst nahe an 200,000 Centner Erze zur Verarbeitung gekommen, und im Jahre 1854 glaubt man, dass dieses Quantum wenigstens erreicht, wenn nicht überschritten wird, und da überhaupt diese Werke in der Production im Zunehmen begriffen, so kann man das jährlich zur Verarbeitung kommende Quantum wohl mit 200,000 Centner annehmen. Die zur Verwendung kommenden Erze sind wohl fast ausschliess- lich Schwefelverhindunfjen, und zwar meist Bleiglanz, welcher 13 oy^ Schwefel enthält, während alle übrigen Gattungen von Erzen nie dar- unter, stets aber höher und dies oft beträchtlich im Schwefelgehalt stehen, da gerade der Blei- und Silberglanz die an Schwefel ärmsten Erze sind. Nimmt man nun die Menge des gesammten Schwefel in den Erzen, me sie zur Verröstung kommen, nur zu 10 "/o an, so ergiebt sich dar- aus, dass in obiger Quantität 20,000 Centner Schwefel enthalten sind. Dieses Quantum muss aber bis auf kleine Mengen durch den Röst- prozess entfernt werden, und zwar unter Vermittelung des Sauerstoffs der Luft, welche denselben zu schwefliger Säure verbrennt, welche aus obigem Quantum bei vollständiger Verbrennung 40,000 Centner trock- nes Gas betragen würde, die der dortigen Atmosphäre in einem Jahre sich beimengend auf einen verhältnissmässig kleinen Kreis von zwei Stunden im Durchmesser sich niederschlagen Avürde. Bei einer regel- mässigen Entstehung und Ausbreitung würden alsdann täglich fast 100 genau HO Ctr. in die Luft treten. Es verwandelt sich aber unter dem Einflüsse des Sauerstoffs und der Feuchtigkeit die schweflige Säure in Schwefelsäurehydrat ^ wobei sie an Gewicht um 50*'/o zunimmt, so- dass täglich alsdann 165 Centner Schwefelsäurehydrat entstehen könn- ten, die nun im dortigen Umkreis auf Erdoberfläche, Pflanzen und Thiere wirkten. Diese Masse kann in ihrer schädlichen Wirkung bei einer ziemlich bedeutenden Ausbreitung so wenig überraschen, dass es fast unnöthig erscheint, nach einem weiteren Grund für die vielen Uebelstände zu suchen, und wenn in der That nur ^/lo jener Menge täglich zur Wirk- ung käme. Von dem Eintritt der Salzsäure in die Atmosphäre will ich gänz- lich absfehen, da wenigstens auf den Hilbersdorfer Hütten nur sehr ver- einzelt Kochsalz beim Rösten der Silbererze zugesetzt wird, während dies wohl in Halsbrück mehr betragen möchte, von welchem Hüttenwerk mir aber keine Zahlen bekannt sind. Wir werden dieser Salzsäure zwar später und in nicht unbedeutender Quantität in den Futteranaly- sen wieder begegnen, aber wahrscheinlich als secundäres Erzeugniss. Wie viel wohl ohngefähr von Arsenik und anderen flüchtigen Me- tallen in die Luft treten, kann wohl auch nicht einmal annähernd an- gegeben werden, allein ihre Mengen können nicht so unbedeutend sein, wenn man berücksichtigt, dass Arsenik in allen dortigen Erzen auftritt und dass nur ein kleiner Theii der an Arsenik reichsten in den Gift- hütten verarbeitet 'wird, während alle anderen Erze ihren Arsenikgehalt durch Röstung zum grössten Theil verlieren, und so derselbe in die Luft tritt, wie sich auch schon aus dem starken Knoblauchgeruch in den dortigen Hütten und deren Gehöften bis über die äussere Verzäum- ung ergiebt, der dem Fremden natürlich sehr auffällt, was bei den dort beschäftigten Personal nicht scheint. Am meisten ist nun das Auftreten solcher Metalle in dem Hütten- rauch auffallend, welche sehr schwer flüchtig sind, wie etwas Kupfer, vorzüglich aber die grossen Mengen von Blei. Dass diese Metalle nicht beim Röstprozess, also nicht gleichzeitig mit der schwefligen Säure in die Luft treten, geht schon daraus her- vor, dass die Rösttemperatur, welche nicht einmal eine Schmelzung der Rösterze herbeiführen darf, viel zu niedrig ist, als dass eine Verflüch- tigung solcher Metalle eintreten könnte. Die Quelle für diese im Hüttenrauch kann demnach nicht im Röst- prozess liegen, wohl aber in dem. Nicdersc/imelz- und Abtreibungsprozess des Bleies, wo eine sehr bedeutende Glühhitze (bei einer Beschickung von 600 Centner Glätte auf 24 — 36 Stunden), andauernd auf das Blei einwirken muss, so dass dieses in gar nicht unbedeutender Menge sich verflüchtigen wird, wenn man eben bedenkt, wie das Blei z. B, vor 101 dem Löthrohre bei einer gewiss nicht höheren Temperatur, als in jenen Oefen. sich gar nicht schwer verflüchtigt. Die aus den Oefen austretenden Bleidämpfe werden an der Luft sich ebenfalls schnell oxydiren und dann, mit der schwefligen und Schwefelsäure zusammentreffend, sich sehr bald wegen ihrer Schwere mit den übrigen Metalldämpfen niederschlagen. Die Quellen für die am schädlichsten wirkenden Säuren und für die Metallverbindungen sind demnach getrennt, welches wohl für eine mögliche Abstellung der Uebel- stände von Wichtigkeit ist. Die Röstung der Erze geschieht aber in zwei verschiedenen Ein- richtungen, theils in Flammenröstöfen, theils in offenen Haufen zwischen Mauern und über einen Rost mit Brennmaterial ausgebreitet, den so- genannten Stadeln. Den Aussagen der benachbarten Bewohner jener Hütten beklagen sich dieselben vorzugsweise über die Nachtheile des Hüttenrauches, welcher aus letzteren aufsteigt, und haben eine gewisse Furcht vor einem neuen Brand, d. h. dem Anstecken neuer solcher Haufen. Es scheint mir dies auch einerseits durch die Erscheinung des Hüt- tenrauchs, andererseits in Berücksichtigung der verschiedenen Wege desselben aus beiden Oefen begründet zu sein. — Die Dämpfe nämlich, welche aus den offenen Haufen, die der Erde fast gleich sind, aufstei- gen, kühlen sich beim Austritt sofort durch die umgebende Luft ab, werden dadurch dichter, schwerer, weshalb sie als ein viel undurchsich- tigerer Qualm erscheinen, und verlieren so die Fähigkeit, höher in die Atmosphäre zu steigen und sich so weiter zu begeben : sie ziehen sich daher im Thale und an den Abhängen hin, schlagen sich hier in sehr concentrirter Form nieder, so dass man in naher Umgebung einen weis- sen Anflug an der Erdoberfläche und den Pflanzen deutlich und oft mit der Loupe krystallinisch wahrnimmt, und »theilen sich so sehr schnell allen Gegenständen, zumal wenn diese feucht sind, oder die Pflanzen mit Thau beschlagen sind, mit, weshalb eine schneller störende Wirk- ung dadurch veranlasst werden kann. Die Dämpfe dagegen , welche aus den Flammenöfen durch einen mehr oder wenig hohen Schornstein in die Atmosphäre treten, haben eine höhere Temperatur und gewisse Geschwindigkeit, in Folge welcher sie sich höher in die Luft ausbreiten durch ihr längeres Streben in die Höhe zu steigen, sich daher auch nicht so schnell und dicht und auf einem weiteren Umkreis niederschlagen. II. Wirkung- des Hüttenrauchs auf die Pflanzen. Es giebt nur zwei Wege, auf denen diese Bestandtheile des Hütten- rauchs in die Pflanzen gelangen, einmal durch das Wasser des Bodens, welches dieselben aufj^elöst den Wurzeln zuführt, andererseits durch 102 Auflegen derselben auf die Oberfläche der Pflanzen und allmäliges Ein- dringen, welche Wirkung des Befüllens ganz besonders nachtheilig wird, aber die Empfindlichkeit und Empfänglichkeit der Pflanzen ist verschie- den, je nach den dabei mitwirkenden Witterungsverhältnisscn , dem Alter und der Art der Pflanzen. A. Wirkung beim Befallen bedingt 1) durch Witt er Imgsverhältnisse. ' Streicht der Hüttenrauch bei trocknem Wetter und über die trockne Oberfläche der Pflanzen, so scheint nur sehr wenig haften zu bleiben, indem sich derselbe M^eiter nach oben und seitwärts ausbreitet und so nicht so schnell sich niederschlägt, Aveshalb alsdann die Pflanzen nicht so intensiv getroffen werden; ähnliches wird bei windigem trocknen Wetter stattfinden, wo die Dämpfe einer noch weiteren Ausbreitung und nur sehr allmäligen Niederschlagung, vorzüglich die gasförmige schweflige Säure, unterworfen sind. Schlägt sich der Hüttenrauch bei Regenwetter nieder, oder folgt auf aufgefallenen Rauch Regenwetter, so wird derselbe von der Oberfläche der Pflanzen abgewaschen und auf wie in den Boden geführt, wo der- selbe viel weniger Nachtheil bewirkt. Schlägt sich aber der Hüttenrauch auf die durch Thau, Nebel oder Regen befeuchtete Oberfläche der Pflanzen nieder, so absorbirt die Feuchtigkeit sehr begierig die Säuren, um sich damit zu sättigen, was man sehr leicht an der sauren Beschaffenheit des Thaus ersehen kann. Folgt nun darauf trocknes, warmes zumal sonniges Wetter, so verdun- stet das Wasser der Oberfläche bald, die flüchtige schweflige Säure hat sich aber inzwischen in nicht flüchtige Schwefelsäure oxydirt, welche nun bei diesem A'^erdunstungsprozess sich concentrirt, theils durch die Zellwände der Pflanzen in das Innere eindringt, und so bei fortschrei- tender Verdunstung durch seine ätzendsauren Eigenschaften zerstörend auf das Zellgewebe einwirkt, so dass dieses bald nachher abstirbt, seine grüne Farbe mit einer oft gelbbraunen, in Form scharf begrenzter Flecken erscheinend, vertauscht, welche Stellen nach dem gänzlichen Austrocknen zusammen schrumpfen, sich von dem gesunden Zellgewebe ablösend, alsdann ausfallend und dabei eine sehr mürbe, zwischen den Fingern leicht zerreibliche Beschaffenheit an-nehmend. Dass das Phytochlor durch die Einwirkung der Säure sehr bald zerstört wird und somit eine gelbbraune oder bleiche Farbe eintritt, ist aus den Eigenschaften der Säure sehr erklärlich und gleicht somit die- ser Vorgang auf den Pflanzen ganz dem, welcher eintritt, wenn man einen Tropfen einer verdünnten nicht flüchtigen Säure auf einen ge- webten Stoff fallen lässt, wo dieser sich einsaugt und oft nichts wahr- nehmen lässt. Nach einiger Zeit aber, wenn die Verdunstung die Säure concentrirt hat, wird diese Stelle geätzt, dadurch mürbe und fällt plötz- 108 lieh scharf begrenzt heraus; ist der Stoff gefärbt, so geht bekanntliGh auch die Farbe bald verloren. Für diesen Vorgang und die zerstörenden Wirkungen des Hütten- rauchs unter diesen Verhältnissen sprechen aber einerseits die scharf begrenzten punktirten Flecken und Blattspitzen, welche in die Luft herausragend am meisten sich mit Thau beschlagen, und somit Säure absorbiren, welche Stellen alsbald jener Wirkung unterliegen. Anderer- seits aber sprechen ganz besonders auch die Aussagen der dortigen Bewohner dafür. Nicht alle Tage, nicht bei trübem, regnerischen Wetter, wie ebenso nicht bei sehr warmen Tagen und Nächten, an denen kein Thau fällt, zeigt sich, obgleich der Hüttenrauch ununterbrochen , Tag und Nacht, bald nach der einen, bald nach der andern Richtung hin die Fluren bestreicht, jene verheerende Wirkung, die man in ihren Folgen mit „vevbrannl" bezeichnet, sondern eben nur an einzelnen Tagen wird dies beobachtet, und zAvar bei gutem, warmen Wetter, am Tage und kühle- ren Abenden und Nächten oder Morgen, wo diese Fluren mit Thau be- legt sind, daher ganz besonders im Frühjahr und Herbst oder Spätsom- mer, dann aber aueli nur, wenn der Rauch Abends, Nachts oder am frühen Morgen darüber gestrichen ist, wo nun bei darauf folgendem guten, warmen Wetter der Verdunstungsprozess rasch erfolgt und die concentrirte Säure zur Wirkung bringt. Aus diesen Beobachtungen erhellt der Einfluss der Witterungs- verhältnisse. Da nun aber stets der aufgefallene Hüttenrauch als der gefährlichste bekannt ist, und seine Wirkung vermittelt wird durch das Eindringen in das Zellgewebe, so steht damit im innigsten Zusammenhang das Durchgangsvermögen durch die Zellwand und dieses ist abhängig vom Alter der Pflanzen und Pflanzentheile und von der ./// der Pflanze. Was 2) das Alter der Pflanzen betrifft, sc tritt die Wirkung als am schnellsten verheerend vorzüglich an den jüngstentwickelten Pflanzen und deren Theile, den jüngsten Blättern und eben aufgebrochenen Knospen, und ebenso besonders an den Blüthen des Klees, der Hülsenfrüchte etc. auf, und je schneller eine Pflanze sich entwickelt, um so zarter und leicht durchdringbarer ist ihre Zell- substanz, die daher dem Eindringen um so weniger Widerstand darbietet, während solche Pflanzen, welche sich langsamer entwickeln und deren Zellwände sich mit dem Alter 'durch Vermehrung des Zellstoff^, Ab- lagerung von Holzstoff oder Mineralstoffen, wie Kieselerde u. s, w., mehr und mehr verdicken, dem Durchgang mehr Widerstand entgegensetzen und so nicht so empfindlich sind. Daher sind die Stengel der Pflanzen, wie die Gräser und deren Halme viel weniger empfindlich und so scheint aus diesem Urunde der 104 Sommerroggen viel mehr empfindlich zu sein, als der Winterroggen, wie wenigstens daraus hervorgeht, dass der letztere dicht neben dem erste- ren stehend und mithin beide auf gleichem und gleich bearbeiteten Boden auch gleichzeitig befallen, doch sehr verschieden entwickelt waren, und so der Sommerroggen sehr verkümmert stand, der Winterroggen dagegen verhältnissmässig kräftig. Dass endlich 3) die Art der Pflanzen eine verschiedene Empfindlichkeit bedingt, geht aus dem eben Besprochenen hervor und liegt in der verschieden schnel- len Entwickelungsfähigkeit, der mehr oder weniger starken Verdick- ung der Zellwände, wie ebenso in der mehr oder weniger der Atmos- phäre dargebotenen Oberfläche, welche vom Hüttenrauch befallen werden kann. So sind unter den Spitzkeimern die Spelzengewächse, Grami- neen und Cyperoideen, daher auch die Getraidearten weniger em- pfindlich als die Blattkeimer, und bei ersteren deren dünne Blätter wie- der mehr, als deren dickwandigere Halme, denn in den Zellwänden die- ser Pflanzen lagert sich bekanntlich nicht unbedeutend Kieselerde ab, und wie diese jene Pflanzen vor einem schnellen Verdorren durch Ver- dunstung von Innen nach Aussen, bei anhaltend trocknem Wetter, bei der geringen Ausbreitung deren Wurzelfasern in die Tiefe, deshalb schützt, weil ihre Oberfläche sich sehr schwer benetzt und die Feuch- tigkeit langsamer austreten lässt, so kann natürlich auch der Hütten- rauch viel schwieriger von Aussen nach Innen durch den Kieselerde- gehalt der Zellwände treten. Daher findet man nicht, dass die vom Hüttenrauch befallenen derartigen Pflanzen so braun ausfallende Flecken zeigen, sondern an den getroff'enen Stellen bleichen, diese nach und nach zusammenschrumpfen, die schmalen Blättchen und zarten Grannen sich endlich kräuseln und zurücklegen und vorzüglich der Halm sich, aber auch langsamer, fortentwickelt, weshalb sich dies wieder in der Beschafi"enheit des Heues abspiegelt, bei welchem die Halmbildung bedeutend vor der Blattbildung vorherrscht, ersterer aber auch durch seinen reicheren Kieselerdegehalt eine grössere Festigkeit besitzt und so das gewonnene Heu härter macht. Deshalb können in der Umgebung solcher Hütten gar keine zarten Blätter zeigende Pflanzen cultivirt werden, wie z, B. Erbsen, Bohnen, Linsen, und der Klee wird so oft braxln und dürr, dass er manchmal kaum zu verfüttern ist, wie ebenso die Blätter der Rüben sehr schnell unterliegen, und als Futter oft nicht zu verwenden sind. So sah ich in einem Garten Georginen , Rosen und Nelken, von denen bei ersteren während 24 Stunden die jüngeren Blätter, Knospen und Blüthcn gänzlich zerstört waren, während die Nelken wegen ihrer festen Blattsubstanz fast ganz unversehrt erschienen. Je schneller und je mehr nun die sich schnell entwickelnden Blatt- keimer durch den Hüttenrauch zerstört werden in ihren einzelnen Orga- 105 nen, je mehr kommt ihnen ihre im Verhältniss ihrer Entwickelung stehende Reproductionskraft zu Statten, indem sie ihre verloren gegan- genen Organe unermüdlich wieder erzeugen, wenn sonst die Witterungs- und Bodenverhältnisse es gestatten, aber für ihre Fruchtreife werden sie gestört, weshalb die Hülsenfrüchte dort nicht gebaut werden können. Bei den Gräsern aber ist die Wirkung nachhaltiger und sie ver- kümmern leichter, weil vorzüglich ihre Spitzen getroffen werden, und wenn daher der Hüttenrauch in die Blüthe oder kurz nach derselben auf diese fällt, so verkümmert die Aehre so, dass sie nur wenig Kör- ner trägt, und diese oft so klein und leicht sind, dass sie sich kaum zum Vermählen wegen der geringen Ausbeute" an Mehl eignen und da- her den Namen „Giftkorn" führen. So widerstehen den auch Pflanzen, deren Blätter wenig saftreich und fest sind und sich durch Harzgehalt auszeichnen, dem Eindringen, und somit der Wirkung sehr lange, aber sie erliegen endlich doch der ununterbrochenen Auflagerung des Rauchs, wie dies ganz deutlich an einem Kiefernwäldchen in der Nähe der Hütten (20 Minuten davon ent- fernt) hervortritt, welches mehrere Jahre lang gar keine Zeichen der Wirkung an sich getragen , aber endlich doch zum Theil unterliegen musste, indem der zunächst den Hütten gelegene Theil gänzlich einge- gangen ist, der entfernter liegende aber, nach derjenigen Richtung hin, wo der Wind von den Hütten her weht, abgestorbene Zweige mit den daran sitzenden braunen Nadeln zeigt, nach der entgegengesetzten Richtung aber schön grünt und in den entferntest liegenden und von Anhöhen geschützten Theil ganz gesund sich zeigt. — Dass Kiefern- nadeln dem Eindringen sehr lange Widerstand leisten, geht aus der ganzen Structur derselben hervor, aber dass bei eintretender Wirkung auf dieselben auch der Nachthoil um so grösser ist. und den ganzen Raum in seiner Entwickelung bedroht, liegt in dem sehr geringen Re- j)roductionsvermögen. Aus diesen verschiedenen Beispielen ist die verschiedene Empfind- lichkeit, bedingt durch verschiedene Umstände beim Befallen der Pflan- zen durch Hüttenrauch ersichtlich. B. Der zweite Weg auf den die lösslichen Bestandtheile des Hüt- tenrauchs in die Pflanzen zu gelangen vermögen, ist der durch die Wurzeln. Dass auf diesem Wege dies stattfinden wird, scheint mir nach den Untersuchungen der verschiedenen Bodenarten nicht zweifelhaft, denn diese enthalten alle freie Säuren und reagiren mit kaltem Wasser an- gerührt, sehr stark sauer, wie sie auch lössliche Metallsalze enthalten. Nun nehmen zwar die Pflanzenwurzeln die in dem Wasser gelösten Stoffe nach gewissen Gesetzen, bedingt durch die Verwandtschaft der Pflanzenart zu gewissen Mineral Stoffen, auf, allein sie treffen bekannt- lich keine Auswahl, sondern nehmen Alles auf, aber nicht in dem Ver- 106 hältniss, in Avelchem diese Stoffe in dem Wasser gelöst enthalten sind, sondern nach dem verschiedenen endosmotischen Vermögen der Wur- zolfasern für die einzelnen Bestandtheile. Deshalb ist wohl nicht zu ZAveifeln an der Aufnahme der freien Säuren und lösslichen Metallsalze, allein die auf diesem Wege einge- di'ungenen Stoffe sind sehr verdünnt in ihren Lösungen, zeigen daher auch nicht diese ätzend zerstörenden Wirkungen und scheinen über- haupt wenig Nachtheile für die Pflanzen zu haben. Dies geht schon daraus hervor, dass die Wurzeln auch unter den ungünstigsten Bodenverhältnissen ihre Triebfähigkeit beibehalten , wie sofort ersichtlich am Haidekraut, Avelches auf den nächsten Höhen der Hütten aus seinen Wurzeln fort und fort neue Sprösslinge treibt, welche aber sehr schnell der Einwirkung des sich von Aussen auflegenden Hüttenrauchs unterliegen und daher gar nicht zur Blüthe kommen, und so zwischen dem abgedorrten, schwarzbraunen, dürren Reissig stets grü- nende, junge Sprösslinge auftreiben. Während also die Wurzel nur aus dem Boden dieselben Stoffe aufnehmen kann, die sich von Aussen auf die Pflanzen auflagern, behält sie doch ihre Vegetationskraft bei und zeigt somit die geringe Empfindlichkeit gegen die auf diesem Wege einge- tretenen Säuren, welches Verhalten wiederum für die ätzende Wirkung derselben auf der Oberfläche spricht. Demnach scheinen die dort so wenig beachteten und im Anbau fast vernachlässigten knollentragenden und rübenartigen Wurzelgewächse einer grösseren Beachtung zu verdienen, als manche Hülsenfrüchte, um die Betheiligten vor den Schäden, welche durch die Auflagerung des Hüttenrauchs entstehen, mehr zu schützen. Es wurden wenigstens auch keine wesentlichen Verschiedenheiten im Verhalten der Rüben aus dortiger und hiesiger Gegend bei der Untersuchung beobachtet, zumal nicht im Säuregehalt, und wurde auch in dortiger Gegend nicht von einem Missrathen der Hackfrüchte gesprochen, während dies bei dem Getraide und dem Heu so oft der Fall ist. Sowie sich nun diese Wirkung sehr spezifisch auf die Pflanzen ausprägt, so wird dieselbe sich auch auf dem Boden bemerkbar machen, III. Wirkung- des Hüttenrauchs auf den Boden. Dass der Boden selbst Veränderungen erleidet , nicht nur durch Beimischung von Stoffen, die ihm sonst fremd sind, sondern ganz be- sonders auch durch die chemische Thätigkeit der eindringenden Säure, ist wohl keinem Zweifel unterworfen. Die von demselben aufgenommene Quantität der Säure richtet sich gewiss sehr nach der physikalischen Beschaffenheit des Bodens, seinem Fenchtigkcitszu.st;nid(> luul d(^n vnitwirkenderi Witterungsverhältnissen, 107 so dass bei Regenwetter die Säuren und löslichen Salze mehr oder weni- ger tief geführt werden. Die in demselben eingedrungene Säure wird ihn zunächst in einen sauren Boden umwandeln, und wenn sie sich auch nicht lange im freien Zustande erhält und deshalb nicht gut anhäufen kann, so wird sie sehr bald eine Zersetzung der in demselben angehäuften Silicate veranlassen, welche, wie durch die Kohlensäure und das Wasser einer Verwitterung unterworfen, so auch an die Schwefelsäure die Alkalien und alkalischen Erden abtreten und eine grössere Menge schwefelsaurer Salze bilden, die in der Asche der Pflanzen wieder zu finden sind. Dadurch wird aber aucL ein Theil der Kieselerde der Silicate in Lösung gebracht und diese den Gräsei*n zugeführt, welche zur Folge hat, dass dieselben hart und weniger leicht verdaulich werden. Unter allen Umständen aber wird nach und nach aus dem besten Boden ein sogenannter saurer Boden erzeugt werden , indem sich die SchAvefelsäure aller Basen bemächtigt und die durch die Verwesung organischer Ueberreste gebildeten Humussäuren werden frei. Dass aber ein solcher Boden nicht die Entwickelung aller Pflanzen und Feldfrüchte begünstigt, ist bekannt, und so scheint in der That durch diese Ver- änderung des Bodens nach und nach ein Wechsel in der Vegetation einzutreten, indem die in saurem Boden wachsenden und wenig ge- schätzten Futtergräser mehr und mehr Platz greifen, dagegen aber die weichen, sogenannten süssen und geschätzten Futtergräser nach und nach verdrängt werden , und Avenn die Aussagen der dortigen Bewoh- ner wahr sind, so ist dies Verhältniss bereits eingetreten, denn nach diesen sollen früher und vor Anlage der Hütten auf den benachbarten Abhängen und im Thale die besten Futtergräser und Futterkräuter ge- wachsen sein, während jetzt allerdings dort nur noch harte Gräser, wie ..Aira caespitosa'*' und „flexuosa'' neben Haidekraut und einigen Cype- r< »Ideen auftreten. Pflanzen die den sauren Boden verrathen und als Futter nicht geschützt sind. Dasselbe kann aber auch auf den Wiesen, welche jenen Wirkungen vorzüglich unterliegen, nach und nach eintreten. Ausser der Säure treten nun aber auch die in dem Hüttenrauch vorhandenen Metalle im Boden auf und unter diesen ganz besonders das Blei. Um den Metallgehalt kennen zu lernen, wurden daher vier ver- schiedene Bodenarten von verschiedenen Entfernungen und Richtungen einer quantitativen Untersuchung auf diese unterworfen und folgende Resultate erhalten. a) 1 Pfd. Erde von den den Hütten zunächst gelegenen Anhöhen, auf denen nur verdorrtes Haidekraut stand, gab 5,69 Grammen Blei aus 6,i7 Grammen Sehwefelblei und 0,31 - Schwefelkupfer, 108 b) 1 Pfd. Erde aus dem Muldenthale. dicht hinter den Gifthütten nach Abend gelegen, auf welchen ganz verkümmerter Roggen stand, gab 3,S8 Grammen Blei aus 4,4 8 Grammen Schwefelblei und 0,21 - .Schwefelkupfer. c) 1 Pfd. Erde von einem Wiesengrundstück, auf dem den Hals- brücker Hütten gegenüber gelegenen Ufer, gab 0,17 Grammen Schwefelkupfer und 1,9 7 - Blei aus 2,8 8 Grammen Schwefelblei, d) 1 Pfd. Erde von einem Kleestück bei Hilbersdorf, ca. Vi Stunde von den Hütten entfernt und auf der Höhe nach Westen ge- legen, gab 1.16 Grammen Blei aus 1,.3"i Grammen Schwefelblei und 0,10 - Schwefelkupfer. Im Mittel gaben demnach 1 Pfd. Erde 3.17 Grammen rr 52V6 Gran Blei und 0,13 7 - — 21/4 - Kupfer. Ausserdem ergaben sich auf 1 Pfd. Erde 0,3 Gran Arsenige Säure, 0,12 - Antimon oxyd. Aus diesen Resultaten, die natürlich ebenso sehr wechselnd durch herrschende Winde und Regen sein werden, geht indess hervor, dass die metallischen ßestandtheile des Hüttenrauchs sich in den nächsten Nähen am meisten niederschlagen, wie sich auch aus der Schwere der- selben schon vermuthen lässt, dass ferner auch hier, wie bei den Fut- terkräutern, das Blei bei weitem unter allen Metallen vorherrschend ist. Dies ist indess natürlich und dadurch begründet, dass das Blei als fast unlössliches und sehr schweres schwefelsaures Bleioxyd weder von dem Wasser durch Lösung^ noch durch Fortschwem- men weggeführt wird, weshalb es sich schon so angehäuft haben wird und noch von allen Bestandtheilen des Rauchs fort anhäuft. Der Bleigehalt auf den bebauten Fluren wird wahrscheinlich auch noch durch die Düngung mit dem Viehmist vermehrt, denn dieser ent- hält stets Blei, und wahrscheinlich so viel, als der Menge des im Fut- ter enthaltenen entspricht. Durch die Unlöslichkeit dieser Verbindung scheint aber auch auf die Pflanzen kein nachtheiliger Einfluss durch dieselbe zu erwachsen. Anders ist es dagegen mit dem Kupfer- und Arsenikgehalt, deren Verbindungen leichter gelöst und so von dem Wasser theils fortgeführt, theils den Pflanzen zugeführt werden , weshalb sie sich nicht ansam- meln, und so stets in sehr untergeordneter Menge dem Blei gegenüber vorhanden sein werden. Dass aber die Futterkräuter diese Verbindungen Avahrscheinlich aufiielinien , ü;(.']it .schon aus der Art der Aufnahme bei den Pflanzen 109 licrvür, und wenn man dieselbe noch sorgfältiger abwäscht, um sie von allen aufsitzenden Bestandtheilen des Hüttenrauchs zu befreien, so sind doch stets noch kleine Spuren der Metalle in ihnen aufzufinden, die natürlich auch auf den Geschmack einen Einfluss haben müssen. Wenn nun auch die Menge der gefundenen Metalle auf 1 Pfd. Erde nicht sehr bedeutend erscheint, und man annehmen könnte , dass die- selben bis zu einem Fuss Tiefe einen gleichen Gehalt nach obigen Mit- tel führte, so würde doch die Menge derselben auf einem so bedeuten- den Flächenraum sich ausserordentlich anhäufen, was indess nicht zu vermuthen steht. Nimmt man den Kubikfuss Erde zu 100 Pfd. an, das ohngefähre Mittel aus verschiedenen vorhandenen Dichtigkeiten der Ackerkrume, so würde auf einen solchen nach Maasstab des Mittels obiger Mengen und vorausgesetzt bei gleichmässigem Gehalt 10 Unzen 6 Drachmen 56^ '3 Gran Blei, 3 Drachmen 45 Gran Kupfer, 30 Gran Arsenige Säure, 12 Gran Antimonoxyd kommen. Es erscheint mir aber kaum als wahrscheinlich oder möglich, dass solche Mengen von Blei sich angehäuft haben könnten, und dass eben- so nicht die andern Metalle in dem Maasse im Durchschnitte auf 1 Ku- bikfuss Erde darin vorhanden sein möchten. IV. Ausbreitung^ des Hüttenrauchs. Dieselbe ist zwar einerseits in der Wirkung auf die Vegetation zu verfolgen, und zwar an den gebleichten, oft ganz scharf begrenzten Gran- nen der Getreide und Spitzen der Blätter, welche sich kreiseiförmig winden und nach abwärts legen, wie auch an den charakteristischen Flecken auf den Blättern verschiedener Pflanzen, Sträucher und Bäume, ganz besonders aber in der sauer reagirenden Beschaffenheit der Abkoch- ung der Futterkräuter, welche Reaktion guten Futterkräutern fremd ist, und lässt sich dieselbe noch leichter und weiter verfolgen an der säuern Reaktion des Thau's, der bis zu einer radialen Entfernung von 1 V^ bis 2 Stunden bei ziemlichem Winde, von den Hütten, noch deutlich sauer auf empfindliches Lackmuspapier reagirt. Der Flächenraum ist also ein sehr bedeutender, wie schon aus der noch zu beleuchtenden Be- schaffenheit des Heu's und den Krankheiten der Hausthiere hervorleuch- tet, er wird indess vielleicht am deutlichsten erkannt und begrenzt durch das Verschwänden gewisser Insekten aus jenen getroffenen Fluren und Ortschaften, und zwar solcher, deren Nahrungsweise in dem Aufsaugen des zuckerhaltigen Nectariensaftes besteht. HO Dahin gehören die Bienen, die vor der Anlegung und Erweiterung;- der Hütten ebenso in den betroffenen Ortschaften gepflegt worden sind, wie überall dies auf dem Lande üblich ist, die sich aber jetzt gänzlich aus dieser Gegend fortgezogen und erst in einer Entfernung von ohn- gefähr 2 Stunden wieder heimisch niedergelassen haben. Diese sind aber vermöge ihrer Saugzunge und ihrer ßespiratiou.s Organe gewiss die empfindlichsten Exploratoren für die Ausbreitung jener Stoffe und geben die Spuren noch da zu erkennen, wo es der Chemi«' mit ihren Hülfsmitteln vielleicht sehr schwor werden würde, dieselben nachzuweisen. V. Nachtheile des Hüttenrauchs auf das Futter und das Rindvieh. Die indirekten Nachtheile, welche durch diese besprochenen Ver- hältnisse für die dadurch betroffenen Ortschaften herbeigeführt werden, sind indess noch weit bedeutender und bestehen in einer wirklichen Vergiftung der frischen wie trocknen Futterkräuter und den dadurc'i herbeigeführten Krankheiten und Verlusten an Hausthieren , besonders an Rindvieh. Alle von mir deshalb der Untersuchung unterworfenen trocknen un.l frischen Futterkräuter zeigten sich mehr oder weniger sauer durch einen Gehalt an freier Schwefelsäure und ebenso metallhaltig. Was zunächst das Aeussere vieler Heusorten betrifft, so erscheinen dieselben oft auffallend blassgrün, ja oft ganz bleich, strohartig, indem sie ja einem wirklichen Bleichungsprozess durch die schweflige Säure unter- worfen werden. Dann waren sie stets von einer sehr harten Beschaffenheit, theils herrührend von einem reichen Gehalt an sogenannten harten Grasarten, theils herrührend von einem grösseren Kieselerdegehalt, der sich in der Asche derselben vorfand, und ebenso war oft die Halmbildung vorherr- schend vor der zarten Blattbildung, Verhältnisse, die durch die Einflüsse des Hüttenrauchs auf Boden und Pflanzen herbeigeführt werden. Der Klee und das Kleeheu aber zeigten die eigenthümlichen braun - gelben Flecken, welche sehr mürbe sind, wie alle die getroffenen Theile uud daher fiel bei allem Trockenfutter immer eine grosse Menge kleiner Bruchstückchen ab, sie gaben eine grosse Menge sogen. Heustaub. Der Geschmack von allem Futter war weniger lieblich, angenehm, gewürzhaft, sondern hintennach so auffallend und lange anhaltend herbe, metallisch, so dass man denselben am richtigsten mit stiptisch bezeichnet; daduch wird gewiss oft die Fresslust der Thiere beeinträchtigt, so dass es natürlich , wenn es widersteht, auch nicht den Eintiuss auf die Ernähr- ung ausüben kann, als wenn es gesundes Futter ist. Dieser Geschmack kann zum Theil von den metallischen Bestandtheilen , ganz besonders von Kupfersalzen herrühren, welche sich auch in den kleinsten Spuren durch ihren stiptischen, unangenehmen und anhaltenden Geschmack aus- in __ zeichnen, zum Theil aber auch durch verändernde Einflüsse der Säuren auf organische Verbindungen, wie wenigstens daraus hervorzugehen scheint, dass durch Aether ein Auszug erhalten wurde, welcher nach dem Verdunsten ein so unangenehmes resinöses Extract hinterlies, wel- ches jenen Geschmack auch zeigte, ohne metallhaltig zu sein. Um nun die Quantitäten der ti-eien Säuren und schädlichen Metalle zu erfahren, wurden sehr verschiedene Heusoi'ten von den verschieden- sten Grundstücken und Ortschaften einer quantitativen Untersuchung auf dieselben unterworfen und dazu folgende Methoden eingeschlagen. Es wurden stets grössere Mengen der Futterkräuter fein zerschnitten, innig gemengt, und alsdann zur Bestimmung der freien Säuren 10 Gram- men verascht, bei einer so gelinden Temperatur, dass dadurch keine Reduction der schwefelsauren Salze, Avie auch keine Verflüchtigung der Chloralkalimetalle, eintreten konnte. Die Asche wurde mit Salpetersäure haltigem Wasser 'vollkommen erschöpft und aus diesem Auszug mit salpetersaurem Baryt die Schwefel- säure ausgefüllt, und mit salpetersaurem Silberoxyd das Chlor. Aus den erhaltenen Niedei*schlägen wurde nach dem Auswaschen und Glühen die in der Asche enthaltene Menge der Schwefelsäure und des Chlors be- i-echnet, welche natürlich als gebunden an Basen darin vorhanden waren, da die Asche durch Gehalt von kohlensauren Alkalien alkalisch reagirte. Andere 10 Grammen der geschnittenen Futterkräuter wurden mit Salpetersäure haltigem Wasser ausgekocht und ebenso vollkommen an schwefelsauren Salzen und Chlormetallen erschöpft und aus den erhaltenen Auszügen mit genannten Reagentien die gesammte Menge der Sclfvvefel- säure und des Chlors ausgefüllt, die Niederschläge aber mit Berücksich- tigung aller etwa darinnen vorhandenen organischen Verbindungen weiter behandelt, und so nach dem Glühen die Menge derselben bestimmt. Auf diese Weise ergab sich stets aus der Abkochung eine grössere Menge an schwefelsauren Baryt und Chlorsilber, als aus der Asche, und diese Difi"erenz betrachtete ich als bedingt durch einen Gehalt an freien Säuren, veranlasst durch die saure Reaktion des Futters und die dadurch herbeigeführten Krankheitszustände. Dass natürlicher Weise beim Veraschen auch die freien Säuren sich verflüchtigen mussten, war meine Absicht bei der Einschlagung dieses Verfahrens, allein es wurden doch auch chemische Zersetzungen der Salze dabei durch die Wirkung der Schwefelsäure auf die Chlor- metalle herbeigeführt, indem die Abkochung stets auffallende Difi'erenzen an Chlor ergab, die desshalb auffallend waren, weil, wenn sie als freie Salzsäure in dem Futter vorhanden sein sollten, diese ihren Ursprang im Salzsäuregehalt des Hüttenrauchs haben müssten, was wenigstens in vielen Fällen und von den Hilbersdorfer Hütten ausgehend, nicht der Fall ist. Desshalb schreibt sich diese Differenz vorzugsweise von dem Freiwerden von Salzsäure bei dem Veraschen durch die freie Schwefel m säure her, und wird man dalier, um der Wahrheit näher zu kommen, diese Salzsäure auf ein Aequivalent an Schwefelsäure in Rechnung zu bringen haben.*) Ebenso wurden aus der Asche der Blei- und Kupfer-Gehalt bestimmt, Arsen und Antimon dagegen aus der Abkochung mit Salzsäure haltigem Wasser als Schwefelmetalle, stets unter Berücksichtigung der dadurch gleichzeitig gefällt werdenden organischen Verbindungen, die vor der Wägung erst beseitigt wurden. Auf diese Weise und wenn man die Differenz an Chlor auf Schwe- felsäure berechnet; fand sich, dass in 20 Pfund Heu, dem täglichen Fut- terquantum einer Kuh, die Menge der /reien Schwefelsäure, als Hydrat, *) Das Ziel dieses Verfahrens lief also darauf hinaus, durch die Verasehung dia freien Säuren zu verflüchtigen und in der Asche die Menge der gebundenen zu finden, und diese von der Gesammtnienge der Säuren im Futter abzuziehen, und aus der Dif- ferenz die Menge der freien Säure zu erfahren. Gegen die Richtigkeit dieses Verfahrens Hesse sich einwenden, dass eine sehr kleine Differenz bei den zur Analyse verwendeten kleinen Quantitäten Substanz, berechnet auf eine grosse Masse , in demselben Verhältnis» heranwächst , und desshalb überraschen kann, zumal es bekannt, dass 2 Analysen ein und desselben Körpers niemals vollkom- men übereinstimmen. — Dieser möglicher Weise sich einschleichende Fehler scheiiu mir aber deshalb hier nicht begründet, weil bei der grossen Zahl der angestellten Ana- lysen stets die Quantitäten der Säure in der Abkochung, dieselben in der Asche über- trafen , und zwar bei sehr verdächtigen Heusorten um sehr bemerkbare Differenzen, niemals aber das umgekehrte stattfand. Dies liesse sich nun zwar wieder dadurch er- klären, dass bei der Veraschung eine Verflüchtigung und Reduction eintreten könnte und dies stets zu Gunsten der Abkochung ausfallen müsse; dem glaubte ich durch die Art der Veraschung zu begegnen , welche bei so niederer Temperatur und auf offnem Blech unter Umrühren ausgeführt wurde, dass nicht gut au eine Verflüchtigung solcher Verbindungen, die schon eine bedeutende Glühhitze gebrauchen, zu denken war, wes- halb auch für diese Zwecke die Veraschung nicht bis zur vollkommenen Verbrennung der Kohle ausgedehnt wurde, und fand sich auch stets in der Asche noch Arsen, was für die niedrige Temperatur bei Gegenwart von Koiile wegen seiner leichten Reducir- barkeit und Flüchtigkeit spricht. Die Menge der freien Säure aber könnte dadurch vermindert werden, dass bei der Veraschung ein Theil der freien Säuren durch die sich bildenden kohlensauren Alkalien gebunden, und so nicht verflüchtigt würden, wenn nicht eine Verflüchtigung der erstcron schon bei einer so niedrigen Temperatur vor sich ginge, ehe noch die letzteren sich gebildet haben; die dadurch herbeigeführte Differenz würde natürlich, wenn man sie verfolgen könnte, dann nur die Menge der freien Säuren vermindern, und die der ge- bundenen vermehren, wie ebenso auch die etwa aus der Verbrennung des Schwefelge- haltes der Proteinverbindungen entstehende Schwefelsäure, welche stets in der Asche auftritt, sodass diese Verhältnisse nur zu Gunsten der Anwesenheit freier Säuren spre- chen, was wohl auch bei der Masse der verrösteten Schwefelerze als das natürliche er- scheint. Die Diflerenz durch das Verfahren selbst zu ermitteln, bemühte ich mich dadurch, dass ich Futter von anderen Gegenden und ohne alle saure Reaktion in seiner Abkochung auf diesem Wege untersuchte, und dabei für Schwefelsäure gerade das umgekehrte sich ergab, nämlich eine etwas grössere Menge in der Asche, für das Chlor aber dasselbe für die Abkochung, waa in den entwickelten Gründen liegt. 113 zwischen 3 bis 8 Quentchen differirte, welches natürlich in der Entfer- nung der WiesengTundstücke ; den herrschenden Winden und stattge- fundenen Witterungsverhältnissen seinen natürlichen Grund hat. Die Menge des Bleioxyds in diesem Quantum differirte von 1 bis 2 Vi Quent- chen, der Arsenigen Säure von 5 bis IS Gran. Auch finden sich stets geringe Mengen von Kupfer , Spuren von Zink und Antimon. Wegen der durch die Einwirkung der Säuren begünstigten Ver- witterung der Silicate des Bodens und der zunehmenden schwefelsauren Salze muss sich dies auch in dem Aschengehalte und der quantitativen Beschafienheit desselben wieder ausdrücken , und wechselte die Menge der Asche verschiedener Heusorten zwischen 6 und 9 "/o vom Gewicht des lufttrocknen Heu's , im Älittel stellte sie sich auf 7;6 "/o heraus, von welcher 3 — 4 '^/o durch Kieselerde gebildet waren. Am auffallendsten aber ist die grosse Menge der schwefelsauren Salze in der Asche, sodass die darin als gebunden enthaltene Schwefel- säure von 0,84 bis 1,087<> vom Gewicht des lufttrocknen Heu's, im Mittel aber 0,94 o/o betrug, und stellt sich somit eine Vermehrung der Schwefel- säure als Salze in der Asche um das 5 bis 6fache heraus, denn dieselbe betrug in der Asche hiesiger Heusorten nur 0,i6 o/o vom Gewicht des lufttrocknen Heu's, während dagegen der Chlorgehalt sich nahe diesem gleich stellte. Es wird nun natürlicher Weise nicht mehr auffallen, dass durch den täglichen Genuss solchen Futters, bei den Quantitäten zumal, welche die Wiederkäuer davon aufnehmen, diese sehr bald die Wirkung der Bestandtheile des Hüttenrauchs erfahren und zeigt sich unter denselben ganz besonders und wesentlich die freie Säure für den nachtheiligsten Bestandtheil. Wie es eine bekannte Erfahrung bei dem Menschen ist, welcher sich durch Aufnahme grösserer Mengen zumal von Mineralsäuren Bleich- sucht zuzieht, ebenso wird ein ganz analoger Zustand bei den Thieren, und zwar bei den Wiederkäuern herbeigeführt, welcher sich dadurch Kund giebt, dass die Haut ihre natürliche Farbe verliert, auffallend blass wird und ihre Elasticität einbüsst, das Haar sich struppig zeigt, der Ernährungszustand nicht vorschreitet, sondern im Gegentheii zurück- geht und mit ihm zugleich bei den Kühen die Ausbeute an Milch, welche so herabsinkt, dass die Thiere täglich 1 — 2 Kannen davon geben, welches Quantum natürlich so gering ist, dass durch das Halten von Milchvieh für die Besitzer nur Kachtheile entstehen müssen. Dabei ist eine Aufzucht auf den am schlimmsten getroffenen Ort- schaften gar nicht möglich, und der Verlust durch Stürzen betragt bis 50 o/o vom Viehstand, wobei schlüsslich gewöhnlich Lungenkrankheiten, Tuberkeln auftreten. Der Einfluss der Säure macht sich noch recht deutlich bemerkbar AUg-. deutsche naturhist. Zeitung- I. Q 114 in dem Verhalten des Harns, der Excremente und der Milch, welche meist sauer reagiren , während ihre natürliche Reaktion gerade umgekehrt ist. Der Harn ist dabei mehr oder weniger reich an Phosphaten, weiche ebenfalls dem Harn gesunder Thiere fremd sind, und nur bei Krank- heitszuständen in demselben auftreten, ebenso erscheint er sehr blass und wässrig. Die Excremente sind ebenfalls sehr dünnbreiig, sauer und zeigt eich überhaupt vermehrte Ausscheidung durch den Darmcanal, öfter Durch- fall, sie zeigen gugleich einen sehr unangenehmen säuerlichen Geruch. Die Milch ist ebenfalls weniger substanziös, reagirt fast durchgängig sauer und ist daher gewiss weniger haltbar, obgleich sie nicht beim Aufkochen gerinnt. Dass diese Krankheitszustände, die ganz besonders durch den Herrn Professor Dr. Haubner speziell studirt worden sind und auf dessen Ver- anlassung ich mich obigen Beobachtungen und Untersuchungen der Fut- terkräuter unterzog, wesentlich durch die Wirkung der freien Säuren und nicht etwa der Metalle, herbeigeführt wurden, wodurch demnach eine veränderte Blutbeschaffenheit, die sich schon in der oft ganz ver- schwundenen alkalischen, ja selbst in einigen Fällen schwach sauren Reaktion desselben zeigte, und somit ein abgeänderter Stoffwechsel ein- trat, ging ebenso noch daraus hervor, dass der Inhalt der Ohrspeichel- drüsen, des Ranzens, der Haube und des Psalters, wie alle Abtheilungen des Darmkanals sauer war, während die ersteren stets einen alkalischen Inhalt zeigen, wie nun ebenso sich dieser Zustand bald zu Gunsten ver- änderte, wenn die Thiere die ihnen zur Sättigung der aufgenommenen Mengen freier Säuren nöthigen Alkalien, in Form von Kreide oder Pottasche erhielten, oder wenn das Futter ohne Berücksichtigung der metallischen Bestandtheile mit Hülfe von Kalkwasser vor der Fütterung entsäuert, oder überhaupt mit gesundem Futter vertauscht wurde. Letzteres ist nun den betroffenen Ortschaften nicht möglich, weil sie die grosse Menge ihres schlechten und in der Umgegend verrufenen Futters nicht käuflich absetzen und somit vertauschen können, sie sind sogar zum Theil darauf angewiesen, der Anhäufung desselben durch einen vermehrten Viehstand zu begegnen, den sie stets nur mit grossen Opfern verbinden können, indem selbst die gesundesten und bestgenährten Thiere oft nach kaum einem Sommer der Wirkung des Futters unterliegen. So auffallend wie nun auch die Quantitäten Bleioxyd sind, welche täglich von den Thieren aufgenommen werden, und so leicht, wie man dadurch zu der Meinung veranlasst werden könnte, dass diese jeden- falls einen noch nachtheiligeren Einfluss auf den Gesundheitszustand der Thiere ausüben könnten, so Avenig ist dies unter den hier gegebenen Umständen der Fall. Wie nämlich die Arbeiter in den Bleiweiss-, Bleizucker- und ähn- lichen Fabriken, sich vor der Wirkung etwa eingeführter Bleisalze 115 durch den Genuss von Scliwefelsäurelimonade schützen^ wie ebenso schwefelsaure Salze bekanntlich bei Bleivergiftungen als sicherstes Ge- genmittel, wenn die Einwirkung desselben auf das Blut noch nicht zu weit vorgeschritten; betrachtet werden , so ist auch hier in dem Schwe- felsäuregehalt und deren Salzen schon das natürliche Gegenmittel gege- ben und möchte ebenfalls das Blei des Futters schon als schwefelsaures Bleioxyd von den Thieren aufgenommen werden. Da nun dieses aber weo-en seiner Unlöslichkeit nicht assimilirt wird, so muss es auch durch den Darmkanal wieder ausgeschieden werden , und dies bestätigte sich in der That bei der Untersuchung des Mistes, welcher bei allen Thieren reich an Bleiverbindungen, zum Tlieil als schwefelsaures Bleioxyd, zum Theil als Schwefelblei sich ergab und daher die Unschädlichkeit des Bleigehaltes im Futter bestätigte. Was für einen Antheil an den Krankheitszuständen der Wieder- käuer die übrigen Metailverbindungen, wie des Arsens und des Kupfers haben ist mir unbekannt, doch weiss man bekanntlich, dass diese Thiere wenig empfindlich gegen solche Metallgifte sind. Dass aber auch gerade die Wiederkäuer mehr unter jenen Verhält- nissen leiden, als andere Thiere, liegt in der einfachen Thatsache, weil sie von allen am meisten vom Heufutter geniessen, während die Pferde z. B. doch viel Körnerfrüchte erhalten, somit viel weniger von jenen Stofien aufnehmen, und in dem anderweiten Futter sie vielleicht einen reichern Gehalt an Alkalien als Gegensatz empfangen. Es entstehen demnach für die Besitzer der vom Hüttenrauch getrof- fenen Fluren dreifache Nachtheile, einmal in der Beeinträchtigung der der Cultur unterworfenen Vegetabilien, andererseits in dem Krankheits- zustand und Verlust an Vieh und schliesslich in der Anhäufung von nicht verwerthbarem Futtermaterial, selbst Stroh. Wie wichtig es daher ist, bei der Anlegung technischer Etablisse- ments alle Verhältnisse zu berücksichtigen, welche auf das Pflanzen- und Thierreich einwirken können, zumal wenn dabei nachhaltig der Atmosphäre gewisse Stoffe beigemengt werden, geht aus diesen Betracht- ungen und Folgen hervor, und erscheint es daher als unumgänglich nothwendig, schädliche Stoffe dieser Art so vollständig wie möglich zu condensiren. Eine gründliche Abhülfe solcher Uebelstäude durch bereits beste- hende Etablissements kann daher auch nur durch die Condensirung der Bestandtheile des Hüttenrauchs herbeigeführt werden. In dem hier näher beleuchteten Falle gilt es aber ganz besonders die Entfernung der Schwefligen Säure zu bewirken, welche nun zugleich für die Unternehmer sehr vortheilhaft werden kann, indem damit die Fabrikation der englischen Schwefelsäure verbunden werden könnte, die bei der enormen Masse von dem in den Schwefelerzen enthaltenen Schwefel gewiss auch für die Kosten der Anlage und Veränderung in 9* 116 der Einrichtung durch die daraus erhaltene Schwefelsäure reiche Zinsen tragen würde, zumal man in neuerer Zeit angefangen, aus solchen Schwefelerzen, wie aus Schwefelkies, den viel billigeren Schwefel darin zu diesem Zwecke zu benutzen, da die Schwefelsäure ein Product, dessen Consumtion zu technischen Zwecken immer im Steigen begriiFen ist. Mikroskopische Analyse der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande, L. Rabenhorst. Die chemische Untersuchung der Trink- und Badewässer, sowie der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande hat so gün- stige Resultate gegeben^ dass das vaterländische Bad in seinen chemi- schen Bestandtheilen und somit au Wirkung dem Franzensbade nicht nur gleichzustellen, sondern in mannigfacher Beziehung jenem sogar vorzuziehen ist. Der jetzige Standpunkt der Wissenschaft und resp. der Praxis for- dert aber, dass zu einer vollständigen Kenntniss der Bäder und Trink- wässer auch die mikroskopische Analyse gehöre, indem viele organi- sche Stoffe sich der chemischen Analyse entziehen, manche unorganische wohl aufgefunden werden, aber die Chemie kann nicht nachweisen, in welchem Zustande, in welcher Verbindung sie ursprünglich darin vor- handen waren. Es unterliegt zur Zeit überhaupt keiner Frage mehr, dass in vielen Fällen die mikroskopische Analyse viel schärfer, bezeich- nender ist und subtiler ausgeführt werden kann, als die chemische. Hierbei ist freilich vorausgesetzt, dass das Mikroskop richtig gebraucht und verstanden wird. Da ich vor einigen Jahren mehrere deutsche Mineralquellen und Moorbäder, darunter auch Franzensbad mikroskopisch analysirte, so war es mir von um so grösserem Interesse, auch Elster in dieser Be- ziehung kennen zu lernen und die Resultate mit Franzensbad verglei- chen zu können. Herr Dr. Flechsig, Badearzt zu Elster, unterstützte meine Arbeit auf das zuvorkommenste, er sandte mir wiederholt frische Moorerde von V'^ — 2V2 Elle unter Tage, wie sie zu den Bädern verwendet wird. Die Untersuchung geschah in der Weise, dass zunächst 50 stecknadelkopf- grosse Proben von jedem Lager frisch analysirt wurden ; darauf wurden die Erden geschlemmt, wiederum analysirt, dann geglüht und ge- schlemmt und nochmals analysirt. 117 Hierbei ergab sich^ dass mehrere Organismen noch lebenskräftig darin enthalten wai'en, die keinenfalls dem Moore angehören konnten, sondern durch Tagwässer eingeschleppt oder einfiltrirt sein mussten. Um daher zu einem ganz ungetrübten Resultate zu gelangen, hielt ich die Untersuchung an Ort und Stelle mit Rücksicht auf die Tagwässer für unerlässlich. Ich ging zu diesem Zwecke im Sommer 1854 auf drei Wochen nach Elster und studirte zunächst die Tagwässer, von denen die Moorlager direct oder indirect gespeisst werden. Es fanden sich darin folgende lebende Organismen : a) Algen. Conferva rhypophila, C. affinis, Ulothrix variabilis, Draparnaldia glomerata, Leptothrix fontana, Oedogonium vesicatum, Spirogjra quinina. bj Desmidieen. Euastrum Rota, E. integerrimum , E. oblongum, Scenodesmus acutus, Sc. obtusus, Closterium Lunula, C. striolatum, Xanthi- dium hirsutum, Penium lamellosum, Arthrodesmus convergens, Rhaphidium fasciculatum, Spirotaenia condensata, c) Diatomaceen (BacUlarien). Pinnularia oblonga, P. major, Navicula gracilis, N. sphaerophora, N. amphioxys, N. cryptocephala, Eunotia amphioxys, Ceratoneis Arcus, Himantidium Tetraodon, Synedra lunaris, S. Ulna, Stau- roneis Phoenicenteron, Gomphonema constrictum, Melosira va- rians, Achnanthes exilis, Tabellaria fenestrata, T. flocculosa. Nach Abzug dieser unter a, b, c, aufgeführten lebenden Organismen, die sich wenigstens theilweise in den oberen Schichten der Moorerde wieder fanden, ergaben sich folgende Resultate, die wir hier der Kürze wegen übersichtlich und vergleichend mit Franzensbad zusammen- stellen. Moor 1/2 Elle unter .l/borSl 2 Elle unter Elster u. Erayizens- Elster eiyenthümlich Franzensbad eigen- Tarje. Tage. bad haben gemein : angehörend sind: thüml. angehörend: Coscinodiscus punc- Coscinodiscus punc- Pinnularia viridis. Coscinodiscus punc- Campylodiscus Cly- tatus. tatus. nobilis. tatus. peus. Navicula fuha. Pinnularia viridis. viridula. Epithemia g-ibba. Epithemia granulata. latiuscula. nobilis Navicula fulva. Eunotia Diodon. Navicula eleptica. Pinnularia viridis. Eunotia Diodon. Surirella Solea. Navicula latiuscula. Surirella Palella. gracilis. Epithemia g-ibba. striatula. Stauroneis amphilep- Gomphonema clava- nobilis. Dentitula thermalis. Melosiva distans. ta. tum. Slauioneis aiiiphi- Stauroneis amphilep- Gomphonema trun- Gomphonema Tri- lepta. ta. catuni. dens (nov. sp.) Gyrosig-ma attenua- Melosira distans. Denticula thermalis. tum. Gomphonema trun- Melosira distans catum. Achnanthes — ? Surirella Solea. Frag-mente zwei- striatula. elhaftcr Arten. Achnanthes — ? Frag-mentc. 118 Kleinere Mittheilungen. Das Foucaultsche Pendel. In der schweizerischen naturforschenden Ge- sellschaft in St. Gallen 1 854 hat Prof. Dr. Belahar über die Erscheinung der Drehung der Schwingungsebene eines freischwingenden Pendels einen Vortrag gehalten imd denselben in einem Schriftchen (der Fou- caultsche Pendelversuch u. s. w. St. Gallen 1855) veröffentlicht. Die Abhandlung zerfällt in drei Theile: 1) Theorie der Ablenkung, 2) Be- schreibung der zum Foucaultschen Experimente nöthigen Apparate, .3) Eeferat über die wirkliche Ausführung des Versuchs in der Domkirche zu St. Gallen. Nach einigen kurzen Erörterungen über die Trägheit der Materie, Wii'kung der Schwere und Umdrehung der Erde, folgt : ,,dass die scheinbare Abweichung der Schwingungsrichtung eines Pen- dels gegen einen auf dem Theilkreis des Beobachtungsortes beliebig ge- zogenen und anfänglich mit ihr zusammenfallenden Diirchmesser an den Polen am grösstcn ist, und zwar nach Verfluss von einer vollen Umdrehung der Erde gerade 360" beträgt, dass sie dagegen für Orte zwischen den Polen und dem Aequator um so geringer wird, je kleiner deren geographische Breite ist, und endlich, dass sie am Aequator selbst ganz verschwindet und also gleich Null ist." Hieraus wird zunächst die Vermuthung abgeleitet, dass „die Winkelbewegung der Schwing- ungsebene um die Vertikale des Aufhängepunktes gleich sei der Win- kelbewegung der Erde um ihre Achse während derselben Zeit multi- plicirt mit dem Sinus der geographischen Breite" die Begründung die- ser Annahme ist, wie auch angedeutet wird, der Crahayschen (Pogg. Ann. B. 88) und in der Durchführung zum Theil der von Director Eschrveiler (Toucaults Vers. Dr. Garthe) in Cöln gegebenen ähnlich. Alle diese Beweise jedoch sind nicht erschöpfend; denn nach den Unter- suchungen von Clansen, (Ueber den Einfluss der Umdrehung und der Gestalt der Erde auf die scheinbaren Bewegungen an der Oberfläche derselben. Bull.; de St. Petersb. X. 17.) und namentlich von Hansen, (von der danziger naturforschenden Gesellschaft gekrönte Preisschrift) ist erwiesen, dass das Ablenkungsgesetz durch eine unendliche Reihe darzustellen ist, wovon jener dem Sinus der Breite proportinale Aus- druck nur das erste und allerdings überwiegende Glied ist. Bei nicht äusserst feinen Beobachtungen werden die Correctionsglieder sich mei- stens in die Beobachtungsfehler verstecken, und daher nicht besonders auffallen, wie dies auch bei dem erwähnten Experimente der Fall ge- wesen zu sein scheint. Diejenigen, Avelche sich mit dem Foucaultschen Experimente })raktisch beschäftigen wollen, finden in dem Schriftchen eine ausführliche und deutliche Beschreibung der zur Anfertigung und Einstellung des Pendels zAveckmässig construirten Apparate. — Nachdem Foucault beobachtet, dass ein auf der Drehbank einge- spannter dünner Mctallstab in Schwingungen versetzt, während der 119 Drehung seine Schwingungsebene nicht mit der Drehung zugleich ver- ändere, hieraus auf die Unabhängigkeit der Schwingungsebene von der drehenden Bewegung des Aufhängepunktes geschlossen, um die Unab- hängigkeit derselben auch von der täglichen Umdrehung der Erde zu erkennen, Pendelversuche zuerst mit einem zwei Meter langen Pendel in einem Kellergewölbe, dann mit Anwendung eines Pendels von elf Meter im Meridiansaale der Sternwarte zu Paris gemacht, die Abweich- ung annähernd gleich dem Produkte aus der Winkelbewegung der Erde in den Sinus der geographischen Breite des Auf hängepunktes gefunden und (1851) diese Eesultate der Academie zu Paris mitgetheilt hatte (C. R. XXXII. 135.): wurden sowohl über die Begründung einer Theorie der scheinbaren Drehung der Pendelebene, als auch über die Construc- tion eines für die Beobachtung dieser Erscheinung geeigneten Apparates Forschungen und Versuche zahlreich angestellt und veröffentlicht. Binei zeigt in einer Abhandlung „Ueber die Bewegung des ein- fachen Pendels mit Rücksicht auf den Einfluss der täglichen Umdreh- ung der Erde", (C. R. XXXII. 157.) die Uebereinstimmung der von Foucault gemachten Entdeckung mit den Poissonschen Gleichungen und findet dadurch die Nothwendigkeit der scheinbaren Drehung der Pendelebene auf analytischem Wege. Ebenfalls analytisch wird dieser Gegenstand behandelt von Thäker, „Ueber die Bewegung eines freien Pendels" (Phil. Mag. II. 275.) und von Tebay, „Ueber den Einfluss der Drehung der Erde auf die Beweg- ung des Pendels" (Phil. Mag. II. 376.) Bravais „Ueber die Systeme, in welchen rechtsdrehende und links- drehende Schwingungen nicht auf gleiche Weise vor sich gehen" (C. R. XXXII. 166) beweist, dass in der geographischen Breite von Paris der Secundenpendel bei der kreisförmigen Schwingung von Ost durch Süd nach West, dem von West durch Süd nach Ost schAvingenden Pen- del in einem Tage um ungefähr drei Secunden vorauseilen müsse. Man findet den Unterschied welcher nach 24 Stunden bei diesen entgegen- gesetzten Bewegungsrichtungen entsteht, indem man mit zwei vollstän- digen Schwingungen (4 n) den Sinus der geographischen Breite des Auf- hängepunktes multiplicirt. Coombe liefert zu dem Satze, dass die Abweichung der Pendelebene dem Sinus der geographischen Breite proportional sei, in der Abhand- lung „Ueber die Umdrehung der Erde" (Phil. Mag. I. 554.) durch geo- metrische Constructionen leicht verständliche Beweise. Auch Marignac „Bemerkungen über die Versuche Foucaults in Be- zug auf die durch die Bewegung der Erde hervorgebrachte Ablenkung der Schwingungsebene eines Pendels" (Arch. d. sei. phil. et nat. XVII. 116.) verbindet den Beweis für das so eben genannte Gesetz mit geo- metrischen Anschauungen. 130 Man beobachtet am schwingenden Pendel nach einiger Zeit eine elliptische Bewegung, statt der ursprünglichen geradlinigen, eine Fortschreitung der Apsidenlinie und Verkürzung der Axen. Clausen und Hansen führen die Elemente der Gestalt der Erdoberfläche, der Umdrehung der Erde und des Luftwiderstandes in die analytische Unter- suchung ein, und finden das Foucaultsche Sinusgesetz in der täglichen Umdrehung der Erde. Die Gestalt der Erdoberfläche und der Luft- widerstand liefern ihnen die Correctionsglieder der Reihe. Die „Pendelversuche" von Bunt fPhil. Mag. L 582; 11.37, 81, 158) in der St. Nicolaikirche zu Bristol (51" 27' Br.) mit einem Pendel von 53 Fuss Länge ergeben in annähernder Uebereinstimmung mit den Be- rechnungen von GalhraWi und Haiighton die Bewegung der Pendelebene in einer Stunde 11^4 Grad. Cox zeigt in „Beweis der Umdrehung der Erde mittels zweier Pendel" (Athen 1851. pag. 504), dass die Abiveichung der Pendelebene durch Anwendung von zwei Pendeln schneller und leichter erkannt werde, als dies durch Beobachtung eines Pendels zu ermöglichen sei. Die beiden Pendel werden so construirt, dass sie sich gegenseitig in ihrem Schwingen nicht stören. Man verbindet die Gewichte durch einen Faden, durch dessen Abbrennung die Pendel zu schwingen beginnen. Beider Pendel Schwingungsebenen fallen anfänglich in eine Ebene und das Auge, welches sich in dieser Ebene befindet, erblickt zu dieser Zeit auch nur einen Faden. Bald aber werden die Ebenen der beiden Pendel sich schneiden, die Fäden sich kreuzen, da jede Ebene sich um den Aufhängepunkt ihres Pendels dreht. Einen Unterschied in der Geschwindigkeit, mit welcher die Ablenk- ung erfolgte, je nachdem man die Schwingungen im Meridian oder in einer zu der Meridianebene senkrechten Ebene beginnen Hess, beobach- teten Bnfour, Wartmann und Marignac zu Genf. Die Ebene drehte sich bei anfänglicher Schwingung im Meridian in 2,351 Stunden, bei anfänglicher Schwingung in der zur Meridianebene senkrechten Ebene in 2,110 Stunden um 25 Grad. Dufour: „Ueber die scheinbaren Ab- lenkungen der Schwingungsebene des Pendels bei dem Foucaultschen Versuche" (C. R. XXXIII. 13). Marignac. „Ueber die zu Genf ange- stellten Pendelversuche". (Arch. d. sei. phil. et nat. XVIL 196.) Die Centrifugalkraft ist bekanntlich am Aequator am grössten , sie beträgt hier V-'so g. Mit der Entfernung vom Aequator nach den Polen nimmt dieselbe ab. Die eine Componente derselben fällt in die Riclitung der Schwere, die andere südlich in die Horizont-Ebene. Das Pendel, welches von Westen nach Osten schwingt, bringt bei seinem Gange von Westen nach Osten seine eigne Geschwindigkeit mit der Geschwindigkeit der Erddrehung in vergrössernde Verbindung. Hier- durch wird die Centrifugalkraft vermehrt und das Pendel schwingt in einer Curve, welche von der anfänglich geraden Schwingungslinie aus nach Süden holil ist. Bei der Schwingung von Osten nach Westen tritt der entgegengesetzte Fall ein. Hieraus erklärt sich die ellipti- sche Schwingung des Pendels. Die grosse Axe der Ellipse, welche da- bei in den Enden eine Wendung nach Südost und Nordwest erhält, zeigt die Richtung der Schwingungsebene. Diese wirkliche Bewegung tritt zu der scheinbaren hinzu, und hierdurch wird die Ablenkung ver- grössert. Lampray und Schaw geben in „Bericht über Pendelversuche, ange- stellt auf Ceylon", (6" 56' 6" Br.) (Phil. Mag. ü. 410.) die Resultate von elf Versuchen, welche mit der berechneten Grösse von stündlich 1,s Grad nahe übereinstimmen. Walkerhvvn.gi\n seinen „Bemerkungen über Foucaults Pendelversuch" (Rep. of the brit, assoc. 1851. 2. pag. 19.) ein neues Element in Unter- suchung. Wenn die Schwingungsebene sich dem magnetischen Meri- dian nähert, so vergrössert sich die scheinbare Bewegung der Schwing- ungsebene, und es verkleinert sich diese mit der Entfernung derselben von ihm, mit der Annäherung zu der auf der Ebene des magnetischen Meridians senkrechten Ebene. Die Fallversuche von Benzenberg und Reich und Anderen zeigten die Abweichung der gefallenen Kugeln von der Verticalen nach Osten, und bestätigten die von Nervton und Hook zuerst durch Schlüsse gefun- denen Gesetze dieser Fallerscheinung. Gmjof giebt in der Abhandlung: ,,Das Pendel ist nicht lothrecht zur Oberfläche ruhender Flüssigkeiten" (C. R. XXXn. 705.) an, dass nicht nur fallende Körper, sondern auch die Pendel von der Verticalen bemerkbar abweichen. Das zu diesem Versuche im Pantheon zu Paris aufgehangene Pendel hatte 172 Fuss Länge und wich ungefähr um zwei Linien von der Verticalen ab. Die Beobachtungen wurden durch Spiegelung des Pendellothes in einer horizontalen Ebene angestellt und zwar mittels Kugeln, welche am Pen- delfaden dicht unter dem Aufhängepunkt und über dem Gewicht ange-t bracht, mit ihren Spiegelbildern eine gebrochene Linie bildeten, so dass die obere um 41/3 Millimeter nach Norden durch eine Schraube fort- geschoben werden musste, damit die beiden Kugeln mit den Spiegel- bildern in einer geraden Linie erschienen. Um das Pendel längere Zeit in Schwingung zu erhalten, verband Franchot die horizontale Schwingung des Pendels mit einer durch eine Spiralfeder hervorgebrachten vertikalen Schwingung. Wenn nämlich diese beiden Schwingungen in passenden Zeitverhältnissen erfolgen, so wird die Dauer der horizontalen Schwingungen dadurch verlängert. In der Mittheilung: „Pendel mit fortdauernder Bewegung" (C. R. XXXIL 768.) wird ein Apparat beschrieben, durch welchen mit Anwendung eines galvanischen Stromes verticale Schwingungen erzeugt werden, die durch eine Spiralfeder auf das Pendelgewicht übertragen, auf diese Weise das Pendel in seiner horizontalen Bewegung erhalten. 182 Henderson giebt ein Veranschaulichungsmittel der scheinbaren Dreh- ung der Schwingungsebene bei der Bewegung der Erde in „Beschreib- ung des Geotropcskopes, eines Apparates , um das Princip des Fou- cault'schen Versuches sichtbar zu machen^^ (Mech. Mag, LIV. 471.) an. Ueber einer runden um ihren Mittelpunkt drehbaren Scheibe wird durch einen umgebogenen am Rande derselben befestigten Stabe ein Pendel so angebracht, dass die Spitze des Pendelgewichtes genau über dem Mittelpunkte der Scheibe steht. Wird nun das Pendel in Beweg- ung gesetzt und zugleich die Scheibe gedreht, so zeigt sich, dass die Schwingungsebene an dieser Drehung nicht Theil nimmt, mithin die Drehung des Aufhängepunktes auf die Richtung der Pendelschwing- ungen keinen Einfluss ausübt. Kühn beschreibt in der Mittheilung : „Pendel ohne Uhrwerk längere Zeit schwingend zu erhalten" (Dingl. p. J. CXXI. 317.) einen Apparat, welcher auf magnetischen Wirkungen basirt. Er sagt, ein Pendel, welches an einer offenen Taschenuhrfeder aufgehängt, während 69 Minu- ten in Schwingung blieb, verharrte 16 Stunden in schwingender Beweg- ung, als die Spirale am obei'cn Ende in eine feine Spitze auslief, die vom Pole eines Magneten angezogen wurde. In dem Werke: Die Fortschritte der Physik etc. Dargestellt von der physikalischen Gesellschaft zu Berlin. VI. u. VII. Jahrg. Redigirt D. A. König und Prof. Dr. W. Beetz. Berlin 1855. findet man eine ausführliche Zusammenstellung der über das Pendel erschienenen Ab- handlungen theils mit Inhaltsangabe theils in Auszügen. — Verschiedene Vorrichtungen, durch welche man die Unabhängigkeit der Schwingungsebene von der drehenden Bewegung des Aufhänge- punktes anschaulich darstellen kann, sind angegeben von Sylvester (C. R. XXXm. 40), Baudrimont (C. R. XXXII. 307), Poinsot (C. R. XXXII. 206), De Tessan (C. R. XXXH. 504), Sire (C. R. XXXV. 431), Porro (C. R. XXXV. 855), Marx (Pogg. Ann. LXXXHI. 302), Krüger (Pogg. iVnn. LXXXIV. 151), Hamann (Pogg. Ann. LXXXVII. 614). Prof. Delabar zeigt in seiner oben angeführten Abhandlung ein aus No. 11. des Unterhaltungsblattes zur Zeitung „der Deutsche" von 1854 citirtes Verfahren an, durch welches man mit in einem ruhigen, festste- henden Gefässe eingeschlossenem Wasser ebenfalls die Rotation der Erde sichtbar machen könne. „Man nehme ein grosses offenes Gefäss, z. B. oine weite Glasschale, fülle dasselbe beinahe bis oben mit Wasser und setze es an einem ganz ruhigen Orte auf den Boden eines Zimmers im Erdgeschoss, wo weder Luftströmungen, noch andere Erschütterungen stattfinden. Nachdem daselbst die Oberfläche des Wassers scheinbar vollkommen ruhig geworden, pudere man auf dieselbe mittels eines Läppchens eine dünne Schicht Bärlappsaamen, jedoch so, dass sie nicht ganz den Rand der Schale erreicht. Hierauf streue man, etwa mit einer zusammengefalteten Karte, einen Strich von Kohlenpulver über die nn Mitte der Bärlappenschicht, und endlich mache man am Rand des Ge- fässes in der Richtung der schwarzen Linie ein Zeichen, oder lege über und parallel mit ihr ein Stäbchen diametral auf den obern Rand des- selben, um zu sehen, ob und wie dieselbe ihre Lage ändere. Nach einiger Zeit wird man alsdann wahrnehmen', dass der schwarze Strich der Lycopodiumschicht sich scheinbar von Rechts nach Links herum- bewegt, woraus man zu schliessen berechtigt ist, dass die Erde sich um ihre Axe und zwar gerade umgekehrt von Links nach Rechts oder von Westen nach Osten dreht." Die Schlangen K'ordamerika's. Herr Dr. Benno Matthes, welcher behufs naturwissenschaftlicher Forschungen sich längere Zeit in Nord- amerika aufgehalten hat, macht uns folgende Mittheilung: „In der im Januar 1 S53 von den Professoren S. F. Baird und C. Girard bearbeiteten und durch Smithsonian Ynstitution zu Washington herausgegebenen Monographie, die Schlangen Nord- Amerikas betreffend, ergiebt sich, dass bis jetzt in jenem Lande nicht weniger als 119 Schlan- genarten entdeckt und beschrieben worden sind, und zwar 18 Species Giftschlangen und 101 Species giftlose Schlangen. Unter den Gift- schlangen befinden sich allein 7 Species eigentliche Klapperschlangen (Crotali) , 5 Species Schwirrschlangen (Crotalophori) , 1 Species Acki- strodon, 2 Species Toxicophis und 3 Species Elapiden. Von den gift- losen Schlangen gehören zu dem Genus Eutainia allein 16 Species, zu Nerodia 10 Species, zu Regina 4 Species, zu Heterodon 6 Species, zu Pituophis 6 Species, zu Scotophis 8 Species, zu Ophibolus 9 Species, zu Georgia 2 Species, zu Bascanion 5 Species, zu Masticophis 6 Species, zu Leptophis 2 Species, zu Diadophis 5 Species, zu Tantilla 2 Species, zu Storeria 2 Species, zu Wenona 2 Species und zu Bena 2 Species; die Genera: Ninia, Salvadora, Chlorosoma, Contia, Lodia, Sonora, Rhi- nostoma, Rhinochelus, Haldea, Farancia, Abastor, Virginia, Celuta, Osceola sind nur durch einzelne Species vertreten. Vor 1 853 waren nur 65 Species von Schlangen in Nordamerika be- kannt, demnach ist durch genauere Untersuchung die Zahl noch um 54 vermehrt worden, hierzu aber wurde die Aufstellung von 22 neuen Genera nothwendig. Sämmtliche 119 Species von Schlangen befinden sich im Museum von Smithsonian Ynstitution." Ueber die Bernerde in der BrannkrMe von Quatiiz bei Bautzen ist uns von Herrn E. v. Otto auf Possendorf folgende Mittheilung gemacht worden : „In einer Lage erdiger Braunkohle an oben genanntem Orte finden sich Einsprengungen einer mehligen, gelblichen Substanz, welche gerie- ben nicht nur einen Harzgeruch giebt, sondern sich auch wie pulveri- sirtes Colophonium anfühlt. Man hat diese Masse Bernerde genannt. 124 Glocker subsiimmirt in seinem Gyundriss der Mineralogie und Geognosie Nürnberg 1839, die Bernerde von Zittau, Muskau, Wettin der erdigen Braunkohle, und unterscheidet sie von lezterer nur durch ihren ange- nehmen Geruch bei dem Erwärmen. Durch die Güte des Hrn. v. Gersheim in Bautzen gelangte ich in den Besitz mehrere Handstücke erdiger Braunkohle mit zahlreich ein- gesprengter Bernerde von Quatitz. Durch Freundes Hand (Hrn. Oek.- Commiss. Lehmann) Hess ich nun diese Bernerde chemisch untersuchen und erfuhr folgende Resultate. I. Bei Erhitzung auf Platin schmolz die Masse und entwickelte gelbe, nach Harz stark riechende Dämpfe, welche sich leicht entzündeten, und mit leuchtender, stark russender Flamme verbrannten. Die rückstän- dige Kohle hinterliess bei fortgesetzter Verbrennung nur wenig Asche. n. Bei der Behandlung mit Weingeist wurde im kalten Zustande ein Theil der Masse aufgelüset und färbte die Masse lichtgelb. Noch voll- ständiger erfolgte die Auflösung in heissem Weingeiste. Der ausgesüsste und getrocknete Rückstand hatte die Farbe der übrigen Braunkohle, verbrannte ohne Flamme, und seine Dämpfe rochen wie brennende Braunkohle. Der Weingeistauszug opalisirte mit Wasser gemengt, und hinterliess bei dem Verdampfen eine glänzend braungelbe Masse, welche, im Por- zellantiegel verbrannt, dieselben gelben, nach Harz riechenden Dämpfe, wie bei No. I., zeigte. Die sich hierbei bildende Kohle hinterliess bei weiterer Verbrennung keine Asche. ni. Die trockene Destillation Hess eine Menge braunen Theers und Wassers entstehen; doch bildeten sich hierbei im Retortenhalse keine Krystalle von Bernsteinsäure. Der Theer roch wde Steinöl und lösete sich leicht im Weingeist. IV. Wasser vermochte die Masse weder kalt, noch warm zu lösen. Aus Obigem scheint hervorzugehen, dass die sogenannte Bernerde aus Quatitz, da sie aller Bernsteinsäure entbehrt, aus andern fossilen Harzen, als aus Bernstein, entstanden sein müsse, dass dieselben aber sehr reich an ätherischen üelen waren, da sie trotz ihrer Zersetzung in ordige Masse immer noch deren enthalten, was der liebliche Geruch bei ihrer Verdampfung beurkundet. Dass nicht alle für Bernstein ausgegebenen fossilen Harze eigent- licher, wirklicher Bernstein sind, führt Prof Naumann schon an, (Ele- mente der Mineralogie. Leipzig 1852. Seite 436.) Bei wiederholt sorgfältiger Betrachtung vieler vorliegender Hand- stücke solcher Braunkohle mit eingesprengter Bernerde aus Quatitz fand ich 125 a) dass diese letztere sich fast stets in spitzovalei' Form vorfindet, b) dass an uiehrern gut erhaltenen Exemplaren sich noch eine schalige Absonderung mit im Mittel meist orangegefärbtem Kern zeigt, Fig. 1. 2. 3. 4. 6. 7. 12. c) dass, wenn sie aus der sie umhüllenden Braunkohle herausgebohrt wird, die Höhlung, in welcher sie lag, ebenfalls diese spitzovale, bohnenartige Form erblicken lässt, Fig. 5., d) dass unregelmässige, eckige Exemplare entweder schon vor ihrer Zersetzung destuirt waren, oder durch ungünstigen ßi-uch der Braun- kohle diese regellose Form erhielten, Fig. 8. 9. 10. 11. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. Es scheinen demnach Früchte gewesen zu sein, welche ihrer Leich- tigkeit wegen schwammen und an einen Ort zusammen geschwemmt wurden ; ihres Harzreichthums, Form und Grösse wegen aber wohl Coni- feren angehört haben dürften, wie uns z. B. die Jetztwelt bei Pinus pinea liefert, oder einsamige Nüsse mit fleischiger Hülle irgend einer frühern Eiben-Art gewesen sein könnten. Betrachtet man die Blütheukätzchen und jungen Zapfen noch leben- der Coniferen-Arten, wird man fast an allen starke Harz-Ausschwitzungen bemerken, dadurch liesse sich auf den grossen Harzreichthum dieser einstigen Früchte folgern." Reflexionstöne nennt /. /. Oppel diejenigen, welche durch unter be- stimmten Umständen hinreichend schnell auf einander folgende reflec- tirte Wellen eines einfachen Schalles erzeugt werden. Wenn in einiger Entfernung von einem in gerader Linie stehenden die Schallwellen re- flectirenden Gitter ein Schall erzeugt wird, so werden die um den Ent- stehungspunkt des Schalles concentrisch fortschreitenden Schallwellen nicht zu gleicher Zeit an die einzelnen Stäbe des Gitters anschlagen, sondern zuerst bei demjenigen Stabe anlangen, welcher im Berührungs- punkte der Gitterlinie und der Schallwelleukreise sich befindet. Von diesem Stabe aus werden zuerst die Schallwellen reflectirt, hierauf von dem ihm zunächststehenden u. s. w. Bei geigneter Stellung aber wird ein Hörer die reflectirten Schallwellen in unmittelbar auf einander fol- 126 genden Zeitmomenten und (bei hinreichender Nähe der Gitterstäbe an einander) ohne dieselben zu unterscheiden wahrnehmen. Diese zusam- nienliängende Keihe von an den einzehien Stäben immer neu entstellen- den Schallwellen bildet den Ton. Es wird also durch einen Schall mit- tels Reflexion ein Ton erzeugt. Die Abhandlung^ in welcher Oppcl diese Entdeckung veröffentlicht hat^ befindet sich in Poggendorfs Anna- len, XCIV. Bd. 3. Hft. : „Beobachtungen über eine neue Entstehungs- weise des TonS; und Versucli einer Theorie derselben." Es ist diese Wahrnehmung vom Verfasser dieser Abhandlung bei einem Schusse in der Nähe eines Eisengitters wahrgenommen worden. Er sagt hierüber selbst : „die durch den Schuss hervorgebrachte einfache Schallwelle brei- tet sich in bekannter Weise um den Punkt ihres Ursprungs mit gleich- massiger Geschwindigkeit kreisförmig aus^ und erreicht bei dieser Aus- breitung nach einem gewissen Zeitintervall das erwähnte aus gleichweit von einander entfernten Stäben bestehende Gitter des Brückengeländers. Der Punkt desselben, bei welchem sie zuerst anlangt, wird ohne Zwei- fel derjenige sein, der ihrem Ursprünge am nächsten liegt, .... (e,, sei dieser Punkt der Anfang des Gitters) . . . ., dass dieser Stab das Centrum einer neuen, freilich viel schwächeren Welle bildet, die sich von ihm aus gleichfalls kreisförmig verbreitet und von dem in der Nähe befindlichen Hörer — wäre jener, Stab der einzige — als ein schwaches Echo des Knalls vernommen werden würde. Nun aber wird die ursprüngliche, durch den Schuss hervorgebrachte Schallwelle, einen Augenblick später, in gleicher Weise auch bei dem zweiten Stabe des Gitters anlangen, und auch an diesem eine ähnliche Pteflexion erleiden, also ein ähnliches Echo des Schalls hervorbringen, welches aber das Ohr des Hörers in einem so kurzen Zeitintei'valle nach jenem ersten treffen muss, dass es von ihm nicht unterscliieden werden kann und ohne Zweifel — wären blos diese zwei Stäbe vorhanden, — nur als eine massige Verstärkung des ersten Echo's erscheinen würde. Die unab- lässig weiter gehende Verbreitung der ursprünglichen Schallwelle aber wird, gleich darauf auch bei dem dritten Stabe anlangend, auch diesen wiederum zu einem neuen Wellencentrum machen .... auch der vierte, fünfte, sechste Stab des Gitters .... jeder derselben wird durch Re- flexion eine einfache Welle liefern und jede dieser Wellen wird das Ohr des Hörers etwas später treffen müssen, als die durch den vorher gegangenen Stab hervorgerufene; . . . Bei dem geringen Abstände der Stäbe aber und der sich daraus ergebenden noch geringeren Differenz der Wege . . . verglichen mit der normalen Fortpflanzungsgeschwindig- keit des Schalles in der Luft, wird es vollkommen begreiflich Averden, dass die von den verschiedenen Stäben ausgegangenen Stösse oder Wellen nicht unterschieden, nicht einzeln vernommen werden können, sondern vielmehr in ihm genau denselben Eindruck hervorbringen müssen, wie eine continuirliche Reihe rasch auf einander folgender 121 Stüsse, d. h. wie die continuirliche Wellenreihe eines inusikalisch bestimm- baren Tones." Es sind hierbei zwar die Intervalle nicht gleich, was für einen deutlichen bestimmten Ton erforderlich; aber je zwei benach- barte Zeitintervalle werden nahezu gleich sein. Der Ton wird als im Sinken begriffen wahrgenommen werden. Die aUmähUg auftretende Ungleichheit der Schwingungen, die allerwärts an Gleichheit streift, ver- leiht dem Tone den Charakter des Artikulirten, und dies hat er mit den durch thierische Stimmorgane erzeugten Tönen gemein. — Mit Berück- sichtigung der Gitterweite, Grösse und Richtung der Entfernung der Schallquelle und des Hörers werden allgemeine und durch Zahlenbei- spiele erläuterte ausführliche Berechnungen der Tonhöhe und Ton- stärke angestellt. Hierbei ergiebt sich z. B. aus den Berechnungen, dass „wenn der Hörer stets bei dem Schiessenden bleibt, die Tonhöhe direct proportional der Entfernung beider vom Anfange des Gitters ist. Entfernen sich beide um das Doppelte vom Gitter, so wird der Ton um eine Octave, entfernen sie sich nur um die Hälfte ihres vorigen Abstaudes, so wird er um eine Quinte höher werden müssen u. s. w. Bleibt der Hörer an seinem Ort, während der Schiessende sich entfernt, so nimmt die Tonhöhe in einem langsameren Verhältnisse zu als diese Entfernung. Dasselbe muss natürlich auch stattfinden, wenn der Schies- sende seinen Platz behauptet und blos der Hörende sich allmählig ent- fernt oder nähert"; würde Jemand, welcher an einer Stelle bleibt, die Töne des Durdreiklanges durch diese Reflexionstöne wahrnehmen wol- len, so müsse er bei ungefähr einem Fuss Gitterweite der Stäbe, sich und den ersten Schützen 105', den zweiten Schützen 175' und den drit- ten 315' vom Gitter entfernt aufstellen. „Ueber die Vertheilung der Regen in den gemässigten Zonen" befin- det sich in PoggendorfFs Annalen XCIV. Bd. 1. Hft. 42 bis 59 S. eine Abhandlung von H. W. Dove. Es sind derselben Tabellen: „Regen- menge in englischen Zollen in Nordamerika" (6S Beobachtungsorte), „Staat New-York" (62 Beobachtungsorte), „Preussen" (40 Beobachtungs- orte), „Russland" (21 Beobachtungsorte) beigegeben, worin mit Angabe der geographischen Länge und Breite der Beobachtungsorte in Amerika und Russland die mittlere Regenmenge für die einzelnen Monate, für die Jahreszeiten und für das ganze Jahr (aus der verschiedenen Anzahl der Jahre, während welcher die Beobachtungen angestellt wurden) an- gezeigt ist. Nach einer genauen Erörterung der klimatischen und an- deren Einflüsse auf die an einem Orte fallende Regenmenge und aus- führlichen Beurtheilung gegebener Thatsachen folgen allgemeine Be- trachtungen, aus denen hier nur einige Sätze mitgetheilt werden können : „An keiner Stelle der Erde verändert sich die Physiognomie des Landes so schnell, als in der neuen Welt. Reich bebaute Felder umgeben bevölkerte Städte, wo vor wenigen Jahrzehnten kaum ein menschlicher 128 Laut die Stille des Urwaldes unterbrach. An derselben Stelle, wo heute ein einsames Fort die erste Stelle fester Ansiedelung bildet, wird viel- leicht in wenigen Jahren schon das lebendige Treiben einer städtischen Gemeinschaft sich geltend machen. Auf diese Weise entstehen zunächs.i Culturoisen in der gleichförmigen Bedeckung des Waldes, die sich so vergrüssern, dass zuletzt der Wald selbst in vereinzelte Gruppen zer- fö,llt. Wird dies ohne Einfluss auf die Regenverhältnisse sein? Lässt sich diese Frage irgendwo für die gemässigte Zone beantworten, so ist es in Amerika. Verdichtet der durch den Tabakbau erschöpfte Boden von Virginien so viel Wasserdampf zu Regen als damals, wo er noch mit Wäldern bedeckt war? Wir wissen es nicht; aber bieten nicht die neuen Staaten Gelegenheit, dieselbe Frage zu beantworten? Für die tropischen Gegenden wissen wir, welchen Einfluss die Verwüstung äus- sert, die man Cultur des Landes nennt. Die Inseln des grünen Vor- gebirges und die Canaren haben, als der Urwald unter der Axt der europäischen Ansiedler fiel, oder wie auf den Azoren niedergebrannt wurde, sich immer mehr und mehr in nakte Felsen verwandelt, denn mit dem Waide, der sie bekleidete, sind die liegen verschwunden oder seltner geworden, welche, als er noch den Boden beschattete, die Erde tränkte." „Steht die Sonne über der wasserreichen südlichen Erdhälfte, so wird ein grösserer Antheil der durch sie erregten Wärme gebunden, als wenn sie im nördlichen Zeichen verweilend, eine überwiegend feste Grundlage bestrahlt. Der Wasserdampf, welcher sich von der Herbst- nachtgleiche bis zur Frühlingsnachtgleiche über der südlichen Erdhälfte in überAviegendem Maase entwickelt, kehrt in der anderen Hälfte des Jahres zur Erde als Regen und Schnee zurück und zwar überwiegend auf der nördlichen Erdhälfte. Wenn aber unter der Hand des Men- schen locale Unterschiede des Bodens immer mehr verschwinden, so wird zwar dieselbe Wassermenge herabfallen, aber vorzugsweise geregelt durch allgemeine Verhältnisse aus einer mehr gleichförmigen, ich möchte lieber sagen unregelmässigen Vertheilung der Menge des herabfallen- den Wassers wird der Gegensatz einer trockenen und einer Regenzeit sich entschiedener herausstellen." „Wenn die Ausrottung der Wälder und die Cultur des Landes die Ursachen vermindert, welche den Was- serdampf bestimmen, aus der luftförmigen Form in die tropfbare über- zugehen, so ist es klar, dass, wenn wir in Beziehung auf die Bebauung des Landes sehr verschiedene Gegenden, an welchen aber die Regen- menge gleich ist, mit einander vergleichen, der Ort, welcher seinem Naturzustand mehr erhalten, wenigstens in den unteren Schichten der Atmosphäre relativ trockener sein wird, da an ihm die Temperatur der Luft häufiger dem Condensationspunkte der Dämpfe näher sein muss, als dort." Freunden der Meteorologie, welche aufFakta gestützte Betrachtungen und in bestimmten Zahlen angegebene Verhältnisse zu lesen wünschen, mag diese Abhandlung empfohlen sein. Dr. A. Drechsler. Im Verlache von Rudolf Kuntze in Hamburo; ist erschienen : JENSEITS DES OCEANS. B e i t r ä <>• e z ii r Kunde a m e r i k a n i s c h e ii L eben s. IX. X. Bfl. ROMANTIK der NATURGESCHICHTE oder wildes Land und wilde Jäger. Von E. O. ITebtoer. Aus dem Englischen von 1. B. Lindau. Zwei Bände. 1 Tlilr. 15 Nsjr- ERINNERUNG an die STUNDEN DER MUSE ßr. üttaji'stiit (Ifs höchststligfii %[mp FRIEDRICH AUGUST bei Auslegung vou Reliquien im Namen der Gesellschaft Isis gesprochen von Dr. Ludwig Reichenbach. Preis G Ngr. Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerci von C. C. Hcinliolil Sc Siilii Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thir. I Band. No. 4. Allgemeine deutsche Bfatnrhistorkche Mtmg. Im Auftrage der Gesellschaft ISIS in Dresden in Verbindung mit auswärtigen und einlieimischen Gelehrten herausgegeben Dr. Adolph Drechsler. Nene Folge: erster Band. 4. geft. INHALT. Freie Uebersetzung und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Uaime „la pisciculture" in der Revue des deux mondes vom Juni 1854 nebst Zusätzen von Hr. Küchenmeister, prakt. Arzt in Zittau. Excursion von New -Orleans nach dem Urwald am Rio Colorado in Texas. Von Dr. Benno Matthes. Cycadeen-ßlatt im Rothliegenden. Von E. v. Otto auf Possendorf. Psammomys obesus Rüppel. (Die dicke Sandwüstenmaus.) Von Dr. A. Dehne, Hoflösnitz bei Dresden. Kleinere Mittheilungen. — Literatur -Blatt der Isis. HAMBURG, Verlag von Rudolf K u n t z e. 1855. Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandltuig von Rud.Kuntze (Herrn. Bur dach.) S^-' Siehe die Seiten des Umschlags. ^fllTi iiM^mwi 129 Freie Ueberselzuiig und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Haime „la pisciculture" in der Revue des deux mondes vom Juni 1854 nebst Zusätzen von Dr. Küchenmeister, pract. Arzt in Zittau. Kacli einleitenden Bemerkungen, dass die Fischerei nicht sowohl die Agricultur der Gewässer, sondern die Ernte aus ihnen sei, die man leider meist ohne Saat einsammeln zu können sich einbilde ; nach einer Aufzählung der grossen Fruchtbarkeit verschiedener Fische (ein Barsch hat 28;220 Eier, ein Häring 36,960; Hechte 80,388 bis 271,160; eine Scholle 100,360; Rothfedern 71,820 bis 113,840; eine Brasse 137,800: eine Schleihe 383,250; eine Makrele 546,140; ein Plattfisch [camlet] 1,357,400; ein Stöhr 7,635,200 nach Petit; ein Kabeljau 9,344,000 nach Leuwenhoek ; eine 50 Centimeter lange Steinbutte 9,000,000; eine Meer- äsclie [muge ä grosses levres] bis 13,000,000 nach Välencienness Be- richt in der Sitzung der Academie vom 20. März 1854); nach der Be- merkung, dass trotz dieser Fruchtbarkeit die Flüsse in Folge zahlreicher, natürlicher und in der Cultur gelegener feindlicher Einwirkungen jähr- lich fischärmer AA^lrden und dass nach Milne - Edwards die Fischarten nicht allein in dem Verhältniss abnähmen, als ihre Jungen verhindert werden bis zur geschlechtlichen Reife zu gelangen, sondern auch in dem Verhältniss, als die gelegten Eier dem Nichtbefruchtetwerden durch den männlichen Saamen ausgesetzt sind; dass ausserdem die glücklich befruchteten Eier vor dem Ausschlüpfen der jungen Brut allerhand Schädlichkeiten, z. B. dem Auftrocknen, wenn das Wasser von der Lege- stelle zurückgeht, dem Ersticken durch schlammige Massen, den ver- schiedenen Feinden der Eier,' als Algen, Insekten, Crustaceen, Fische, Wasservögel, Wassersäugethiere , z. B. Mäuse, Fischottern, ausgesetzt sind; nach dem Hinweise auf die mangelhafte Fischgesetzgebung und die geduldete Umgehung der Gesetze, auf die straflose Ausübung der Fischerei zu allen Zeiten des Jahres, auf die schändliche Gewohnheit der Fischer Tausende von den Fischen, die für den Verkauf noch zu klein sind, ans Ufer zu werfen und allda umkommen zu lassen, tonnen- weise den Laich an den Meeresküsten auf die Aecker zu fahren, oder die Schweine damit zu mästen; nach einem Rückblicke auf die frühere Fischgesetzgebung*), nach einer Besprechung der neuern franz. Fisch- *) Ethelred U., König der Angelsachsen, untersagte 966 den Verkauf junger Fische; Malcolm 11. 1030, bestimmte die jährlichen Perioden des Fischfanges; Eobert I. befahl, dass die einzelnen Stäbe der Fischreusen 2 Zoll von einander abstehen müssten, damit die junge Brut entschlüpfen könne; Robert HI. bestrafte den Lachsfang zur verbotenen Zeit mit dem Tode, Jacob zwar nicht mehr mit dem Tode, aber noch mit strengen Strafen. Die französischen Könige erliessen Gesetze über die Art der Netze und die ^ Grösse der zum Verkauf gebrachten Fische; Colbert verbot 1669 das Fischen zur Nacht . und Laichzeit mit Geldstrafen und Gefangniss, im 3. Wiederholungsfälle mit Pranger AUg-. deutsche naturhist. Zeitung-. I. , 180 gesetze, z. B. der Ordonnanz vom 15. April 1829 und 15. Novbr. 1S30, nach denen die Pi'äfecten im Vereine mit den Förstern die Zeit bestim- men sollen, in der wegen der Streichzeit die einzelnen Arten geschont werden sollen, wodurch denn in Folge von Unkenntniss in naturwis- senschaftlichen Dingen dergleichen Gesetze zu Tage kämen, wie das, welches den Forellenfang vom 1. Februar bis Mitte März, wo doch die meisten Forellen schon abgestrichen haben, untersagt, wonach ferner nur die und die Arten Netze verboten sind, was man alle Tage durch Um- änderung der Netze umgehen könne, wovon jedoch alle in Teichen ge- zogenen Fische ausgenommen sind und wonach endlich die Hindernisse der Passage der Fische nur oberflächlich bestimmt wurden) ; nach einer Wiedergabe der auf die Archive des Finanzministeriums gestützten Be- rechnung, dass von den 7,570 Kilometern fliessenden Wassers einige Wässer ganz oder fast ganz entvölkert sind und alle in Summa nur 521,395 Francs d. i. auf 1 Kilometer nur 69 Francs Ertrag liefern, wäh- rend z. B. 1 Kilometer des heute noch fischreichen Doubs 159, der Mosel 182, der Loire in der Loire-inferieure 252, der Sarthe 297, des Loiret 309, der Mayenne 399, Leine 498, der Maine sogar 1,378 Francs Ertrag liefert; endlich nach der Bemerkung, dass die Fischzucht oder die „pisciculture" durch die Bestrebungen der Naturforscher in ihrem gan- zen Werthe aufgedeckt und von der Regierung und aufgeklärten Priva- ten erkannt worden sei, dass sie einen wichtigen Zweig der Naturwissen- schaften, Agricultur und politischen Oeconomie darstelle, nach diesen einleitenden Bemerkungen macht sich der Verfasser selbst an eine resu- mirende Bearbeitung dessen, was Erfahrung und Wissenschaft in diesem Zweige bisher geleistet haben und führt dies, wie man bald sehen wird, mit ebenso grosser Sachkenntniss, als mit einer bei den Franzosen nicht immer zu findenden Gerechtigkeitsliebe durch. I. Man kann in der Geschichte der künstlichen Vermehrung und ab- sichtlichen Bereicherung der Gewässer mit Fischen drei grosse Perioden verfolgen. 1) Die Periode der Vermehrung der Fische durch Sammeln der schon von den Aeltern in der freien Natur natürlich und ohne Zu- thun der Kunst befruchteten Fischeier und der jüngsten schon ausge- schlüpften Brut; nebst einer frühern Fütterung in den frühern Zeiten. nnd Staubbesen , ferner das Versperren der. Flüsse in ihrer ganzen Breite mit Netzen und gebot das Zurückwerfen der nicht ein gewisses Maass habenden Fische in das Wasser; z. B. die zu Markte gebrachten Forellen, Karpfen, Barben, Brassen und Meunier's nmssten vom Auge bis zum Schwanz wenigstens 6 Zoll, die Schleihen, Bar- sche und Plötzen wenigstens 5 Zoll bei einer Strafe von 100 Fr! messen. — Interessante Andeutungen über Fischgesetze fand Referent auch in den Reisewerken über Island, wo die Art der Netz- und Fischrcusenlegung schon desshalb genau gere- gelt war, damit die tiefer im Lande, höher an den Flüssen hinauf, lebenden Bewohner auch ihre Ernte hätten. 131 2) Die Periode der Vermehrung der Fische durch Einleitung einer durch die Menschen bewirkten künstlichen Befruchtung. 3) Die industrielle Verwerth- ung dieser Thatsachen und die heutige künstliche Fütterung der Fische. Erste Periode. Vermehrung der Fische durch Sammeln der natürlich befruchteten Eier und Apparate zur Einleitung natürlicher Befruchtung der Fische. Chinesische, altrömischc; neusicilianische; schwedische Methode, sowie die Methoden von Barrere, Coste und Millet. Von vor Christi Geburt bis heute. Der jesuitische Pater Johann Baptista Duhaldu, ein chinesischer Missionär, erzählt im 1. Theile der Geschichte des Kaiserreichs China, I. pag. 35, 1735: „in dem grossen Flusse Yang-tse Kiang, Provinz Kiang-si, sammeln sich zu einer gewissen Zeit des Jahres eine enorme Anzahl Barken, um daselbst Fischsaamen zu kaufen. Gegen den Mai sperren die Bewohner den Fluss an verschiedenen Orten mit Flechten und Hürden in einer Ausdehnung von 9 oder 10 Meilen (lieues) und lassen nur so viel Raum, als nöthig ist für die Passage der Barken. An den Flechten hängt sich der Fischsaamen an. Die Leute vermögen mit den blossen Augen ihn im Wasser zu unterscheiden, wo Ungeübte nichts erkennen Avürden. Sie schöpfen von diesem mit Saamen gemisch- tem Wasser und füllen damit verschiedene Gefässe zum Verkaufe. Hier- von kaufen fremde, mit Barken ankommende Kaufleute, die den Saamen in die entfernten Provinzen führen, wobei sie ihn zur Zeit umrühren und helfen einander dabei gegenseitig. Nach einigen Tagen bemerkt man in dem Wasser Saamen, der kleinen Fischhaufen gleicht, ohne dass man noch die Arten unterscheiden könnte, was nur mit der Zeit möglich wird. Auch zeigt sich bei den Chinesen die erste Spur künstlicher Fütterung ; denn andere Reisende versichern, dass der junge Fisch, sobald er zu fressen beginnt, mit Sumpflinsen und Eigelb genährt wird. Auch in sehr alten Zeiten schon hatten die Römer ähnliche Ge- wohnheiten. Columella sagt in dem 16. Capitel des VIH. Buches de re susticä: obgleich die ersten Römer Landbauer waren, so suchten sie sich doch städtische Annehmlichkeiten und Ueberfluss in verschiedenen derartigen Dingen zu verschaffen ; sie suchten ihre Weiher und Teiche mit Fischen zu bevölkern, und warfen in die von der Natur selbst ge- bildeten Teiche den Saamen der Seefische. So machten sie im Lacus Velinus, Sabatinus, Vulsinensis und Ciminus die Goldfische, den Lachs- hummer (Lupus marinus) und eine grosse Anzahl anderer Fische gemein und verwandelten Salzwasser- in Süsswasserfische. In den späteren Jahren wurde die Fischvermehrung ein wahrer Modeartikel der reichen Römer, der Fisch, der grösste Leckerbissen ihrer Tafeln, besonders in der Zeit von der Zerstörung Carthagos bis zur Zeit Vespasians. Hierin vergeudeten Senatoren und reiche Patrizier die in Asien und Afrika erpressten Schätze. Licmius, Murena, (juinlus 10* 132 Hortensius , Lucius Philippus construirten ungeheure Bassins, die sie mit den gesuchtesten Fischarten besetzten, Lucullus durchstach einen Berg, um Seewasser in seine Teiche zu leiten, Gajus Hinius*) bezog nach Varro de re rusticä lib. IIL, cap. 17, 12,000,000 Sesterzen (3,000,000 Francs—, über 800,000 Thaler) an Revenuen aus zahlreichen Gebäuden und ver- wendete diese ganze Summe auf die Ernährung seiner Fische. Die reichen Patrizier theilten sogar ihre Fischteiche in besondere Abtheilun- gen ab, die nur besondere Arten von Fischen enthielten, und hielten sich eine grosse Anzahl von Fischer, um jedem Fische seine Nahrung zu besorgen. Eine besondere Expedition wurde ausgerüstet, um von der toscanischen Küste eine Art von Meerbrasse zu holen, die dem grie- chischen Meere eigenthümlich war. Dies Verfahren ruinirte die Familien und entvölkerte das Meer von Fischen, wie schon Juvenal klagt,**) dass man den Fischen des tyrr- *) wird derselbe Hinius sein , der dem Julius Cäsar bei seinem Triumphschmause 6000 Muränen lieh, da er sie ihm um keinen Preis veikaufen wollte. K. **) „Mullus erit domino , quem recipit Corsica , vel quem Tauromenitanae rupes, quando omne peractum est jam defecit nostrum mare, dum gula saevit, Eetibus adsi- duis penltus serutante macello Proxima, nee patitur Tyrrhenum crescere piscem." Juvenal, Satir. v. vers. 92 — 96. „Rothbarth speiset der Herr , den Corsica oder die Klippen Tauromenium's uns hersandten ; denn lange ist unser Meer schon völlig erschöpft und geleert , da wüthet die Kehle, Sämmtliche Nähen erforscht mit beständigen Netzen der Marktplatz, Wir nicht dulden, dass gross im tyrrhenischen Meere der Fisch Avird." Düntzer'sche Uebersetzung. Nach dem Satyriker Lucius, geb. 148 vor Christi Geburt, gelten am meisten der einst als Seltenheit durch bekränzte Sclaven unter Flötenbegleitung auf die Tafel ge- brachte, zu Plinius II. Zeit nicht mehr geschätzte Stöhr, der Lupus marinus, der an der Tiber gefangen wurde (nach Düntzer ein Hecht, nach den französischen Auslegern ein Lachshummer), die später gemein gewordene Sarpeda (ein Umbei fisch = Sciaena umbra oder Sc. aquila und Corvina nigra) der am besten im Mäotischen See gedieh und aus dem Pontus nach Rom gebracht wurde und der aus Aegypten gekommene Wels. Letztere beiden kamen eingesalzen nach Rom und dienten als Stomachica. Heute schätzt man von Sciaena aquila das Fleisch, von Corvina nigra den Rogen cfr. Lucilius. IV. Buch. Scarus = Lippfisch, Horaz's Satyr. 2. Buch. IL, vers 22, war gemein im camathischen Meere und wurde erst bei Kaiser Claudius an die italienische Küste verpflanzt. Noch Marcial rühmt nur seine Eingeweide und Leber, alles Andere sei gemein. Er ist der kostbarste aller Fische schon nach Ennius. „Alles Gemeine ver- schmähet der Magen, der selten geleert ist," sagt Horaz, nachdem er gefragt: Wie schmeckst Du's , ob der Lupus marinus im Meer gefangen worden , oder in der Tiber, oder an der Mündung des tuscischen Meeres , oder an den Brücken. Warum lobt man nur 3 pfundigen Rothbart ? Warum hasst man den gewöhnlichen, langen, tüchtigen Hecht?" Sat. 2. Buch. IV. 7.3 und VIII. 9 beschreibt Horaz zwei Arten eingesalzener Fischspeisen, deren feinste das köstliche Garum , aus den eingesalzeuen Eingeweiden des iberischen Scomber, einer Art Thunfische, deren weniger geschätzte Art Ulex heisst wozu auch die Leber des Rothbarts, Austern, Meerigel und Meerkrebse genommen wurden- Die Eingeweide der Butte und Flundern wurden, wie es scheint, zur Fülle g«- 133 henischen Meeres keine Zeit gönne, sich zu vergrössern. Nutzen für die Fischzucht erblühte hieraus nicht, das Einzige ist die Einführung der Goldfische in die Süsswasserteiche, in denen ihnen Muscheln zur Nahrung geboten wurden. Von da bis zum 18. Jahrhundert geschah nichts, als dass man die Mittel des Fischfangs vervollkommnete und Teiche in grösserer Anzahl anlegte, um daraus Nutzen su ziehen. Könige, selbst Karl der Grosse, Fürsten und geistliche Brüderschaften legten zahlreiche Teiche an, und hat- ten fast ausschliesslich Privilegien auf das Teichehalten. Peter von Cres- centia, der Restaurator des Landbaues, giebt im 13. Jahrhundert Mittel an, um den grössten Nutzen aus Teichen ziehen, ohne jedoch vielmehr zu wissen, als was schon Florentinus in den von Cassinns Bassiis ge- sammelten Fragmenten im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt gegeben zu haben scheint.' Auf die Fischvermehrung durch Schutz, den man der Brut ange- deihen lässt und durch deren Verbreitung und Verführung in die Ge- wässer zielen besonders noch folgende Methoden ab : 1) Die bekannte Art der schon sehr alten Fischerei von Comachio am adriatischen Meere, auf die schon Bonaveri und Spallanzani auf- merksam machten. Die betreffende Bucht hat ungefähr 150 Meilen im Umfange und ist in 40 durch Dämme abgegrenzte Abtheilungen getheilt, die alle in Communication mit dem Meere sind. Während des Monats Februar, März und April öffnet man die Schleussen dieser Bucht und die kleinen Aale steigen in Masse hinauf zu der Bucht (monter). In den Bassins finden sie so reichliche Nahrung bis zur Zeit, wo sie aus- gewachsen sind (im 5. oder 6. Jahre), dass sie erst dann dieselben ver- lassen und im October bis December zurück ins Meer ziehen. Die Fischer bauen nun kleine Kanäle von Schilf, denen die Aale gern fol- gen, und die geschlossene enge Räume führen . wo sich die Aale an- häufen, ohne entwischen zu können. Dadurch erndten die Fischer jährlich 1,000,000 Kilogrammes Fische und circa 400,000 Francs oder ^100,000 Thaler Erlös. 2) Die Abnahme der Fische in den schwedischen Seen Hess seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts an Gegenmittel denken. Zur Streich- zeit durfte man schon längere Zeit keine Netze mehr ausstellen. Carl Friedrich Lund zu Linkoeping aber ging schon 1761 weiter. Unter den dortigen Fischarten sind die geschätztesten die Brasse, der Barsch und der Pölz (Rothauge). Er bemerkte dass sie ihre Eier auf Felsen oder an Weidenwurzeln, oder an die Fischreusen von Weiden legen, mit denen man sie zu fangen sucht. So werden die Eier zerstört durch die braucht. Auch Horaz II. 8, vers 42 erwähnt die Muränen (Muraena Helena), die be- kanntlich auch Vedrius Pollia in eiugeteichtem Seewasser hielt und mit dem Fleische wegen geringer Vergehen getödteter Fischer fütterte. cfr. Noten von Düntzer zu den römischen Satyrikenr. K. 134 Fischer, oder durch Insecten, Vögel und Raubvögel, und es will von Glück sagen, wenn von 10 Eiern eines auskriecht. Das Verbot, um diese Zeit zu fischen, würde, das sah lAind ein, nur unvollkommen diese enorme Verwüstung aufhalten. Um ihre Vermehrung zu erzielen, liess er in Nachahmung der Natur grosse, hölzerne, durchlöcherte Kästen ohne Deckel und mit kleinen Röllchen, an denen sie leicht ins Wasser hinab- gelassen wurden^ versehen machen. Innen brachte er nicht. allzu dicht neben einander Weidenäste an, und da hinein eine gewisse Anzahl Männchen und Weibchen zur Streichzeit. Dort liess er sie, jede Art in einem besonderen Kasten, 2 — 3 Tage lang, etwa die Zeit hindurch, wie lange das Eierlegen dauerte, und dann nahm er alle Fische mit Hülfe eines Hamens hinweg. Nach 14 Tagen oder etwas später, je nach dem Wärmegrade, schlüpfen die jungen Fischchen aus. — Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese Methode eine sehr vortheilhafte ist, in Betreff der Fische, welche ihre Eier anheften, wozu, wie Ref. unten weiter besprechen wird, auch der Karpfen gehört. Ltind trug ferner auch in einem Gefäss mit Wasser einen solchen mit Eiern behangenen Ast in einen andern See und reüssirte damit. Er erzog in 3 Kasten aus 50 Brassenweibchen und einer kleinen Anzahl Männchen 3,100,000 Brut, aus 100 Barschen 3,215,000 Barsche und aus 100 Plötzen 4 Millionen Junge, also in Summa 10 Millionen Fische, die er in den See am Roxen setzte. Dabei etudirte er zugleich die Entwickelungsgeschichte dieser Fische, worin ihm 3) Bloch zu Berlin 1705 folgte. Letzterer nämlich liess sich in der Spree Wasserpflanzen sammeln, die mit den Eiern derselben Fischarten bedeckt waren, und brachte sie in ein Ge- fäss mit Süsswasser, das er täglich erneuerte. Am Ende einer Woche hatte er tausende von Jungen. Dabei bemerkte er, dass einige Eier unbefruchtet geblieben und von Tag zu Tag trüb und undurchsichtig worden waren. Bloch sagt nun, ohne es jedoch zu versuchen, dass man durch Uebertragung solcher mit Eiern besetzter Wasserpflanzen in andere Seen und Teiche, leicht andere Seen und Teiche damit be- völkern könne. 4) Im Jahre 1840 überreichte der Baron Riviere der Societe cen- trale d'Agriculture ein Memoire, das sehr treffliche Gedanken über die Vermehrung der Fische enthielt. Aber er befasste sich besonders nur mit dem Nutzen, den es gewähren würde, wenn man im Frühjahr die kleine Aalbrut („les bouirons") an den Mündungen der Flüsse sammelte, und in die Teiche, Sümpfe und sonst unbenutzten schlammigen Grä- ben des Landes brächte, wo sie ganz gut gedeihen. Er versicherte, dass man sie ganz gut lebend in kleinen Wassertonnen fortbringen könnte und noch besser in Fischhälteru, längs der Flüsse und Canäle. Er ist zugleich der Schöpfer des Wortes „riscicultiire^' . Der von Rlvirre gethane Vorschlag ist, wie man sieht, nichts, als eine Nachahmung der chinesischen Art, die Fischbrut zu transportiren. 135 und die Uebertragung dieser Methode auf den Aal , dessen Zucht man im See Comachio längst kannte. 5) Seit 1849 und 1850 benutzte Coste das Verfahren, um aus der Mündung der Ome die Aalbrut in die Teiche des Jardin des Plantes zu transportiren. Die Brut war im Mittel 6 — 7 Millim. lang und ohn- gefähr 1 Centim. im Umfang bei ihrer Ankunft, nach 28 Monaten 33 Centim. lang und 7 Centim. im Umfang. Coste nähi't seine Fischbrut mit gehacktem Fleisch von nicht essbaren Thieren, besonders von sol~ chem der Mollusken und Insecten. 6) In Betreff der Forellen bedient sich der weiter unten genannte Millet auch noch folgender, der Lund'schen ähnlichen, (aber nicht für Karpfen passenden) nur vollkommneren Methode. Er nimmt eine Art Behälter mit doppeltem Boden, deren erster aus einem Rahmen von ge- gatterten Querbalken und deren zweiter in einem beweglichen Sieb von metallenem Gewebe besteht. Die Weibchen reiben sich auf den Barren und lassen ihre Eier gehen, die auf das Sieb fallen. Führt man um dieselbe Zeit die Männchen in den Apparat, so kommt oft die Befrucht- ung natürlich zu Stande. So verliert man gar keine Eier, was bei der andern Methode doch geschieht, wenn man die Weibchen in der unten nach Millet angegebenen Weise in der Gefangenschaft in den Ge- wässern hält. Hieran reiht der Referent noch folgende eigene Erfahrungen: 7) Es war längt bekannt, dass der frühere Apotheker der k, Vete- rinäranstalt in Dresden sich durch die Ergiebigkeit seiner Goldfischzucht ausgezeichnet hatte. Genauere Erkundigungen haben mich gelehrt, dass er sich hauptsächlich damit beschäftigte, kurz nach der Laichzeit die Wurzeln des Schilfes und anderer Wasserpflanzen seines Bassins, an welche die Goldfische ihre Eier angehangen hatten, abzuschneiden und in besondere Brutkästen zu legen, die wohl unsern jetzigen Fisch- büchsen ähnlich waren. Der Handel, den jener Apotheker mit Gold- fischen trieb, beweist hinlänglich, dass er mit diesem Verfahren reüssirte. 8) In einem Bassin, in dem zu Zittau in dem Garten des Herrn Kaufmann Stahmer Goldfische gehalten werden, kommen alljährlich, wenn auch sehr wenig, junge Fische von selbst auf. Dieses Bassin ist seines Wasser wegen, das eine enorme Zahl von Algen enthält, sehr wenig ge- eignet für das Ausschlüpfen der Jungen aus den Eiern. Im Mai des Jahres 1854 sammelte ich eine grosse Anzahl von mit Goldfischeierchen besetzten Wurzeln der Weiden, Nymphaeen und Irides, sowie verschie- dener Schilfarten des Bassins, und brachte sie in einen besonders dazu eingerichteten Brutkasten. Alle Eier verdarben durch Rost und Algen. 136 Periode der künstlichen Befruchtung absichtlich der Vermehrung der Fische; oder Methode von Jacobi und seinen Nachfolgern. (1760 — 1848.) Nach einem von Baron von Montgaudnj , einem Nachkommen des berühmten Buffon, aufgefundenen, und bis jetzt unedirten Manuscripte hat der Pater Pinchon aus der Abtei von Reeme bei Montbard schon im Jahre 1420 den männlichen und weiblichen Forellen allmählig den Saamen in ein Gcfäss mit Wasser abgedrückt, das er mit dem Finger umrührte. Dann brachte er die Eier in ein Holzgef äss mit feinem Sande ins Wasser. Der Apparat blieb bis zum Momente der Ausschlüpfung in einem massig fliessenden Strome stehen. Da die Sache aber nicht veröfiFentlicht wurde, so ging sie verloren sowohl für die Wissenschaft, als für die Praxis. Sie hat mithin nur historische Rechte, imd zwei- felsohne ist Pinchon der erste Erfinder der künstlichen Befruchtung. Zu derselben Zeit, wie Lund seine Versuche mit natürlich befruchteten Eiern anstellte, kam ein Lippe-Detmoldischer Lieutenant Jacobi auf den Gedanken, die künstliche Befruchtung zur Vermehrung der Fische an- zuwenden. Im Jahre 1763 stand ein Brief von ihm hierüber in dem Magazin von Hannover, den später Yarell 1841 und Coste 1843 wieder- gegeben haben, und schon 1758 hatte er über denselben Gegenstand schriftliche Bemerkungen an den berühmten Buffon gemacht, die Lace- pede in dem ersten Bande seiner Naturgeschichte der Fische ei-wähnt, und ebenso an den Graf von Golstein , Grosskanzler von Jülich und Berg, darüber berichtet. Golstein übersetzte diese Noten ins Lateinische und sendete sie so an Foitrcroy, Director der Befestigungen von Corsica. Diese Uebersetzung wurde 1 773 in dem dritten Theile der „Histoire generale des Peches" von Buhamel- Dumoncean wiedergegeben, jedoch ohne dass Duhamel neben Golstein auch Jacobi genannt hätte. Weiter hatte 1764 Jacobi durch Gleditsch der Academie der Wissenschaften zu Berlin hiervon Anzeige gemacht. Jacobi beschäftigte sich nur mit Forel- len und Lachsen imd sagt selbst, dass er 16 Jahre zugebracht habe, ehe er zum Ziele gekommen. Zuerst beobachtete er, dass in den Ge- wässern die Forellen von Ende November bis Anfang Februar sich ver- einigten, auf dem Sande festsetzten und allda ihren Bauch rieben, so dass man deutliche Spuren von dieser Reibung au ihnen erkennen könnte. Nun Hess er zu der Streichzeit fischen und abwechselnd ein Weibchen und ein Männchen nehmen, drückte es leicht am Bauche über einem halbvollem Gefässe mit Wasser aus, und Hess dahinein die reifen Pro- ducte beider Geschlechter fallen. Alsdann rührte er Alles mit der Hand um, damit alle Eier von dem Saamen berührt würden. Hierauf brachte er sie in einen Kasten in ein kleines, fliessendes Wasser. Es hatte dieser am Boden reich mit Sand bestreute Kasten mas.sive, hölzerne Wände, an den .schmalen Seitenwänden ein viereckiges, mit einem fei- 137 nen Metallsieb versehenes Gitter, so dass hierditrch der Strom fliessen konnte, und einen durchlöcherten Deckel. Nach drei Wochen sah er in den Eiern die Augenpunkte, nach vier Wochen die Bewegung des Thierchens in ihnen, und nach fünf Wochen die Eierchen ausschlüpfen. Vier Wochen lebten die Jungen von der Nabelblase, dann stiegen sie herauf zum Gitter, um fortzukommen, wurden in ein Bassin gebracht und hatten nach sechs Monaten eine hinlängliche Grösse, um in einen Teich gesetzt zu werden. Dies Experiment hat er lange wiederholt, Avusste schon, dass man durch häufiges Umrühren mit einer Feder die Eier vor dem Zusammenkleben schützen und eben deshalb bei der Be- fruchtung umrühren, und den schlammigen Absatz des Wassers entfernen muss, wenn der Erfolg gelingen soll. England setzte ihm für diese Dienste einen Jahrgehalt aus. Die Physiologie machte sich die Jacobl'sche Entdeckung zu Nutze, und seit ihm datiren die künstlichen Befruchtungen in den physiologi- schen Laboratorien, so zogen Nutzen davon SpalUmzani, Prevost in Genf und Bumasy und später bei ihren embryologischen Studien, Pusconi und C. Vogt, zum Studien der Entwickelung der Schleihe u. s. w. Aber nur in Deutschland und Schottland zog man im Stillen praktischen Nutzen hiervon. In Deutschland setzte der Förster Franke in Steinberg (Lippe- Schaumburg); der Baron von Kass in Bückeburg (1831); Schmltiger in Lippe-Detmold; Knoche in Oelbergen (1840). der auch besondere Streck- teiche für Forellen einrichtete , dies Verfahren fort. Letzterer erhielt seit er dasselbe beobachtet, beiläufig 800 Junge auf 1000 — 1200 Eier. Von diesen fand er im nächstem .Tahre meist nur die Hälfte in den Teichen wieder. Nach 3 — 4 Jahren wogen die grössten Zöglinge 3/4 bis 1 Pfund. Schon im Jahre 1842 gab die Regierung in Neuchatel eine Insti'uction für die Fischer heraus, wie sie die Fischeier künstlich befruchten und so vermehren könnten. In Schottland und England beschäftigte sich schon vor dem Jahre 1840 John Shaw mit der Befruchtung der Forelleneier in besonderen von einer Quelle gespeisten Reservoirs, in die er die Eier im Befrucht- ungsmomente fallen Hess und hatte einen ziemlichen Erfolg. Das Wachs- thum der Brut ist folgendes: Im Alter von 8 Monaten sind sie 2 eng- lische Zoll lang, nach einem Jahre 33/4, nach 16 Monaten 6", und nach zwei Jahren 6V^"- Dann sind die Männchen reif. Aber auch davon gingen weniger allgemein nachgeahmte praktische Resultate aus, eben- sowenig als von den Versuchen von Andrew Young und Dr. Knox. Seit 1841 hatte ein Ingenieur. GoitUeh Boccius , zu Hammersmith in den Wässern des Herrn Drummond bei Uxbridge, dann auf den Län- dereien des Herzogs von Devonshire zu Chatsworth und auf denen der Herren Gunrie in Carsaltow und Hibberts in Chalfort künstlich Forellen- eier befruchtet, und bis 1848 schon 200,000 junge Forellen gezogen. 188 So war in Deutschland und England die Frage schon vor 1848 gelöst, bis wohin in Frankreich nichts hiervon zu bemerken war; aber sie fand immerhin keinen allgemeinen Eingang. Periode der allgemeinen Einführung der künstlichen Befruchtung der Fisch- eier und künstlichen Fütterung der Brut und älteren Fische, oder die Me- thoden von Remy und Gelim, sowie ihre Verhesserung durch Millet, Coste und de ftuatrefages, oder die Periode der künstlichen Befruchtimg zu Zwecken der Industrie (1848 bis heute). Wie es mit dem Alumin gegangen, so auch hier. Ein Deutscher erfand, dem Deutschen bleibt das grosse Verdienst der praktischen Ver- werthung der Erfindung. Ja, Referent kann es nicht unterlassen , hier daran zu erinnern, dass es den Deutschen wie schon vor Alters erging. Erst was die grosse Tour durchs Ausland gemacht hat, kommt in Gelt- ung. „Der Prophet gilt am wenigsten in seinem Vaterlande", wie der biblische Sänger sagt. Kurz, das Hauptverdienst bleibt den Franzosen. Zuerst unter den Franzosen befasste sich 1848 de (Juatrefages zu wis- senschaftlichen Zwecken mit der künstlichen Vermehrung der Fische, nachdem ihm Rusconi und C. Vogt damit vorangegangen waren. Sein Verdienst in dieser Frage ist jedenfalls kein selbstständiges, doch hat er das Verdienst, seine Landsleute auf die Wichtigkeit des Gegenstan- des und auf die Möglichkeit ihrer Ausbeutung aufmerksam gemacht zu haben, worin freilich Deutschland auf beschränktem Raum , Schottland und die Neufchateler Regierung ihm schon zuvorgekommen waren. Er rieth den Brutkasten von Gohtein, was vielmehr heissen muss von Ja- cobi, und die Streckteichzucht der Forellen, die Knocke in Oelbergen schon eingeführt hatte, freilich ohne diesen zu nennen, vielleicht auch ohne ihn zu kennen. So hat der gefeierte Franzose jedenfalls als der Wiedererwecker der deutschen Methode in Rücksicht auf die Praxis zu gelten nnd des Weiteren für die Gemüther zugänglich gemacht zu haben. für die um diese Zeit allgemeiner werdenden Versuche der Fischer Remy und Gelim, die schon seit dem Jahre 1 844 etc. die Annalen dieser Gesellschaft vom .Jahre 1844, wie Dr. Haoco bestätigt, eine Unterstütz- ung der Spciete d'emulation des Vosges, für ihre Versuche und Erfolge in der Forellenzucht erhalten hatten. Herr Dr. Haxo, der sich der Fischer sehr warm annimmt, lässt in seinen Schriften durchblicken, als habe de Quatrefages im Stillen von den Erfolgen der Fischer gewusst und sie ignorirt. Es ist durchaus aber die Wahrheit dieser Insinuation nicht nachzuweisen, und de Quatrefages hatte jedenfalls auf literarischem Wege Kenntniss des Gegenstandes sich erworben. Die Art und Weise, wie durch reine Selbstbeobachtung, ohne irgend ein literarisches Hilfs- mittel , Remy zur Kenntniss des Vorganges des Laichens der Forellen in der freien Natur gelangte, wie er sich seinem Collegen Gelim. ver- traute und die Sache praktisch ins Werk setzte sind jetzt allgemein bekannt und ebenso, dass Remy schon im Jahre 1843 deshalb einen Brief an den Präfecten der Vogesen richtete. Das Verfahren weicht in Nichts von dem ab, was Jacobi hierüber bekannt gemacht hatte, und was in Pinchotis Manuscripte sich aufgezeichnet findet; nur gingen die Fischer allmälig zu metallenen Brutkästen über. Ihr selbsttändiges Verdienst ist es, dass sie hierbei nicht stehen blieben, sondern den jungen Forellen, von der Zeit an, wo sich ihre Nabelblase resorbirt hat, eine passende Nahrung zu geben suchten. Hierzu bedienten sie sich des Froschlaiches und später befruchteten sie künstlich die Eier pflan- zenfressender Fische, von denen die Forellen leben, und setzten deren Brut in die Teiche. Auch gekochtes Eigelb, gehacktes gekochtes Fleisch, Leber, gehackte Eingeweide verschiedener Thiere wurden von Coste und anderen zur Fütterung benutzt. 3/inef räth, die Brut dahin zu bringen, wo sie Frosche, Lymnaeen und Planorben fänden. Es ver- ,steht sich dabei nur, dass die Forellenbassins vom fliessenden Wasser gespeisst Averden. Bemi/ und Gelim besetzten zuerst zwei Teiche bei la Bresse, später mehrere Teiche ihres Cantons, die fliessenden Wässer der Commun Waidenstein und die Mosellotte, ein Nebenfluss der Mo- sel, mit Forellenbrut. Milne Edwards ward 1850 erwählt, um die Sache im Auftrage der Regierung zu prüfen. Er instruirte sich zuvor durch einen Besuch Eng- lands über die dort im Gange befindlichen Methoden und ging dann in die Vogesen nach la Bresse. Der sehr interessante und günstige Be- richt reservirt den Deutschen die frühere Kenntniss dieses Verfahrens, und den Fischern zu la Bresse das Verdienst, hieraus für Frankreich einen neuen Zweig der Industrie errichtet zu haben und schloss damit, zu erwähnen, wie Nutzen bringend es für den Staat sein müsse, wenn die sämmtlichen Flüsse Frankreichs in dieser Weise mit Bewohnern versehen würden. Als die geeignetste Belehrung für die beiden Fischer schlug der Berichterstatter die vor, ihnen den Auftrag zu ertheilen, die Flüsse Frankreichs mit neuen Bewohnern zu füllen. Denselben Antrag, der auch von Seiten der Regierung acceptirt wurde, stellte durch Herrn de Quatrefarjes die Societe philomatique. Seit dieser Zeit zeigte sich überall ein mächtiger Aufschwung der künstlichen Vermehrung der Fische, und Laien und Gelehrte beschäf- tigten sich seitdem mit dieser Frage. Von ausländischen Gelehrten sind hier besonders unter den Franzosen noch Valenciennes, Millet, Coste, der leider nicht immer ehrlich in Betreff der Angabe der Benutzungen seiner Quellen, besonders in Betreff Millets ist, Berthot und Dezem, Paul tlervais und Fournet zu nennen, von italienischen Deßlippi in Turin ; von holländischen Leistungen ist der, wie Referent hörte , auf Kosten eines naturwissenschaftlichen Vereins zu Darmstadt übersetzte Rapport einer vom König von Holland hierüber niedergesetzten Commission zu nen- 140 nerij der unter dem Titel : „Handleiding tot de Kunstmatige Vermenig- vuldigen van Visschen 1853" erschien. In Deutschland hat selbststän- diges hierüber der Prof. Fraas in München geleistet.*) Valenciennes, Milne Edwards und Quatrefages haben mehr und mehr Gutsbesitzer veranlasst, die Versuche zu wiederholen, doch mit Recht vor sofortigen übertriebenen Hoffnungen gewarnt- Coste dagegen ging lebhafter und mit vollen Hoffnungssegeln auf die Sache los, doch scheint er zu grosse Hoffnungen rege gemacht zu haben. Cosle wurde beauftragt, ein grossartiges Etablissement für künstliche Fischzucht herzustellen, und begab sich deshalb nach Loeclilebrunn bei Hüningen, wo die Herren Ingenieure Detzem und Berthot seit 1852 grossartige Fischzucht *) In Sachsen hat sich auf meinen Vortrag nnd Antrag hin der naturwissenschaft- liche Verein zu Zittau zuerst im Herbste 1s.j3 mit der künstlichen Vermehrung der Forellen beschäftigt. Es wurden von dem genannten Vereine Herr Stadtrath Lange, Vorstand unseres Forst- und Agriculturwesens, und der Unterzeichnete gewählt. Wir zogen im Frühjahr 1854 die erste Brut. Hierauf bewilligte auf Vortrag des Unterzeich- neten der landwirthschaftliche Verein der Lausitz 100 Thaler; damit hierfür kleinere Lehranstalten errichtet würden. Die Verwendung dieser Gelder werde ich am Ende dieses Jahres dem Kreisvereiu, wie sich versteht, berechnen und genaueren Bericht er- statten. Die Grundsätze, die mich leiteten und leiten, findet man auf den letzten Sei- ten. Die Resultate in Betreff der Forellen sind folgende : 1) in einer Station blieben eigenthümlicher Verhältnisse wegen, die Versuche in zwei Brutbüchsen ohne Erfolg; zum Theil wohl auch deshalb, weil die Löchelchen, in den die Büchsen standen, zugefroren waren. Eine dritte Büchse ist gänzlich ver- schwunden. 2) In Oderwitz waren schon im vorigen Jahre alle Versuche in den Brutkästen und Brutbüchsen erfolglos geblieben. Auch dies Jahr gingen die grosse Mehrzahl der Eier zu Grunde. (Diese Station habe ich in diesem Jahre selbst gar nicht inspieirt, da ich auf den Herrn Förster daselbst mich sicher verlassen konnte.) 3) In Harthau liess ich einen Apparat ähnlich dem von Coste, aus drei Sandstein- trögen, aber mit der unten angegebenen Modification einrichten. Wir erzogen 17 Stück junger Forellen. Die in einem der Tröge eingesetzten zwei Stück Forellen Weibchen und ein Männchen, die liier freiwillig nacli Ansicht des Herrn Försters streichen soll- ten, wurden von Wasserratten geholt. Man fand ihre Spuren im Schnee, und im Troge die abgebissenen Köpfe der Forellen. Für ähnliche Uebelstände ist durch Auflegung von durchlöcherten Zinkblechen Abhilfe getroffen worden. 4) In Oybin sind heute noch Hunderte von erst im Februar befruchteten Eiern ganz gut, und wir sehen täglich der Ausschl}.ipfung der Brut entgegen. 5) In dem bei den Goldkarpfen genannten Bassin auf Herrn Stahmer's Garten kamen Hunderte von Eiern durch Algen und Insekten um. Ich finde heute nur drei Eier mit Augenanlagen und Gef ässentwickelung. Ausgeschlüpfte Brut noch gar nicht. 6) Herr Lieutenant v. d. A. von Fohlen tz auf Niedercunewalde bei Bautzen hatte sich im vorigen Jahre einen Coste'schcn Apparat von Holz gemacht und mich im Spät- herbst 1854 eingeladen, ihm die Manipulationen zu zeigen. Dies habe ich gethan, und auch hier sind junge Forellen ausgeschlüpft, wie briefliche Mittheilungen mich benach- richtigten. Von einer andern Station bei Bautzen sind mir keine Mittheilungen zugekommen. leb für meinen Theil rathe zu einem Apparate, wie der in Harthau von mir benutzte. 141 angelegt hatten, die in Folge des Coste'schen Berichts von Staatswegen Unterstützung erhielt. Hier nun scheinen die Erfolge hinter den Ver- sjjrechungen zurückgeblieben zu sein. Die Verbindung Costes, mit die- sem Institute hat zur Lösung einer anderen interessanten Frage beige- tragen, der über die Transportfähigkeit befruchteter Eier. Lachs- und Forelieneier von Mühlhausen mit der Diligence nach Paris gesendet, sind in sehr grosser Zahl im College de France ausgeschlüpft. Andere künstlich befruchtete Eier, in einem Kasten von Weidenholz, zwischen abwechselnden Lagen von feuchtem Sande, innerhalb eines Zimmers aufbewahrt, wurden zwar anfangs etwas runzlicht, später aber im flies- senden Wasser glatt und die Brut schlüpfte aus. Die Eier transportirt man am besten in Lagen feuchten Sandes, befeuchteter Wasserpflanzen und Moose, nach Millet in dichtgelegter, befeuchteter Leinwand oder nach Marquis Vihraye in kleinen befeuchteten Wattekissen, die man in Büch- sen und Kübeln verwahrt. Millet transportirte so Eier nach Florenz, die 20 — 25 Tage unterwegs waren, beim Transporte zarter Eier, zumal im Sommer gebe man etwas Eis darum. — - Die beste Zeit des Trans- ports ist kurz nach der Befruchtung, oder wenn die Augen schon durch- schimmern. Der Apparat Costes ist bekannt. Eine Stenterröhre mit einem Ab- flussrohre, dessen Strom ein Hahn regulirt, ergiesst in einen mit feinem Sande belegten Trog, in dem die Eier liegen, einen Wasserstrahl, der nach beiden Seiten hin das Wasser in den unteren Trog treten lässt. Von diesem Troge aus fliesst ebenfalls nach beiden Seiten hin das Was- .ser in andere, darunter terassenförmig angebrachte Tröge. Ich für meinen Theil ziehe den hölzernen Trögen solche von Sand- stein vor und fange ausserdem das Wasser nicht in der Mitte des ober- sten Troges, sondern an der Seite. Von jedem Troge leitet Avieder nur eine Oeflnung das Wasser in den nächst unteren Trog und damit ein continuirlicher Strom unterhalten wird, ist, wie sich von selbst versteht, die AbleitungsöÖhung des nächst unteren Troges stets au der der OefFnung des oberen Troges gegenüberstehenden Seite angebracht. So erhalte ich einen einfachen in einem einfachen Schraubengange gewundenen Strom. Wer den Coste?>Q\iQYs. Apparat anwenden will, der muss meiner Ansicht nach, wie er in dem obersten Troge das Wasser in der Mitte fasst, es ebenso im dritten, fünften, siebenten Troge fassen, und wie er es im zweiten an beiden Seiten nach dem unteren ablaufen lässt, so auch wiederum im Aierten, sechsten Troge und so fort es durch zwei seitliche Oeflfnungen ableiten. So bilden Trog "1 und 2, 3 und 4, 5 und 6 je einen abgeschlossenen Raum für sich. Als Material rathe ich lieber Sandstein, als Holz, theils der Dauerhaftigkeit wegen, theils aber auch, weil Holztröge viel schneller faulen, und viel reichlicher Algen ansetzen. Das schlechteste Holz für Tröge sind die harzigen Weichhölzer. Wer durchaus Holztröge nehmen will, der nehme hierzu 142 Weiden-, Linden- oder Buchenholz. Traurige Erfahrungen über die Un- gleichheit des Stromes ohne einen Hahn zur Regulation , lassen mich rathen, stets dieses schon von Coste angewendeten Mittels sich zu be- dienen. Ein Apparat von Sandstein aus drei Trögen, jeder zu IV'i Elle Länge und 7 Zoll etwa Breite, in der Lichtung haltend, kostet hier am Platze 1 V» Thaler, die Aufstellung solch eines Apparates mit Rohr und Hahn etwa 6 — 8 Thlr. und genügt für den Bedarf eines Gutes recht gut. — Als Material zu Brutbüchsen, die man stets durch Steinvorbau vor einem zu starken Wasserstrome schützen möge, nehme man ebenso nie Holz, oder doch nicht die harzigen Hölzer. Weisses Eisenblech, immerhin noch das Beste, rostet sehr leicht. Ich habe aus zwei mal gebranntem Töpfertone in Muskau in der Niederlausitz viereckige Kis- ten von reichlich ^j-i Elle Länge, 5 — 6'' Breite und 8 — 9" Tiefe bauen lassen. Hiervon kostet das Stück beiläufig 25 Ngr. und bin ich bereit, Freunden der Fischzucht davon noch einige abzulassen. Sie dienen zu Versuchen in Quellen und Bächen. K. Besondere Cautelen bei der Fiaehzucht. Eine Hauptsache bei der künstlichen Befruchtung ist es, den männ- lichen Saamen später in die Schaale, in der mcm die Befruchtung vornimmt, fal- len zu lassen, als die Eier. Gut ist es auch, Beides gleichzeitig vorzunehmen. Nach den von de Quatrefages angestellten Versuchen, die auf die bekannte Erfahrung gegründet sind, dass die Spermatozoiden (Saamen- faden) nur so lange befruchten, als sie sich bewegen, (was um so we- niger auffallen wird, seitdem wir wissen, dass diese Saamenf äden hinein ins weibliche Ei dringen. Ref.*) ist die Zeit nur kurz, während welcher *) Die Ersten, die das Eindringen der Saamenf täden in das Ei beobachteten, waren Newport (Batrachierei) , Barry (Kaninchenei), Keber (Najadenei) und Nelson (Ascaridenei). NachL. Reiclienbach wurden diese Beobachtungen noch früher von Prevostu. Dumas: am Tri- ton-Ei gemacht. Vor Allen Bischoff bekämpfte diese Ansiclit ziemlich scharf im Vereine mit Funke in Leipzig uudv. Hessling in München. Inzwisclien fand Meissner — der wenn er auch durch Kebers Abbildungen nicht überzeugt ist, dass wirklich dieser das Eindringen der Samen- fäden in die Najadeneier gesehen habe, des sehr hart mitgenommenen Kebers Benennung, der in der Entwickelung des Eies begründeten Oeffnung der Dotterhaut nach Analogie am Pflanzenei als Mikropyle vertheidigt, — dieses Eindringen der Spermatozoiden ins Ei bei Ascaris mystax, A. margiuata, A. megalocephala, Strougylus ai'matus, Lumbricus. Bei In- sekten, wie Musca vomitoria, M. domestica, Tipula, Lampyris spleudidula, Elater (pectini- cornis), Telephorus bei einer Species von Adela, Pyralis, bei Tortrix, Euprepia lubricipeda, E. Caja, Liparis Salicis, Pieris Brassicae, Tenthredo viridis, Spathius clavatus, AgriouVirgo Panorpa, bei einer Crustacee:Gammarus pulex hat Meissner weiter das Bestehen der Mikro- pyle mit Sicherheit nachgewiesen und man muss daher wohl auch an das Eindringen der Spermatozoiden im Eie glauben. Später widerrief Bischoff, und sah, wie auch Meissner, die Samenfäden insKaninchcnei treten. Das Beste hat hierzu erst Meissner geleistet, doch ist es Unrecht, wenn man für ihn Prioritätsstrcitigkeiten in Betreff der Entdeckung erheben wollte. Er und Bischoff bestätigten nur Gesehenes, und Keber hat mindestens das grosse Verdienst der Anregung. K. 14S die Samenfäden ihre Befruchtungsfähigkeit behalten, und diese Zeit wiederum bei den einzelnen Arten verschieden. Die Samenfäden des Hechtes stehen nach 8 Minuten und 10 Secunden im Wasser still, die vom Plötz in 3 Minuten und 10 Secunden; die vom Karpfen in 3 Minu- ten; die vom Barsch in 2 Min. 40 See; die der Barbe in 2 Min. 40 See. Dabei wechseln diese Bewegungen noch nach den Temperatur- einflüssen. Für im Winter streichende Fische ist eine Temperatur des Wassers von + 4 — 7" R., für die im Frühjahr eine solche von -f 8 — 10" R.; für die im Spätfrühjahre (Karpfen und Barsch) eine Tem- peratur von 4- 14 — 1 6 R., und für die im Sommer streichenden eine Temperatur von -f- 20 — 25 "R. die günstigste bei der Befruchtung, da hier die Fähigkeit der Bewegung der Saamenfäden ganz gut besteht. Kleine Temperaturunterschiede und zumal niedere Temperaturen wer- den von ihnen viel besser vertragen, als nur um ein Paar Grad höhere. Herr Millet schickte Forellenmilch (ganze Hoden) in einem Gefäss mit Eis an Quatrefages und füllte auch die Büchse, in der der Samen lag, mit Eis an. Diese Milch behielt noch 64 Stunden ihre befruchtende Kraft. Die oberflächlichen Schichten verloren diese Fähigkeit früher, als die inneren, man braucht daher die Hoden gefrorener Fische nicht wegzuwerfen. Im Wasser verlieren die einzelnen Fäden eher ihre Be- weglichkeit, als die in Saamenhaufen zusammengeballten. Die Kürze der Dauer der Bewegung der Saamenfäden ist eine Haupt- ursache des zeitweiligen Nichterfolgs der künstlichen Befruchtung, und deshalb Eile bei der Manipulation nöthig. Sodann wird es oft versehen mit der Temperatur, die jede einzelne Fischart erfordert. Diese Arbeit von Quatrefages hat zuerst feste, wissenschaftliche Re- geln der Befruchtung bei der Fischcultur präcisirt. Letzte Verbesserungen der Fischcultur durch den IVasser- und Forstinspecteur Millet, die zum grossen Theil von Coste nur adoptirt worden sind. Ist der Laich dem Weibchen auf einmal oder in Zwischenräumen zu nehmen? Die Fischeier sind nicht alle an einem und demselben Tage reif; das Weibchen streicht in Zwischenräumen und eine gCAvisse Anzahl von Tagen hindurch, während welcher Zeit das Männchen das Weibchen stätig verfolgt. (In dei' Fischersprache bei Karpfen „Hetzen". Ref.) Und darnach hat man bisher immer gerathen, man solle den Laich auf einmal dem Weibchen abdrücken, was jedenfalls ebenso dem Thiere als dem Laiche und seiner Entwickelungsfähigkeit schadet. Millet versuchte nun den Fischen die Eier in Absätzen zu nehmen. Da aber die Gefangenschaft die geschlechtlichen Entwickelungen der Fische nachweislich nicht begünstigt, so nahm er sie nur in dem Moment der Befruchtung aus dem Wasser und brachte sie unmittelbar darauf wiederum ins Flusswasser, indem er sie an einer durch die Kiemen ge- zogenen Schnur befestigte, was sie ganz gut vertrugen. 144 Brutapparat nach Millet. 1) Ausserhalb der Bäche und Seen. Wenn die Entwickelung des Eies ausserhalb des Wassers in dem die Aeltern leben, Statt haben soll (in einem Zimmer oder Schuppen), besorgt man sich ein Gefäss mit einer Capacität von 3U — 35 Pf., mit Älischung von Kohle, Kiesel und Sand, um eine Art Filter herzustellen. Durch ein mit einem Hahne versehenes Rohr leitet man das gereinigt abgelaufene Wasser in treppenweise aufgestellte Tröge, in denen man aui folgende Weise die Eier rein erhält. Jedes auch noch so reine Wasser setzt fremde Theilchen ab, die sich an die Eier anhängen, so dass sie sich endlich mit einer für die Entwickelung von Byssus oder Schimmel günstigen Substanz umgeben. (Besonders die Kohlentheilchen des obigen Apparates begünstigen, wie lieferent aus eigner Erfahrung leider weiss, diesen Absatz.) Um diess zu verhüten, hält Herr Millet, und' nach ihm Coste , die Eier in einer kleinen Entfernung unter dem Wasserspiegel vermittelst kleiner Siebe, die aus verschiedenen Substanzen, z. ß. Haare, Seide, Weide, am lieb- sten aber aus galvanisirtem Metall, das sich leicht mit einer Feder rei- nigen lässt, und nicht so leicht mit Algen, bes. Achlja prolifera, über- zieht, verfertigt sind. Diese Siebe werden an kleinen über die Ränder der Rinnen gleitenden Fäden in der gewünschten Höhe gehalten. Uebri- gens hat schon Voigt eine ähnliche Einrichtung angewendet, indem er die Lachseier in einem von allen Seiten durchgängigen Mousselinsack an einem Faden in den See warf, oder vermittelst eines grossen Steins am Platze hielt. Die Mühe, die man mit solch einem Apparat hat, ist gering. Man braucht nur täglich morgens und früh den Behälter zu füllen, das Sieb täglich einmal zu reinigen und die undurchsichtig gewordenen Eier zu entfernen. Seit Jahren bedient sich Millet dieses Apparates, um in Paris, in der Rio Castiglione die Eier von Forellen und Lachsen auskriechen zu machen. *) 2) Innerhalb der Bäche und Seen. Kann man im Wasser eines Flusses, Sees oder eines Teiches selbst operiren, so wende man doppelte Siebe von metallischem Gewebe an, die man vermittelst eines Schwimmers (Flotteur) in einer passenden Höhe erhält und die somit dem Fallen und Steigen des Wassers folgen *) Referent, der örtlicher Verhältnisse halber seinen Apparat nicht zu Hause ha- ben konnte, hatte Unglück mit seinem derartigen Apparate, wird ihn aber von Neuem wieder vornehmen. Dieser Apparat war wie folgt eingerichtet. Eine gut ausgewässerte sogenannte Oleumflasche wurde 2 Zoll vom Boden seitlich in der Dicke eines kleinen Fingers durchbohrt und in diese Oeffnung ein feines Abzugsrohr (am besten mit einem Hahne) gebracht. Die Oleumflasche, die das Wasserreservoir darstellte, wurde auf die höchste Staffel einer gewöhnlichen, treppenförmigen Blumenstellage gestellt und täglich :2weimal gefüllt. Von da tropfte das Wasse^ in wiederum mit Abzugsgefässen versehene Gefuöse, welche sich auf den untern Staffeln der Blumenstellage befanden. K. 145 können. Für Arten, die in stillem Wasser laichen, belegt Millet das doppelte Sieb mit Wasserpflanzen, oder bringt ihre Eier in grossen Kübeln mit Wasserpflanzen ins Wasser. Ein Fluss des Salzwassers auf die Eier der Fische, welche um zu laichen, das Meer verlassen und in die Süsswässer hinaufsteigen, nach Millet. Für gewöhnlich ist Salzwasser der Entwickelung der Eier nach- theilig. Bekommen aber die Eier weisse Flecken, die sich von der Oberfläche nach dem Centrum zu ausdehnen, und, wenn man sie ver- grössern lässt, die Zerstörung der Eier herbeiführen, so bringt man dieselben durch einen schAvachen Grad von Salzzusatz zum Schwinden und die Brut zum Ausschlüpfen. Je niedriger die Temperatur ist, um so weniger bekommen die Eier von Forellen und Lachsen weisse Flecke: um so mehr bei einer Temperatur von über 10 Grad*). Schlussbetrachtungen. Bei der'Frage, welche Fische für einen District am besten passen, prüfe man zuerst die Natur, gewöhnliche Temperatur, Tiefe und verschiedene Eigenschaften der fraglichen Gewässer und die Gewohnheiten, den Instinct und die Lebensweise der Fische, die sich daselbst entwickeln sollen. (Eefer. räth dabei zugleich nachzusehen, was noch für Fiscliarten zur Zeit in diesen Gewässern vorkommen, und welche früher daselbst vorkamen. So waren seiner Zeit in der Nieder- lausitz die Lachse so gemein, dass ein Gesetz erlassen wurde, dem Dienstpersonale nicht mehr als zweimal wöchentlich Lachs zum Essen zu geben.) Hat man eine passende Wahl getrofi'en, so wähle man zur Befruchtung taugliche Individuen, vor Allem solche, die nicht zu lange in engen Behältern gefangen gehalten waren, was dem Laiche schadet. In kleinen von Bächen durchflossenen Weihern und Teichen kann man sie gern halten. Weiter beachte man genau die oben von Quatrefages angegebenen Cautelen in Betreff der Temperatur des Wassers im Befruchtungsgefäss, obgleich Vogt bei den den Lachsen verAvandten Arten die Befruchtung bei in Eis gelegenen Eiern mit Erfolg vorgenommen haben will. Man muss die Befruchtung nicht auf einmal vornehmen, und womög- lich die Thiere nicht aus dem Wasser nehmen, sondern unmittelbar an der *) Es ist eiu eigenthümlicher iu allen Zweigen der Naturgeschichte sich wieder- holender Erfahrungssatz, dass man einzelnen Arten von Wesen nur in einem geographisch sehr beschränkten Räume begegnet. So findet sich eine der schönsten Lachsforellen nur an einer einzigen Stelle des Genfer Sees (eines Binnensees) und nur zu einer ge- wissen Zeit. Sollte das nicht mit der Streichzeit dieser Thiere zusammenfallen und daraus zu erklären sein, ^ass an dieser Stelle ein besonders kalter Quell den See speise? Liesse sich das nicht so erklären, dass die Aeltern instinktmässig diese Stelle suchten, weil ihrer Brut hier ein möglichst kaltes Wasser zu ihrer Entwickelung, die sie bekanntlich bei -f 10 R. nicht mehr durchzumachen im Stande ist, geboten wird? Am Ende kann der Geolog ferner von den Fischen noch AVinke erhalten! — K. Allg-, deutvrciie natnihist. Zcitunsr I. i ■• Oberfläche des Wassers ihres Saainens berauben. Ferner streiche man nur leicht, oder noch besser, man beuge die Thiere schwach nach oben, wobei der reife Saamen austritt. Nur Avenn das nicht hilft, drücke man ganz leicht den Bauch mit dem Finger und streiche gleichzeitig oder fast gleichzeitig den Saamen ab, da die Forellensaamenfäden nur eine Minute sich bewegen und beim Karpfen die mucilaginöse Eihülle so schnell im Wasser sich auftreibt, dass die Befruchtung alsbald dadurch erschwert ist. (Dies sieht man ja schon an den Fröschen, bei denen das Männchen sofort das ins Wasser fallende Ei mit ' seinem Saamen befruchtet. Ref.) Mail wasche ja nicht, wie einige riethen, die Eier vor der Befruchtung. Hat man die Eier einmal befruchtet, so bediene man sich der Apparate von Coste und Millel oder des Doppelsiebes oder des „incubateur flottant" von Millel. Am besten befruchtet man alsdann unter Wasser, und wenn man mit Fischen zu thun hat, die ihre Eier anhängen, nach vorhergäugigem Einbringen von Wasserpflanzen oder krummen Reisern in das Sieb. Mittels eines Flotteurs und Fadens kann man den Apparat leicht visitiren. (In stehenden oder langsam fliessenden Wässern ist das Anbinden an einen Faden gefährlich. Ich erlebte es, dass Bindfaden von der Stärke der Uhrseile einer Schwarz- wälder Uhr nach Zeit von 3- bis 4wöchentlichem Liegen im Wasser beim Herausnehmen der Büchsen zerrissen. Ref.) Die Fische setzt man aus , sobald sie ihre Nabelblase verloren haben und am liebsten an nicht zw tiefe Orte, da hier die grossen Fische gewöhnlich nicht sind. Die Brut versteckt sich übrigens leicht vor ihren Feinden. Als Nahrung kann man ihnen bald Ueberreste aus der Küche und Fleischbank reichen und alle dem Menschen unbrauchbare, thierische Substanzen. (Ref. fragt, ob nicht auch Qiiarch ihnen bekannt ?) Manche Substanzen schaden den Fischen, z. B. nach Sivard de Beaidleu ist der Erdsalaman- der für Forellen verderblich. In gut fliessendem Wasser erzeugen übrig- bleibende Nahrungsreste keinerlei Beschwerde für die Brut und man kann sie selbst in kleine Bassins setzen. Persönliche Regsamkeit und Geschicklichkeit regeln, wie bei jeder Industrie, auch hier den Erfolg. Nötliig ist freilich von Seiten der Regier- ungen, die Revision der Fischgesetze durch Sachverständige , und eine vernünftige Fluss- und Küstenaufsicht, sowie Einführung der künstlichen Befruchtung an möglichst vielen Orten. Vorzüglich soll hierzu das vor- handene Personal der Verwaltung der Wässer und Forsten verwendet werden. Somit schliest Referent den Bericht und erlaubt sich, ausser den früher schon eingestreuten, noch einige selbstständige Bemerkungen über die Teudenzen, mit denen er daran ging, in seinem eignen Vater- lande zuerst Versuche der künstlichen Foi'ellenzucht zu machen , und zuletzt seine Gedanken über die Karpfenzucht in Specie darzulegen. Oben schon wurde gesagt, dass es bei jeder Industrie, so auch hier auf 147 Fleiss lind Greschicklichkeit des Einzlnen ankomme, und dass dies auch von der Fischcultur, als Industrie , zu sagen sei. Nur schwer oder doch mit zu vieler Anstrengung, die oft gescheut wird, belehrt man sich aus Büchern. Die Beibringung eines einzigen praktischen Kunst- griffs ersetzt Stunden. Wer daher zu der Förderung der künstlichen Fischzucht mithelfen und mitbeitragen will, der muss sich nicht scheuen, mit eignen Opfern an Zeit und Geld die Sache in die Hand zu nehmen, vor Allem sollte der Staat selbst eingreifen. Für unsere Lausitz ist dem Pri- vatfleiss die Sache überlassen. Als Lehranstalt soll, wie ich höre, die öconomische und forstwirthschaftliche Academie zu Tharandt gelten ; eine gewiss sehr fruchtbringende Einrichtung, wenn die Sache mit Lust und Liebe praktisch betrieben wird. Dann können von hier aus die jungen Eleven diese Kunst durch unser Land und weiter hinaus ver- breiten. Sehr viel würde zweifelsohne weiter gewonnen, wenn man schon jetzt die Oberförstereien und Oberforstmeistereieu des Landes dahin be- stimmte, dass sie in ihrer Nähe, wo es irgend möglich ist, ähnliche Apparate aufstellten, wie wir oben angegeben haben. In den meisten Gegenden wird das wenige dazu nöthige Steiuniaterial für die Bruttröge zu haben sein und avo es fehlt, ist es für Weniges von fern her zu erhalten. Wenn diese kleinen Anstalten errichtet werden, haben die Revierförster die zweifelsohne in dem Sommer doch einmal die Oberförsterei besuchen, Gelegenheit, diese Anstalten zu sehen, dieselben ihrem Bedürfniss ge- mäss zu Hause einzurichten, um Alles bis zum Herbste fertig zu haben. Andere, wo solche Einrichtungen schwierig sind, können auch mit Brut- büchsen oder thönernen Brutkästen sich versehen. Nur dadurch aber, dass man möglichst viele Einzelindividuen für die Fischzucht interes sirt, kann man auf Erfolg hoffen. Der Grund ist einfach : unter Vielen wird es selbstv^erständlich eine grössere Anzahl zu der fi-aglichen Industrie Geschickte geben und je mehr diese sich betheiligen, um- so weniger wird die durch Todesfälle eintretende Lücke bemerkt, um' so eher wird über- haupt die ganze Zucht der Fische auf die Nachkommen vererbt werden. Serunt arbores, quae alteri seculo prosunt. (Man pflanzt die Bäume auch für's kommende Geschlecht.) Wer sieh übrigens einbildet, dass die Forellenzucht für Private, die nicht zum Forstpersonal gehören, leicht ist, der irrt gewaltig. Es; gehört eine ziemliche Lust und Liebe zu der Sache, um alle Hinder- nisse zu überwinden. Hat man auch endlich die Vorurtheile, die auch hier, wie gegen alle Neuerungen, auftauchen, überwunden, hat man die Spötteleien überstanden, wenn nicht gleich anfänglich, weil kein Meister vom Himmel fällt, grosse Resultate erzielt werden, hat mau den Eigen- sinn Einzelner, die für die Sache gewonnen sind, sich aber einbilden, die Sache besser zu verstehen, als man ihnen beibringen will, besiegt, hat man keine Mühe gescheut, zu instruiren. Stunden, ja- halbe Tage in den Wäldern sich herumgetrieben, um passende Stellen für die Brutbüchsen ' 11* 148 zu finden, Stellen ;, wo es hinlänglichen Strom giebt und man doch die Büchsen vor stürzenden Quellen durch Steinumbau schützen konnte, hat man^ was das Beste ist^ ein kleines Bassin in der Xähe der Wohn- ung des Försters oder des Leiters einer Station erbaut, damit er öfters ohne zu grosse Beschwerde für sich nach den Eiern sehen kann, dann geht die eigentliche Noth erst an. Die Forellen sind in unsern Wäs- sern auf ein Minimum geschwunden und man ist froh, wenn man end- lich einige erlangt hat. Die mir z. B. ins Haus zum Verkauf gebrach- ten Thiere waren meist matt, hatten zeitweilig schon einige Tage im Halter gestanden und froh Eier zu haben, wurden so viel ausgedrückt, als beim leichten Drucke Eier abgingen. Matte Fische lassen die Eier dann auch in grosserer Menge gehen und man verunreinigt seine Kästen mit unreifen Eiern von Haus aus. Unsere Bäche sind meist zu klein, um das ßlilleische Verfahren, die Fische an Bindfäden in den Bach zu hän- gen, nachzuahmen. Das Beste sind hier jedenfalls Teiche, die nur einen kleinern Umfang haben und leicht abgelassen werden können, was auch hier wiederum nur bis Anfang December gewöhnlich möglich ist, da es gewöhnlich dann noch keinen allzu harten Winterfrost giebt. Da nun aber bei uns die Streichzeit von November bis Februar dauert, so ist die Aufbewahrung in solchen Teichen fast noch das Einzige, was Erfolg verspricht. Wer soll zur spätem Streichzeit im Winter selbst die Forellen aus dem Bache fangen ? Scheut sich nicht Jeder vor der Kälte der Gewässer in unserm kalten Klima? Es bleibt demnach nichts übrig, als zur Zeit, wo die Forellen streichen, sie in kleine Teiche zu sammeln und zeitweilig, wenn milde Witterung eintritt, sie dort heraus zu fan- gen und Versuche des Abstreichens in gewissen Zwischenräumen zu machen. Endlich bitte ich, dass man auf die Mahnung höre, den Schlamm und die fleckig werdenden oder die weiss gewordenen Eier sofort zu entfernen. Je mühsamer die Leiter der Station oder ihre Leute sind, um so bessere Erfolge wird sie haben. So zog der Herr Förster Ho/il- feld in Solmsdorf aus einer einzigen Büchse mit circa 200 Eiern gegen 80 Junge. Die grösste Thorheit ist es, die Eier, ohne diese Reinigung vorzunehmen, stehen zu lassen, weil man sich wohl auch einbildet, man müsse die Natur nachahmen und dürfe die Eier nicht stören. Der Strom des Flusses geht heute auch schneller, wie morgen, es giebt da auch Wechsel und Störung, und es steht Niemand am Bache, der mit einem Dynamometer die Stromkraft regulirt. Ausserdem zeigt es aber zugleich von Avenig Kenntniss, wenn man, um die Natur nachzu- ahmen, die schlechten Eier liegen lässt. Schlechte Eier sind leichter, als gute. Diese sinken, aufgerührt, schnell zu Boden, jene schwimmen und tlottiren länger im Wasser herum , ohne sich wieder zu setzen. Dadurch erhält der freie Wasserstrom in der Natur die Kraft, die schlech- ten Eier abzusondern von den guten. In unsern Brutkästen und Brut- 149 büchseii ist diess uunKijj^lich , deshalb müssen wir die schlechten aus- lesen. Sorgsam entferne man also alle Eier, die eben schlecht zu wer- den beginnen, und versuche hier zuerst den ilUnet&chen Kochsalzzusatz in besondern Büchsen, aber im untersten Troge des Apparates, indem man eine kleine Menge Salz von Zeit zu Zeit einstreut. Sieht man im Kasten oder in der Büchse ein weisses oder rothes 1/3" langes tausend- fuss ähnliches Insekt, so suche man seiner, eben sowie der jungen im Wasser herumschwimmenden Saugwürmer unter allen Verhältnissen hab- haft zu Averdeu. Erstere sind oft schwer zu linden. Leere Eischaalen die in den Kästen herumschwimmen, lassen den Feind vermuthen, der oft innerhalb der Eier sich eingebohrt hat und leicht unsern Augen entgeht. Oft entfernt man ihn unbewusst, zum Glück für seine Anstalt, 'mit den weissen Eiern, da er nur in solchen- lebt und auch deshalb ist die Reinigung von solchen Eiern anzuempfehlen. Die Brutbüchsen sind A or den grösseren Wasserraubthieren durch ihre Deckel geschützt. Auf